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Neue Studien: CO2-Ausstoß steigt kräftig - Klimapolitik verpufft

Dramatische Trendwende: Noch in den neunziger Jahren ging der Ausstoß des Klima-Killers Kohlendioxid allmählich zurück. Doch jetzt steigt er nach neuen Daten der Uno wieder, und zwar satt. Experten warnen zur neuen Klimakonferenz in Nairobi vor verheerenden Folgen - auch für die Wirtschaft.

Uno-Klimasekretär Yvo de Boer wurde deutlich, als er am Montag in Bonn den neuen Klimareport der Weltgemeinschaft vorstellte: "Wir müssen sehr dringend auf den Klimawandel reagieren. Sonst wird es sehr teuer." Er verwies auf wissenschaftliche Studien, die diese These untermauern - und ging damit in die gleiche Richtung wie der frühere Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern in London, der als wirtschaftlicher Gutachter der britischen Regierung zeitgleich eine nicht minder drastische Warnung aussprach: Er erwartet eine Weltwirtschaftskrise, wenn die Folgen des Klimawandels nicht bekämpft werden.

Negative Trendwende: Seit 2000 steigen die CO2-Emissionen der Industrieländer wieder an
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Negative Trendwende: Seit 2000 steigen die CO2-Emissionen der Industrieländer wieder an

Der Uno-Klimareport zeigt im Detail, dass sich die Entwicklung genau in die falsche Richtung gedreht hat. Der wichtigste Messwert für den menschlichen Einfluss auf das Weltklima, der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2), steigt kräftig. Seit dem Jahr 2000 nimmt der Ausstoß an Kohlendioxid nicht mehr ab wie im Jahrzehnt davor - sondern wieder zu. Und zwar zwischen 2000 bis 2004 um insgesamt 2,4 Prozent, hat das Uno-Klimasekretariat errechnet.

Heizt die Menschheit der Erde im Angesicht des Crashs noch mal ordentlich ein? Die Nachrichten aus Bonn und London fachen die Debatte vor der Weltklimakonferenz in Nairobi an: Dort werden in der kommenden Woche Wirtschafts- und Umweltpolitiker der Staatengemeinschaft Antworten auf diese Fragen suchen: Ist die Menschheit auf dem richtigen Weg aus der befürchteten Klimakatastrophe? Wie stark müssen die Anstrengungen verstärkt werden? Und was kommt nach Kyoto?

Erbitterter Streit steht bevor. Denn ein massiver Wandel bei Energiegewinnung und Schwerindustrie, Verkehr und Konsum wäre dringend nötig. Zur Mitte des Jahrhunderts müsse der CO2-Ausstoß wahrscheinlich um 60 bis 80 Prozent verringert werden, zumindest in den Industrieländern, sagte de Boer.

60 bis 80 Prozent - dagegen wirken die zaghaften Klimaschutz-Erfolge in den neunziger Jahren geradezu winzig. In dem Jahrzehnt waren die CO2-Werte gesunken, vor allem wegen des Zusammenbruchs des Ostblocks und der weltweiten wirtschaftlichen Abkühlung, auch wegen umweltfreundlicherer Technik. Doch selbst wenn man dieses Jahrzehnt einrechnet, ist der CO2-Ausstoß zwischen 1990 und 2004 gerade mal um 3,3 Prozent gesunken. Ein läppischer Erfolg für 15 Jahre, gemessen an den versprochenen Anstrengungen im Klimaschutz.

Trendwende in die falsche Richtung

Zu dem verheerenden Gesamtergebnis haben die 41 untersuchten Industriestaaten unterschiedlich beigetragen:

  • Deutschland verringerte seine Emissionen zwischen 2000 und 2004 immerhin noch um bescheidene 0,7 Prozent - zwischen 1990 und 2004 waren es infolge des Zusammenbruchs der ostdeutschen Wirtschaft ingesamt minus 17,2 Prozent. Das sei "ziemlich nah dran an der Zielvorgabe des Kyoto-Protokolls", sagte Sergej Kononow vom Bonner UN-Klimasekretariat.
  • Die USA legten zwischen 2000 und 2004 noch 1,3 Prozent zu und erhöhten zwischen 1990 und 2004 ihren CO2-Ausstoß um satte 15,8 Prozent.
  • Die stärksten Zuwachsraten zeigten zwischen 1990 und 2004 jedoch die Türkei (72,6 Prozent), Spanien (49 Prozent) und Portugal (41 Prozent)
  • Boomende Volkswirtschaften wie China und Indien wurden dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Die Idee des Protokolls von Kyoto war: Bis 2012 reduzieren die Industriestaaten ihren Klimagasausstoß schon mal, später kommen auch die Entwicklungsländer dazu. Dieses Konzept wird durch die Trendwende seit 2000 schwer beschädigt. Das wird die Verhandlungen für eine Nachfolgeregelung zusätzlich erschweren - gerade weil die Hauptleidtragenden der Folgen des Klimawandels in den Entwicklungsländern leben. Afrika werde am stärksten betroffen sein, hatte der britische Klimagutachter Nicholas Stern festgestellt. Gleichzeitig verursachen die Menschen dort besonders wenig der schädlichen Gase.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat eingestanden: Die EU-Staaten werden ihre selbst gesteckten Ziele zur CO2-Verringerung wahrscheinlich nicht erfüllen. Dabei fehlt es in Europa nicht einmal am prinzipiellen Konsens, dass zuviel Kohlendioxid in der Atmosphäre vom Menschen verschuldet wird - und die globale Erwärmung befördert. "Sie ist keine Erfindung von einigen Umweltschützern", sagte Barroso, "sie ist ein ernstes Problem, das die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten bedroht." Bei einer Energiekonferenz am heutigen Montag in Lissabon betonte der Chef der EU-Kommission dann allerdings vor allem Fragen der Versorgungssicherheit und Konkurrenzfähigkeit.

Für die unerfreuliche Trendwende beim CO2-Ausstoß macht die Uno vor allem die wirtschaftliche Erholung im ehemaligen Ostblock und den internationalen Luftverkehr verantwortlich - der gegenwärtig äußert dynamisch wächst.

"Wir können wachsen und grün sein"

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas hatte es unlängst als "sehr wichtige Entwicklung" bezeichnet, dass in den USA Industrie-Schwergewichte wie Shell oder Wal-Mart eigene Richtlinien zum CO2-Einsparen erlassen. Einzelne Bundesstaaten wie Kalifornien setzen genau jene Politik um, welche die Bush-Regierung seit Jahren blockiert. Ganz sanft, so scheint es, entdecken auch die USA ihr grünes Gewissen.

Doch Europa muss sich an die eigene Nase fassen, zeigen die Zahlen der Uno: Bis 2020 müsse hier der CO2-Ausstoß um 30 Prozent und bis 2050 um 60 Prozent sinken, fordert der Stern-Report. Demnach würde es jährlich ein Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes kosten, die Emissionen jetzt zu drosseln. "Das ist machbar", sagte Nicholas Stern, "wir können wachsen und grün sein." Würde der Klimawandel ignoriert, bestünden Risiken für die Wirtschaft und das Sozialwesen "ähnlich denen, die mit den Weltkriegen und der Wirtschaftskrise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden".

Der britische Premierminister Tony Blair sagte bei der Vorstellung des Berichtes: "Investitionen werden sich auszahlen. Nicht nur für die Umwelt, sondern auch wirtschaftlich." Die Welt könne allerdings nicht "wieder fünf Jahre verhandeln wie beim Kyoto-Abkommen - wir haben einfach nicht so viel Zeit und wir müssen akzeptieren, dass wir weit darüber hinaus gehen müssen". Auch diese Bemerkung zielte in Richtung Nairobi.

stx/AFP/AP/dpa

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