Neue Röntgenstudie: Tausende verstrahlt - weil Arztpraxen ums Überleben kämpfen

Von Markus Becker

Mehr als 2000 Deutsche pro Jahr erkranken durch Röntgenuntersuchungen an Krebs. In einer internationalen Studie belegt Deutschland damit den europäischen Spitzenplatz. Der Hauptgrund: In zu vielen Arztpraxen müssen sich teure Geräte bezahlt machen.

Röntgenuntersuchung: Studie gibt Deutschland einen traurigen Spitzenplatz
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Röntgenuntersuchung: Studie gibt Deutschland einen traurigen Spitzenplatz

Medizinische Geräte sind die größten künstlichen Verursacher von Röntgenstrahlung: Weltweit sind sie für rund 14 Prozent der jährlichen Dosis verantwortlich, wie eine Studie der Vereinten Nationen ergab. Dass Röntgen-Untersuchungen ein Krebsrisiko darstellen, war schon früher bekannt. Forscher der britischen Oxford University aber haben jetzt im Fachmagazin "The Lancet" das nach eigenen Angaben bisher umfangreichste Zahlenmaterial zur strahlenden Gefahr vorgelegt - und Deutschland unter 15 Industrienationen einen traurigen Spitzenplatz zugewiesen.

Mit 1254 jährlichen Strahlendiagnosen pro 1000 Einwohner werden deutsche Ärzte nur noch von ihren japanischen Kollegen übertroffen, die es auf fast 1500 Untersuchungen bringen. Die britischen Forscher schätzen, dass 1,5 Prozent der 136.600 jährlichen Krebserkrankungen in Deutschland von medizinischen Geräten ausgelöst werden - was einer Zahl von 2049 Patienten entspricht. Frauen sind mit 1,7 Prozent stärker betroffen als Männer mit 1,3 Prozent.

Deutsche Ärzte sind Röntgen-Weltmeister

In anderen Industriestaaten gehen Ärzte dagegen weit sparsamer mit Röntgenbildern und Computertomographien um. In Großbritannien etwa kommen der Studie zufolge auf 1000 Einwohner knapp 500 Röntgenuntersuchungen. Nur 0,6 Prozent aller Krebserkrankungen werden demnach durch die medizinischen Geräte ausgelöst - die geringste Quote im internationalen Vergleich. Ähnliche Ergebnisse gab es in Holland, Schweden und Finnland.

Im September 2003 kam eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz und des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg zu ähnlichen Ergebnissen. Darin war Deutschland mit fast 1,7 Untersuchungen pro Jahr und Einwohner der Röntgen-Weltmeister - und auch in Sachen Strahlendosis absolute Spitze: Mit zwei Millisievert pro Jahr ist die durchschnittliche jährliche Strahlenbelastung pro Kopf doppelt so hoch wie in Frankreich und sogar viermal so hoch wie in den USA.

"Wer skrupellos ist, verdient sich eine goldene Nase"

Peter Herzog und Christina Rieger von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität argumentieren in einem begleitenden Kommentar in "The Lancet", dass der Nutzen der Röntgenuntersuchungen trotz allem größer sei als ihr Schaden. "Die Möglichkeit einer frühen Behandlung heilt wahrscheinlich mehr Krebsfälle, als die Strahlung verursachen kann", schreiben die Mediziner, die allerdings nicht an der Oxford-Studie beteiligt waren.

Patientenvertreter sehen das freilich anders. Christian Zimmermann, Präsident des Allgemeinen Patientenverbandes, übte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE scharfe Kritik am "unverantwortlichen" Verhalten der deutschen Mediziner. "Wer sich als Röntgenarzt niederlässt, hat wegen der Geräte Investitionen im Millionenbereich. Das muss sich natürlich amortisieren."

Viele Ärzte wählten wegen miserabler Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung in den Krankenhäusern den Weg in die Selbständigkeit - mit dem Ergebnis, dass es ein Überangebot an Arztpraxen gebe. "In München gibt es mehr Computertomographen als in ganz Italien", sagt Zimmermann. "Frisch niedergelassene Ärzte kämpfen um Patienten, während die Etablierten ihre Position mit Klauen und Zähnen verteidigen." Viele Mediziner würden so viele Röntgenuntersuchungen wie möglich durchführen, um ihre Kosten zu decken - auch wenn die Risiken bekannt seien. "Wer es anders macht, dem droht die Pleite. Und wer skrupellos genug ist, verdient sich eine goldene Nase."

"Selbstüberweisung" ins eigene Röntgenlabor

Hinzu kommt eine Besonderheit des deutschen Gesundheitssystems, die zu Missbrauch geradezu einlädt: "Bei uns darf im Prinzip fast jeder Arzt röntgen", sagt Bernd Hamm, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft. "Etwa 70 Prozent des normalen Röntgens finden nicht in der Radiologie statt."

Nur in einem Land seien ähnlich viele Ärzte pro Einwohner ermächtigt, Röntgenbilder anzufertigen: In Japan, wo nach der Oxford-Studie drei Prozent aller Krebserkrankungen durch medizinische Geräte verursacht werden. Die so genannte Teilgebietszulassung, die in Deutschland auch Nicht-Radiologen zur Röntgendiagnose berechtigt, führt nach Ansicht von Experten dazu, dass zahlreiche niedergelassene Ärzte die "Selbstüberweisung" ihrer Patienten praktizieren - ins eigene Röntgenlabor.

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