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Neue Krankheitsfälle: Schweinegrippe erreicht Nahost und Neuseeland

In Ostasien gibt es den ersten dringenden Verdacht, Israel und Neuseeland bestätigen Infektionen: Nach Amerika und Europa erreicht die Schweinegrippe neue Weltregionen, die WHO hält eine Eindämmung der Seuche für derzeit kaum möglich. Hessen erwägt nun, die Flughafenkontrollen zu verschärfen.

Jerusalem/Seoul/Frankfurt - Die Schweinegrippe zieht mit beeindruckendem Tempo von Kontinent zu Kontinent. Israel hat am Dienstag die erste Infektion bestätigt: Ein 26-jähriger Mann sei mit der Krankheit aus Mexiko zurückgekehrt, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Dienstag. Bei einem weiteren Mann bestehe der Verdacht einer Ansteckung. In Neuseeland wurde das gefährliche Virus vom Typ A/H1N1 bei gleich elf Menschen identifiziert, erklärte das Gesundheitsministerium.

Auch in Asien gibt es einen ersten Verdachtsfall: In Südkorea wurde eine Frau nach einem Mexiko-Aufenthalt positiv auf den Schweinegrippe-Erreger getestet, wie die zuständigen Behörden mitteilten. Die abschließenden Tests stünden aber noch aus. Derzeit befinde sich die 51-Jährige in Quarantäne. Auch die 315 anderen Insassen des Flugzeugs, mit dem die Frau aus den USA nach Südkorea zurückgekehrt war, würden untersucht.

Drei neue Verdachtsfälle in Deutschland

In Deutschland wurden am Dienstag drei neue Verdachtsfälle bekannt. Dabei handele es sich um ein Ehepaar und einen Mann aus Süddeutschland, wie das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) mitteilte. Bei zwei Patienten sei die Wahrscheinlichkeit allerdings gering, dass sie an Schweinegrippe erkrankt seien. Die Frau habe leichte Symptome gezeigt, ihr Mann sei zur Sicherheit mit untersucht worden.

Bei dem dritten Patienten besteht nach Angaben des Staatssekretärs im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, der Verdacht, dass er an einer Grippe vom Typ Influenza A erkrankt sei. Ob es sich aber um den spezifischen neuen Erreger handele, sei noch völlig offen. Ergebnisse der Untersuchung seien frühestens am späten Abend zu erwarten. Bei zwei zuvor gemeldeten Verdachtsfällen in Bielefeld wurde inzwischen weitgehend Entwarnung gegeben.

Am Montag war der A/H1N1-Erreger erstmals in Europa nachgewiesen worden: Spanien meldete die erste Infektion. Am Dienstag wurde dort ein zweiter Fall bestätigt: In Valencia wurde ein Patient in einem Krankenhaus positiv auf das Virus getestet, wie Gesundheitsministerin Trinidad Jimenez mitteilte. Der Zustand des Betroffenen sei aber nicht ernst. Auch in Großbritannien gibt es inzwischen zwei Infizierte.

Alle europäischen Patienten waren in Mexiko gewesen, wo es bislang die meisten Opfer der Seuche gibt. In seinem Land seien inzwischen vermutlich 152 Menschen an der Grippe gestorben, sagte Mexikos Gesundheitsminister José Angel Córdova am Montagabend. Bislang wiesen die Behörden den Erreger A/H1N1 bei 20 Toten nach, die Zahl der wegen einer mutmaßlichen Schweinegrippe-Infektion behandelten Patienten stieg auf 1614. In den USA wurden inzwischen rund 50 Erkrankungen bestätigt, Todesfälle gab es dort vorerst noch nicht.

WHO: Eindämmung kaum noch möglich

In Australien wuchs die Zahl der Verdachtsfälle sprunghaft auf 70. In allen australischen Bundesstaaten mit Ausnahme eines einzigen Bundesstaats wurden Fälle bekannt, wie die Behörden am Dienstag mitteilten. Zuvor waren 17 Verdachtsfälle bekannt gewesen. Gesundheitsministerin Nicola Roxon sagte, es sei "mindestens möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich", dass in den kommenden Tagen Infektionen mit dem gefährlichen Erreger nachgewiesen würden. Das Außenministerium in Canberra warnte vor Reisen nach Mexiko.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte ihre Pandemie-Warnung am Montag von der dritten auf die vierte von insgesamt sechs Stufen angehoben. Der stellvertretende WHO-Generaldirektor Keiji Fukuda räumte aber ein, dass eine Eindämmung derzeit kaum möglich sei, da das Virus sich bereits auf mehrere Länder ausgebreitet habe.

Schärfere Sicherheitsmaßnahmen am Frankfurter Flughafen?

In Deutschland könnten demnächst die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden. Das Land Hessen prüft nach der verschärften Pandemie-Warnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) strengere Kontrollen am Frankfurter Flughafen. "Wir sind noch im Abstimmungsprozess, ob weitere Maßnahmen ergriffen werden", sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums am Dienstag. Darüber gebe es auch Gespräche mit dem Flughafenbetreiber Fraport. Am Frankfurter Flughafen selbst gibt es nach Angaben eines Sprechers noch kein Sonderverfahren zur Kontrolle von aus Mexiko einreisenden Passagieren.

Die WHO hat bisher zwar weder die Schließung von Grenzen noch Einschränkungen für den Reiseverkehr empfohlen. Allerdings erwägen immer mehr Staaten von sich aus eine Verschärfung der Maßnahmen. In Japan etwa gingen Ärzte und Krankenschwestern an Bord aller Flugzeuge aus Mexiko, den USA und Kanada, um die Passagiere auf Anzeichen der Grippe zu untersuchen. In Taiwan soll das Gleiche ab Mittwoch geschehen. Überall in Asien mussten sich Passagiere aus Nordamerika mit Hilfe von Wärmescannern untersuchen lassen. Wer erhöhte Körpertemperatur aufwies, wurde eingehender untersucht.

Zu einem Zwischenfall kam es am Montagabend in der westlichen Schweiz: Im Wagen eines Intercity-Zuges zerbarst ein Behälter mit dem Schweinegrippe-Virus. Laut Polizei handelte es sich aber um eine für den Menschen ungefährliche Variante. Die Viren waren im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für dessen Genfer Zentrum bestimmt, um dort einen Test zur Erkennung der Schweinegrippe zu entwickeln. Die Behörden lösten umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen aus.

mbe/AFP/Reuters/AP

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