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Neue Studie: Übergewichtige leben nicht immer gefährlich

Übergewicht, Bluthochdruck, Herzinfarkt - diesen Dreiklang haben viele Mediziner inzwischen verinnerlicht. Eine neue US-Studie aber zeigt: Viele Übergewichtige haben normale Blutwerte. Rauchen, Bewegungsmangel und Alter scheinen eine viel größere Rolle zu spielen.

"Wir müssen Gewicht und Gesundheitsrisiken völlig neu betrachten", meint MaryFran Sowers von der University of Michigan. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie Daten einer umfassenden Erhebung des US-Gesundheitsministeriums aus den Jahren 1999 bis 2004 ausgewertet. Bei insgesamt 5440 Personen wurden Gewicht, Größe und Blutfettwerte erfasst, außerdem wurden die Leute über ihr Ausmaß an sportlicher Aktivität und ihre Rauchgewohnheiten befragt.

Übergewicht: BMI möglicherweise zu ungenau für Risikoabschätzung
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Übergewicht: BMI möglicherweise zu ungenau für Risikoabschätzung

Die Ergebnisse sind erstaunlich: Übergewicht und Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen offenbar nicht - wie bisher gedacht - automatisch einher.

Laut der Studie hatten etwa die Hälfte aller übergewichtigen Personen (51,3 Prozent) und rund ein Drittel aller Fettleibigen (31,7 Prozent) nahezu normale Blutdruck- und Blutfettwerte. Hingegen besaßen drei Viertel (76,5 Prozent) der Normalgewichtigen normale Blutwerte. Die Studie wurde im Fachmagazin " Archives of Internal Medicine" veröffentlicht.

Schon im Jahr 2007 hatte eine Studie ergeben, dass Menschen mit moderatem Übergewicht keiner erhöhten Todesgefahr durch Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden ausgesetzt sind.

Die Ergebnisse zeigten, dass Stereotypen bei Körpergewicht irreführend sein könnten, sagte Sowers. Auch schlanke Personen könnten ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen besitzen, die normalerweise mit Übergewicht und Fettleibigkeit in Verbindung gebracht würden.

Unabhängig vom Gewicht traten Herz-Kreislauf-Probleme vermehrt bei älteren Personen, Rauchern und sportlich Inaktiven auf. Bei den Fettleibigen waren in der Altersgruppe zwischen 50 und 64 nur ein Fünftel gesund, während es bei jüngeren Fettleibigen die Hälfte war.

Hüftumfang besserer Indikator für Gesundheitsrisiko

Laut Judith Wylie-Rosett, Co-Autorin der Studie und Ernährungswissenschaftlerin am Albert Einstein College of Medicine in New York, unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig Bewegung zur Erhaltung der Gesundheit sei - und zwar auch für normalgewichtige Personen. Schon im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler gezeigt: Übergewicht schadet der Gesundheit nicht weiter - wenn man den schweren Leib stetig bewegt. Hingegen könnte für Herz-Kreislauf-Risikopatienten Gewichtsverlust nur wichtig "aus kosmetischen Gründen" sein, wie Wylie-Rosett sagte.

Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsucht-Epidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.

Die "Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (KiGGS) hat ergeben, dass 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig sind. Bei rund 6,3 Prozent liegt eine Adipositas vor. Der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen ist im Vergleich zu den Referenzdaten aus den Jahren 1985-1999 um 50 Prozent gestiegen.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body Mass Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body Mass Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI häng vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29
Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40
.
Die Studie heizt eine schon seit längerem andauernde Diskussion unter Gesundheitsexperten und Medizinern an, die das bisherige Definitionskriterien für Übergewicht - den Body-Mass-Index - als zu ungenau kritisieren. Demzufolge gilt als ein BMI zwischen 25 und 30 als Übergewicht, ein Wert über 30 als Fettleibigkeit. Manche Experten halten dagegen den Hüftumfang für einen besseren Indikator für Gesundheitsrisiken.

Die Studie gibt den BMI-Kritikern nun Auftrieb: Erhöhte Blutdruck- und Blutfettwerte unter Normalgewichtigen traten häufiger bei Personen mit größerem Hüftumfang oder dickeren Bäuchen auf. Beides sind Anzeichen für möglicherweise erhöhte Fettablagerungen an inneren Organen - wie frühere Studien zeigten, ist dies ein Herz-Kreislauf-Risikofaktor. Umgekehrt hatten Übergewichtige und Fettleibige mit normalen Blutwerten eher einen kleinen Hüftumfang verglichen mit den Risikopatienten.

lub/AP

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