Neue Gentherapie DNA-Pistole soll Krebs bekämpfen

Gentherapien sind problematisch, weil die Gene in die Zellen bisher mit Viren geschleust wurden. Und die können selbst neue Leiden auslösen. Forscher wollen nun nackte DNA mit hohem Druck direkt an ihr Ziel schießen - zum Beispiel mitten in einen zu bekämpfenden Tumor.


Die Euphorie ist schnell dem Entsetzen gewichen: Zahlreiche Forschergruppen haben weltweit schon vor Jahren Gentherapien ausprobiert - und sind gescheitert. Menschen starben, andere hatten schwerwiegende Nebenwirkungen und gefährliche Infektionen. Noch heute hat das riesige Forschungsfeld vor allem ein Problem: Die Transportvehikel für die Gene sind unberechenbar. Wissenschaftler schleusen die DNA-Stücke meist auf dem Rücken von Viren in die Zielzellen, doch der Preis dafür ist hoch: Die Organismen können mitunter selbst schwere Krankheiten auslösen.

Modell der menschlichen DNA: Reparatur durch nackte Gene
DPA

Modell der menschlichen DNA: Reparatur durch nackte Gene

In Berlin haben Forscher jetzt einen neuen Ansatz ausprobiert: Sie katapultierten ein nacktes Gen ohne Verpackung in das Zielgewebe, wie die Wissenschaftler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch und der Charité in der Fachzeitschrift "Clinical Cancer Research" berichten. Mit der sogenannten Jet-Injektion spritzten sie das Gen zielgenau in Tumoren. "Das ist ein Druckluft getriebenes System, das ohne Nadeln auskommt", beschreibt Wolfgang Walther vom MDC im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die verwendete Technik.

Zum Einsatz kommen könnte die Jet-Injektion in Zukunft zum Beispiel bei Haut- oder Brustkrebspatienten. Insgesamt könnte das Genmaterial einen halben bis einen Zentimeter tief in den Körper eindringen. Doch bis das so weit sein kann, müssen die Forscher erst die Ungefährlichkeit und Wirksamkeit ihres Ansatzes nachweisen.

Ein erster Schritt dazu ist ihnen gelungen: Die Ärzte spritzten 17 Probanden mit Tochtergeschwulsten von bösartigem Haut- und Brustkrebs "nacktes" DNA-Material. Schwere Nebenwirkungen gab es nach Angaben der Wissenschaftler nicht. Nach zwei bis sechs Tagen entfernten die Mediziner die veränderten Hautstellen und untersuchten das Gewebe. Sie entdeckten, dass das zugeführte Genmaterial in allen Fällen wirksam geworden war.

Nach diesen sogenannten Phase-I-Tests, in der die Sicherheit von neuen Therapien geprüft wird, wollen die Wissenschaftler nun mit Hilfe der Jet-Injektion andere Gene einsetzen: DNA-Stücke, die in Tumoren ein Selbstmordprogramm der Krebszellen anstellen. "In Tierversuchen konnten wir bereits zeigen", so Walther, "dass der Tumor mit Hilfe dieser Technik kleiner wird."

Zwar bestehe bei dem neu entwickelten Verfahren das Risiko, dass auch gesundes Gewebe bei der Injektion mit erreicht wird. Das sei aber vergleichsweise unproblematisch, da es in diesem Fall zusammen mit dem Tumor absterbe: "Das ist die gleiche Situation wie bei einer Chemotherapie", so die Forscher.

hei/chs



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