Neue Schätzung: 200 Millionen Menschen nehmen illegale Drogen

Jedes Jahr greifen 200 Millionen Menschen weltweit zu illegalen Drogen wie Haschisch, Marihuana, Kokain oder Heroin. Forscher fordern nun strengere internationale Verträge gegen den Missbrauch. Bis jetzt habe es zu viele Schlupflöcher gegeben.

Drogenkonsumenten in Indien (2007): Genaue Zahlen schwer zu ermitteln Zur Großansicht
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Drogenkonsumenten in Indien (2007): Genaue Zahlen schwer zu ermitteln

London - Illegale Drogen werden oft im Verborgenen eingenommen - und deswegen ist die Zahl ihrer Konsumenten schwer zu schätzen. Das britische Wissenschaftsmagazin "Lancet" hat nun den Versuch einer Bilanz unternommen und erschreckende Zahlen veröffentlicht. Demnach greifen jährlich 200 Millionen Menschen weltweit zu illegalen Drogen. In der Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen ist demnach jeder 20. betroffen, in den hochentwickelten Industrieländern ist die Missbrauchsquote am höchsten.

"Lancet" stützt sich auf insgesamt drei Studien. Die erste stammt von australischen Forschern um Louisa Degenhardt von der University of New South Wales in Sydney und Wayne Hall von der University of Queensland, eine zweite von einem Team um John Strang vom King's College in London. Die dritte Untersuchung haben Robin Room von der University of Melbourne und Peter Reuter von der University of Maryland verfasst.

Die Forscher um Degenhardt und Hall gehen davon aus, dass weltweit zwischen 125 und 203 Millionen Menschen Cannabisprodukte wie Haschisch oder Marihuana einnehmen. Kokain oder Opiate wie Heroin liegen mit bis zu 21 Millionen Konsumenten deutlich dahinter. Weltweit gibt es demnach zwischen 11 und 21 Millionen Menschen, die sich Rauschgift spritzen.

Klar ist aber auch: Legale Drogen wie Alkohol gefährden Gesellschaften weit mehr als Heroin und co. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit jährlich 2,5 Millionen Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum - wie etwa durch Herz- und Lebererkrankungen oder Autounfälle - sterben. In Deutschland gibt es nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Mechthild Dyckmans jedes Jahr mindestens 73.000 Todesfälle infolge von Alkoholmissbrauch. Dazu kommen etwa 110.000 Todesfälle, die von den direkten Folgen des Rauchens verursacht werden. Weitere 3.300 sterben demnach an den Folgen des Passivrauchens.

Illegale Drogen scheinen in Australien und Neuseeland durchaus beliebt zu sein - allein 15 Prozent der 15- bis 64-Jährigen nehmen dort Cannabis, schreiben die Wissenschaftler unter Berufung auf Zahlen der Vereinten Nationen. Opiate sind dagegen im Nahen Osten besonders nachgefragt. Gesundheitspolitisch sind diese Drogen die problematischsten: Jeder vierte Konsument werde lebenslang abhängig, auch bestehe die Gefahr von Todesfällen durch Überdosierung. Hinzu komme das Risiko der Übertragung schwerwiegender Virusinfektionen wie Aids.

Warnungen verhallen ungehört

Die EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) hat in ihrem letzten Bericht gewarnt, dass neue synthetische Drogen Europa geradezu überfluten. "Das größte Problem bei synthetischen Drogen besteht darin, dass die Leute nicht wirklich wissen, was sie nehmen", erklärte Behördenchef Wolfgang Götz. "Bei einem Joghurt steht auf der Packung, was drin ist, bei einer Pille nicht. Wenn die Leute diese Substanzen dann auch noch mit anderen legalen oder illegalen Drogen mischen, kann es zu großen gesundheitlichen Problemen und auch zum Tod führen."

Götz forderte die Politik auf, daraus Konsequenzen zu ziehen: "Die politischen Drogenstrategien und -interventionen der EU müssen jetzt darauf abgestimmt werden, die Herausforderung des nächsten Jahrzehnts zu bewältigen."

Die Forscher um John Strang beklagen in "Lancet" einen großen Mangel an politischem Vermögen im Umgang mit dem Drogenproblem. "Ein Großteil der öffentlichen Debatte basiert auf nur minimalen Informationen aus der Wissenschaft", kritisiert Strang. Die Autoren plädieren für ein hartes Vorgehen gegen den Drogenkonsum: Hohe Preise und schnelle Bestrafungen könnten dem Drogenhandel - und damit auch dem Konsum - am ehesten zusetzen.

Internationale Verträge müssten sicherstellen, dass etwa Opiate nicht illegal, sondern in der Medizin als Schmerzmittel eingesetzt werden. Dies sei bisher etwa in ärmeren Ländern nicht ausreichend möglich, argumentiert Room. Immer wieder seien Schlupflöcher und Sonderklauseln in den Verträgen genutzt worden, um deren eigentlichen Sinn zu umgehen.

chs/dpa

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