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Neudatierung: Stonehenge könnte älter sein als Ägyptens Pyramiden

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Forscher revidieren ihre Annahmen über Stonehenge: Der erste Steinkreis wurde offenbar Jahrhunderte früher errichtet als bislang angenommen. Stimmt die Neudatierung - dann waren die Erbauer den Ägyptern und Babyloniern bei Logistik und Architektur weit voraus.

Um 3000 vor Christus lag über den Zivilisationen Europas und Asiens noch tiefe Dunkelheit. Babylon war gerade mal ein Dorf. Die Indogermanen waren noch nicht in Griechenland angekommen. Die Ägypter stiegen zum ersten Mal auf wackelige Boote und wagten sich auf das Mittelmeer, Pyramiden gab es noch keine. Noch nicht einmal Pferde hatte man domestiziert. Nur in England herrschte reges Treiben. Während die späteren Hochkulturen noch friedlich in der Wiege der Zivilisation schlummerten, schleppten fleißige Waliser 260 Tonnen Blaustein aus ihrer Heimat in eine Ebene im Süden der Insel und bauten damit einen Steinkreis.

Dass in Stonehenge tatsächlich so früh bereits die ersten Steine standen, haben in den vergangenen Wochen die Archäologen des Riverside Projects unter der Leitung von Mike Parker Pearson herausgefunden. Mit diesen neuen Ergebnissen schreiben die Wissenschaftler die Geschichte des Monuments – und damit in gewisser Weise sogar die Geschichte des europäischen Neolithikums - um.

Nach bisherigen Erkenntnissen wurden die ersten der mächtigen Steinblöcke etwa um 2600 vor Christus aufgestellt. Stimmt aber die neue Datierung von 3000 vor Christus, gibt es zwei Möglichkeiten.

Die erste wäre, dass tatsächlich im Salisbury Plain eine Hochkultur lebte, die bereits Jahrhunderte vor allen anderen diese logistische und architektonische Meisterleistung vollbringen konnte. Wer waren dann diese unbekannten Genies?

Oder standen damals lebenden Menschen - das ist die zweite Möglichkeit - mit ihrem Wissen gar nicht alleine da? Vielleicht würde eine sorgfältige Überprüfung der Datierungen von Pyramiden und Palästen europaweit dazu führen, den Beginn der Technikgeschichte um einige Jahrhunderte vorzuverlegen.

"Die Datierung hängt an einem einzigen Getreidekorn"

Datierungen sind eine schwierige Angelegenheit. Erst Ende September hatten die Archäologen Tim Darvill und Geoff Wainwright in der populären BBC-Archäologiesendung "Timewatch” verkündet, die Blausteine von Stonehenge seien um 2300 vor Christus errichtet worden und damit dreihundert Jahre jünger als gedacht. Aber "die Datierung hängt an einem einzigen Getreidekorn – die meisten Archäologen finden das als Beleg nicht akzeptabel", beschwert sich Mike Pitts, der gemeinsam mit Parker Pearson und Julian Richards an der Neudatierung auf 3000 vor Christus gearbeitet hat. "Charles Darwin wies bereits im Jahr 1877 nach, dass Erdwürmer in Stonehenge die Befunde gehörig durcheinandermischen können”, spottet der Ausgräber.

Den Beweis für ihre Datierung fanden die Archäologen des Riverside Projects an unerwarteter Stelle, am Boden eines lange bekannten Loches, des sogenannten Aubrey Hole Nummer sieben. Von diesen 1,1 mal 0,9 Meter großen Löchern umringen insgesamt 56 den äußeren Steinkreis der Anlage. Sie wurden im Jahr 1920 entdeckt, und die ersten Ausgräber William Young und Robert Newall hielten sie bereits für die Abdrücke von großen Blausteinen.

Die Theorie wurde jedoch in den fünfziger Jahren verworfen, als zwei weitere Aubrey Holes ausgegraben wurden. Denn obwohl sie klar nicht als Gräber angelegt sind, fanden die Ausgräber darin vereinzelte Niederlegungen von verbrannten Knochen und Asche und interpretierten die Löcher als rituelle Gruben.

Vorhersage von Sonnenfinsternissen?

In den Sechzigern dann kamen Astronomen und schlugen vor, dass es sich bei den Aubrey Holes um die Fundamente von Messgeräten für die Vorhersage von Sonnen- und Mondfinsternissen gehandelt habe. Und seit einer groß angelegten Studie der nationalen Denkmalpflegeorganisation English Heritage im Jahr 1995 heißt es, hier hätten einst Holzpfeiler gesteckt, die allerdings keine astronomische Funktion innehatten. Die Studie von English Heritage stellt für die Anlage folgende offizielle Datierung auf:

  • Um 3000 vor Christus formten ein Graben und eine Holzkonstruktion erstmals einen rituellen Kreis.
  • Von 2900 bis 2600 vor Christus wird Stonehenge als Friedhof für Brandbestattungen genutzt.
  • Um 2600 vor Christus beginnen die Arbeiten an den Steinkreisen, die in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu arrangiert und ergänzt werden, bis sie um 1600 vor Christus die uns heute vertraute Form erhalten. Dabei hievten die Baumeister außer den 260 Tonnen Blaustein aus Wales noch weitere 1700 Tonnen der sogenannten Sarsen-Steine aus der näheren Umgebung herum.

Für Archäologen ist eine solche Ausgrabung wie die des Aubrey Hole Nummer sieben alles andere als verlockend. Bereits zweimal hatten sich Vorgänger durch die Grube gewühlt. Zum ersten Mal bei der Entdeckung 1920 und dann noch einmal im Jahr 1935, als die damaligen Ausgräber dort eine Sammlung von Knochen wieder bestatteten, die aus dem Kontext der Aubrey Holes stammten.

Um diese Knochen ging es dem Riverside Project in erster Linie. Die erneute Beerdigung war niemals dokumentiert worden. Doch in seinem privaten Tagebuch hatte einer der frühen Ausgräber das Ereignis notiert. Tatsächlich stießen Parker Pearson, Pitts und Richards auf eine Bleiplatte mit den Daten der Neubestattung und darunter auf einen Knochenhaufen. Die Reste der etwa 50 Individuen sollen nun den Winter über noch einmal mit den neusten wissenschaftlichen Methoden auf Geschlecht, Gesundheitszustand und Alter untersucht werden.

"Die Standspuren sind eindeutig"

Doch bei keiner der beiden Grabungen des vergangenen Jahrhunderts waren die Ausgräber offensichtlich bis auf den Grund der Grube vorgestoßen. Und dort wartete die Überraschung: eine zerquetschte Schicht komprimierten Kalksteins. So eine Formation entsteht nur, wenn auf dem bröckeligen Gestein, das den Grund der ganzen Ebene von Salisbury bildet, über lange Zeit ein tonnenschweres Gewicht lagert.

"Ich grabe seit 30 Jahren in diesem Kalk", sagt Pitts im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Standspuren eines großen Steins sind hier ganz eindeutig." Der Fund passt zu den alten Aufzeichnungen von 1920. Schon damals waren den Ausgräbern am Boden von drei der Aubrey Holes Kalkkrusten aufgefallen. "Wir behaupten, dass sehr früh in der Geschichte von Stonehenge 56 walisische Blausteine in einem Ring mit 87 Metern Durchmesser standen”, verkünden die Ausgräber am heutigen Donnerstag in einer Presseerklärung.

Der Terminus "sehr früh in der Geschichte" hängt an den Knochen aus der Grube. Auch wenn nicht alle aus dem Aubrey Hole Nummer sieben stammen, so wurden die meisten doch entweder in oder in unmittelbarer Nähe der Gruben gefunden. Dort können sie aber erst hingeraten sein, als die Steine nicht mehr da waren.

Die älteste der ersten drei Stichproben aus dem Knochenhaufen wurde auf 3000 vor Christus datiert. Das heißt, dass die Gruben spätestens zu Beginn des 3. Jahrtausends vor Christus bereits wieder leer und die schweren Steine an eine andere Stelle versetzt gewesen sein müssen. Kurz vor Veröffentlichung der spektakulären Neudatierung gibt sich Pitts noch relativ gelassen: "Natürlich wird es Kollegen geben, die unsere Ergebnisse anzweifeln", prognostiziert er, "aber in erster Linie bin ich sehr gespannt, was sie sagen werden.”

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