Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neue Leitlinien: Wissenschaftler warnen vor unseriösen Stammzelltherapien

Von

Parkinson, Herzinfarkt, Multiple Sklerose, Diabetes - viele Krankheiten wollen Mediziner einmal mit Stammzellen heilen. Noch ist es nicht soweit, manche Kliniken aber haben es eilig und wollen jetzt schon Kasse machen. Wissenschaftler sind besorgt.

Auf Stammzellen ruhen enorme Erwartungen, nicht weniger als eine Revolution der Medizin erhofft man sich von den Wunderzellen. Und tatsächlich können Wissenschaftler schon jetzt spektakuläre Erfolge verbuchen: Erst kürzlich gelang es Ärzten, einen Aids-Patienten mit Stammzellen virenfrei zu bekommen; einer Frau wurde eine Luftröhre mit neugezüchtetem Gewebe aus körpereigenen Stammzellen eingesetzt, und einem Schlaganfallpatienten implantierten deutsche Ärzte Stammzellen ins Gehirn - woraufhin sich seine Symptome stark verbesserten. Dennoch: All diese Durchbrüche sind noch experimentell. Die routinemäßige Anwendung von Stammzellen am Patienten ist Zukunftsmusik.

Gewinnung embryonaler Stammzellen: "Zahlreiche Kliniken weltweit beuten die Hoffnungen von Patienten aus"
AP

Gewinnung embryonaler Stammzellen: "Zahlreiche Kliniken weltweit beuten die Hoffnungen von Patienten aus"

Die unzureichende wissenschaftliche Datenbasis hindert aber manche Ärzte nicht daran, schon jetzt Stammzelltherapien anzubieten. Offensiv werben sie damit auf ihren Internet-Seiten, um Patienten zu gewinnen. Die Internationale Gesellschaft für Stammzellforschung ISSCR ist über diese Entwicklung sehr besorgt und hat sich nun dazu entschlossen, Richtlinien für den klinischen Einsatz von Stammzellen zu formulieren.

Dabei verweisen Stammzellforscher immer wieder darauf, dass noch viele Fragen und Risiken ungeklärt sind. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Stammzellen Krebs hervorrufen", warnt Jürgen Hescheler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung, auf SPIEGEL ONLINE. Es sei auch möglich, dass sich die Zellen am Einsatzort zu einem unerwünschten Gewebetyp entwickelten.

"Zahlreiche Kliniken weltweit beuten die Hoffnungen von Patienten aus, indem sie behaupten, Schwerkranke mit neuen und effektiven Stammzelltherapien behandeln zu können", heißt es in den Richtlinien, die die Gesellschaft im Fachmagazin "Cell Stem Cell" und auf ihrer Homepage veröffentlicht hat. Und das typischerweise für hohe Geldsummen und ohne zuverlässige Belege oder Patientenabsicherungen. Besonders "besorgniserregend" ist es laut ISSCR, wenn schwerkranke Patienten dann zu diesen Kliniken reisten, die ihnen Heilungen versprechen - fernab jeglicher medizinischer Standards. Auch einen Patientenratgeber hat die ISSCR veröffentlicht.

Jürgen Hescheler begrüßt den Schritt: "Es ist wichtig, die schwarzen Schafe zu identifizieren. Es geht um die Seriosität der Stammzellforschung."

So geriet beispielsweise an der Innsbrucker Universität die Behandlung von Inkontinenzpatienten mit adulten Stammzellen zum Skandal. Patienten fühlten sich um die hohen Behandlungskosten betrogen und klagten, weil sich die versprochenen Behandlungserfolge nicht einstellten. Zudem war die Studie offenbar gar nicht genehmigt gewesen.

Die chinesische Klinik Beike Biotech betreibt Stammzelltherapien offenbar schon im großen Maßstab. Mehr als 3000 Patienten mit neurologischen Störungen habe man schon behandelt, heißt es auf der Web-Seite www.beikebiotech.com. Darunter Krankheiten wie ALS, Alzheimer, Multiple Sklerose und Querschnittslähmung - wissenschaftliche Studien zur Stammzelltherapie dieser Krankheiten am Menschen sucht man vergebens, denn es gibt keine. Laut Angaben der Klinik aber kann man große Erfolge verbuchen: 70 bis 80 Prozent der Patienten seien mit der Behandlung zufrieden, heißt es auf der Web-Seite.

In einer begleitenden Studie in " Cell Stem Cell" haben sich Wissenschaftler um Timothy Caulfield von der University of Alberta in Kanada die Webseiten von 19 Kliniken angesehen, die Stammzelltherapien anbieten - darunter Einrichtungen in Indien, den Philippinen, Mexiko, Thailand, China, Barbados, Türkei, Costa Rica, Russland und das Xcell-Center in Köln.

Die Forscher untersuchten, wie ausgewogen die Kliniken ihre Therapien darstellten. In den meisten Fällen wurde die Behandlung neurologischer und kardiovaskulärer Erkrankungen angeboten. Die eingesetzten Zellen waren meist körpereigene adulte Stammzellen, fötale Stammzellen, Stammzellen aus Nabelschnurblut oder embryonale Stammzellen. Durchschnittliche Kosten einer Therapie bei den untersuchten 19 Kliniken: 21.500 US-Dollar (16.950 Euro). Reisekosten und Unterkunft nicht inbegriffen.

Das Fazit der Autoren: Risiken würden verschwiegen oder heruntergespielt. Fast immer priesen die Kliniken die Therapien als sicher, effektiv und als Routineeingriff an, obwohl die wissenschaftliche Datenbasis dies nicht stütze.

Darüber hinaus bezweifeln Caulfield und seine Kollegen, ob in den meisten Fällen überhaupt Stammzellen zum Einsatz kommen. Es gebe eine Vielzahl an Zelltypen und nur eine begrenzte Zahl an Wissenschaftlern, die überhaupt imstande seien, die richtigen Stammzellen zu erkennen und herauszufiltern. Deshalb, so Caulfield und seine Kollegen, müsse man davon ausgehen, dass die angebotenen Stammzelltherapien gar nicht mit reinen Stammzellen durchgeführt würden - und womöglich sogar ganz ohne Stammzellen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: