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Neue Studie: Fukushima-Strahlung ist viel höher als behauptet

Von Cinthia Briseño

Die Folgen der Fukushima-Katastrophe sind weit schlimmer als bisher angenommen. Eine neue, detaillierte Studie schätzt, dass doppelt so viel Cäsium 137 in die Atmosphäre gelangt ist, wie die japanische Regierung berechnet hat. Experten müssen nun untersuchen, welche Gesundheitsrisiken bestehen.

Experten der IAEA begutachten die AKW-Ruine Fukushima: Radioaktives Desaster Zur Großansicht
REUTERS

Experten der IAEA begutachten die AKW-Ruine Fukushima: Radioaktives Desaster

Die Katastrophe passierte am 12. März 2011 um 15.36 Uhr. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kommt es an Block 1 zu einer Explosion, die Detonation zerreißt das Dach und den oberen Teil des Reaktorgebäudes. Der erste Schwall radioaktiver Partikel wird in die Luft geschossen, eine radioaktive Wolke steigt auf - es ist nicht die letzte. In den Tagen darauf folgen drei weitere Explosionen. Jedes Mal werden Abermillionen radioaktiver Partikel in die Luft geschleudert. Im Keller der Reaktoren entstehen Lecks, radioaktive Wasserbrühe gelangt ins Meer und in den Boden. Doch wie viel Strahlenmaterial ist seit dem Desaster insgesamt in die Umwelt gelangt?

Diese Frage erörtern Experten seit Beginn der atomaren Katastrophe, änderten und korrigierten ihre Schätzungen immer wieder. Jetzt liegt eine neue, umfassende Studie eines internationalen Forscherteams vor. Das Ergebnis ist düster: In Folge des nuklearen Desasters soll zweimal mehr des gefährlichen Cäsium 137 in die Atmosphäre entwichen sein, als von den japanischen Behörden bisher geschätzt. Das entspreche 40 Prozent jener Menge Cäsium 137, die bei der Tschernobyl-Katastrophe freigesetzt worden war - und der zweitgrößten Freisetzung von Cäsium 137 in der Geschichte der Menschheit.

Welche Folgen das für die Bevölkerung haben könnte, lässt sich nur schwer abschätzen. Noch meiden Strahlenforscher konkrete Vorhersagen, wie hoch das zusätzliche Krebsrisiko für die Japaner sein könnte. Dafür müssen Experten noch herausfinden, wie hoch die tatsächliche Strahlenbelastung für die einzelnen Personen war und künftig sein wird. Dazu zählt nicht nur die Belastung durch radioaktive Partikel in der Luft - vor allem über kontaminierte Lebensmittel können die gefährlichen Cäsiumpartikel in den Körper gelangen und so zu einem erhöhten Krebsrisiko beitragen.

Auch heute, 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl, konnte statistisch bisher nur beim Schilddrüsenkrebs bei Kindern ein klarer Zusammenhang nachgewiesen werden. In Japan hat die Regierung deshalb bereits mit einer Massen-Krebsvorsorge für Kinder begonnen.

Obgleich die Forscher um Andreas Stohl vom norwegischen Institut für Luftforschung sich für ihre neue Studie auf die Daten eines weltweiten Netzwerks von unabhängigen Messstellen stützten, ist die Analyse des riesigen Datenkonvoluts lediglich eine Annäherung an den tatsächlichen Gesamtwert freigesetzter Radioaktivität: Die Analyse beschränkt sich auf die Freiwerdung der radioaktiven Isotope Cäsium 137 und Xenon 133 in die Atmosphäre - die ins Meer gelangte Menge jedoch bleibt unberücksichtigt.

Großteil ging aufs Meer hinaus

Das Resultat gehört zu einer der detailliertesten Auswertungen, die es bisher zu dem Thema gibt: Zu Beginn der Katastrophe konnten Experten nur grobe Schätzungen abgeben. So veröffentlichte etwa das französische Amt für Nuklearsicherheit IRSN kurz nach dem Desaster erste Modellrechnungen, wonach im Verlauf von nur wenigen Tagen bereits ein Zehntel des Strahlenmaterials in der Umwelt gelandet sei, das 1986 in Tschernobyl freigesetzt wurde. Während die Internationale Atomenergiebehörde IAEA die Rechnungen seinerzeit für übertrieben hielt, wird jetzt deutlich, dass die Schätzungen offenbar zu niedrig angesetzt worden sein könnten.

Allerdings ist die neue Veröffentlichung von der Expertengemeinde bisher nicht begutachtet worden. Das Fachmagazin "Atmospheric Chemistry and Physics", in dem die Studie jetzt erschienen ist, verfährt anders als die meisten Wissenschaftsjournale: Es stellt seine Veröffentlichungen zunächst online frei zur Verfügung. Sowohl Wissenschaftler als auch die ernannten Gutachter können acht Wochen lang über die Daten diskutieren und öffentlich ihre Kommentare abgeben. Erst wenn die Gutachter ihre abschließende Bewertung abgegeben haben, erscheint die Publikation in der gedruckten Ausgabe des Journals.

Bleibt abzuwarten, was andere Experten und insbesondere die japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa sowie die IAEA zu sagen haben. Bisher entzieht sich die Nisa einer offiziellen Stellungnahme, man hätte die veröffentlichten Daten noch nicht geprüft, heißt es seitens der Behörde. Die in Wien ansässige Atombehörde IAEA geht in ihrem Zwischenbericht vom Juni davon aus, dass insgesamt etwa 15 Peta-Becquerel Cäsium 137 in die Atmosphäre geschleudert wurden - die neue Studie kommt auf einen Wert von knapp 36 Peta-Becquerel. Allerdings stützen sich die Daten der IAEA maßgeblich auf Auswertungen der Nisa sowie des japanischen Umweltministeriums - und damit weitestgehend nur auf die Messgeräte vor Ort.

Diese Analysen, so die Autoren der Studie, berücksichtigten deshalb nicht jene Menge Radioaktivität, die über dem Meer deponiert wurde. Das Team um Stohl geht anhand seiner Simulationen und Berechnungen davon aus, dass nur 19 Prozent der gesamten Cäsium-137-Menge über dem Festland niedergegangen ist, während der Rest aufs Meer hinausgetragen wurde.

Opferentschädigung offen

Dass die Schätzungen der japanischen Behörden deutlich unter den jetzt veröffentlichten Werten liegen, verwundert angesichts des bisherigen Umgangs der Regierung mit der Atomkatastrophe nicht: Bereits im August war öffentlich geworden, dass die japanischen Atomaufsichtsbehörden die Bevölkerung über die Ausbreitung der atomaren Wolke im Unklaren gelassen hatte - und so möglicherweise Tausende von Menschen einem erhöhten Strahlenrisiko ausgesetzt hat.

Derzeit erarbeitet die IAEA ihren Abschlussbericht zur Katastrophe von Fukushima, er wird für Mitte November erwartet. Ganz gleich wie hoch die Ergebnisse über die Emissionswerte ausfallen werden - fest steht, dass die japanische Regierung vor einer Mammutaufgabe steht. Mehrere Millionen Kubikmeter Boden um das havarierte Kraftwerk sind radioaktiv kontaminiert und müssen entsorgt werden. Insbesondere Cäsium 137 gilt aufgrund seiner Eigenschaften und seiner langen Halbwertszeit von 30 Jahren als schädlich für die menschliche Gesundheit.

Einem Bericht in der japanischen Tageszeitung "Nikkei" zufolge will Tepco, die Betreiberfirma des Katastrophenmeilers, umgerechnet 8,55 Milliarden Euro Staatshilfe beantragen. Damit sollen die Insolvenz abgewendet und Entschädigungszahlungen an Opfer der Katastrophe geleistet werden.

Einem Tepco-Sprecher zufolge will das Unternehmen zusammen mit der Regierung einen Geschäftsplan vorstellen. Darin soll erklärt werden, wie Tepco den Entschädigungsforderungen von Anwohnern und Unternehmen infolge der Atomkatastrophe im März nachkommen will. Das Volumen der Forderungen wird auf 4,5 Billionen Yen geschätzt. Über die Höhe der erbetenen Staatshilfe machte das Unternehmen keine Angaben. Bisher haben die Opfer des Unglücks noch keine Zahlung aus dem im vergangenen Monat geschaffenen staatlichen Hilfstopf erhalten.

Mit Material von dpa

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1. ...
hasenfuss27 28.10.2011
Zitat von sysopDie Folgen der Fukushima-Katastrophe sind weit schlimmer als bisher angenommen. Eine neue, detaillierte*Studie schätzt, dass doppelt so viel Cäsium 137 in die Atmosphäre gelangt ist, wie die japanische Regierung berechnet hat. Experten müssen nun untersuchen, welche Gesundheitsrisiken*bestehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,794517,00.html
Ach nein, wirklich, wer hätte das bloss gedacht... PS: Sarkasmus inkl...
2. ....
Kupferfisch 28.10.2011
Zitat von sysopDie Folgen der Fukushima-Katastrophe sind weit schlimmer als bisher angenommen. Eine neue, detaillierte*Studie schätzt, dass doppelt so viel Cäsium 137 in die Atmosphäre gelangt ist, wie die japanische Regierung berechnet hat. Experten müssen nun untersuchen, welche Gesundheitsrisiken*bestehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,794517,00.html
Ist doch egal, für die Folgekosten aus Entschädigungen und Medizin muß eh der Geschädigte (Steuerzahler) aufkommen. Ebenso wie für die "Entschädigungen" des Schädigers. Schöne billige Atomindustrie! Auf in eine strahlende Zukunft!
3. .
Narn 28.10.2011
Ja, das ist jetzt aber eine Überraschung!
4. Gefahr für die Bevölkerung
the_flying_horse, 28.10.2011
Zitat von hasenfuss27Ach nein, wirklich, wer hätte das bloss gedacht... PS: Sarkasmus inkl...
Aber eine Gefahr für die Bevölkerung hat nie bestanden... [Politikergeschwafel AUS]
5. kt
Hador, 28.10.2011
Zitat von sysopDie Folgen der Fukushima-Katastrophe sind weit schlimmer als bisher angenommen. Eine neue, detaillierte*Studie schätzt, dass doppelt so viel Cäsium 137 in die Atmosphäre gelangt ist, wie die japanische Regierung berechnet hat. Experten müssen nun untersuchen, welche Gesundheitsrisiken*bestehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,794517,00.html
Eine noch nicht begutachtete wissenschaftliche Vorveröffentlichung reicht jetzt also schon aus um eine SPON Titelschlagzeile zu bekommen? Das nenne ich mal wahren Journalismus....
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Fotostrecke
AKW-Ruine Fukushima: Plane für Reaktor 1

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.
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Das Leben nach Fukushima: Entseuchung der Heimat


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