Neue Theorie Kohlefeuer soll "Titanic"-Katastrophe ausgelöst haben

Hat nicht Ehrgeiz, sondern ein technischer Defekt die "Titanic" in den Untergang geschickt? Einer neuen Theorie zufolge war ein außer Kontrolle geratenes Kohlefeuer dafür verantwortlich, dass das Schiff mit Volldampf in ein Eisberggebiet rauschte.


"Titanic"-Untergang (zeitgenössische Zeichnung): Hat ein Kohlefeuer die Katastrophe ausgelöst?
DPA

"Titanic"-Untergang (zeitgenössische Zeichnung): Hat ein Kohlefeuer die Katastrophe ausgelöst?

Es war eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Seefahrt: Am 15. April 1912, um 2.20 Uhr morgens, versank die "Titanic" nach einer Kollision mit einem Eisberg im eiskalten Nordatlantik. 1517 Menschen starben, die meisten von ihnen aus der unterprivilegierten dritten Klasse. Viel zu schnell war das Schiff in ein Gebiet voller Eisberge gefahren. Die Verantwortung für das Unglück wurde zumeist dem Ehrgeiz von Kapitän Edward Smith und der Erbauerfirma White Star Line zugeschrieben, die das "Blaue Band" für die schnellste Atlantiküberquerung ergattern wollten.

Der Ingenieur Robert Essenhigh von der Ohio State University ist anderer Meinung: Nicht der flammende Eifer der Verantwortlichen, sondern ein außer Kontrolle geratenes Kohlefeuer habe die "Titanic" mit Volldampf ins Verderben rasen lassen, erklärte der Forscher auf der Jahrestagung der Geological Society of America in Denver.

Hafenbehörden wussten vom Kohlefeuer

Rumpf des "Titanic"-Wracks: Dezimierte Kohlevorräte
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Rumpf des "Titanic"-Wracks: Dezimierte Kohlevorräte

Dokumente deuteten auf einen Schwelbrand in einem der Kohlebunker der "Titanic" hin, sagte Essenhigh. Auch die Feuerwehren in den Häfen von Southampton und Cherbourg seien darüber informiert gewesen. Brände im Kohlevorrat von Dampfschiffen waren damals ein häufiges Problem, das mit einem Standardverfahren bekämpft wurde: Die Kohle wurde schneller als üblich aus dem Bunker in die Kessel geschaufelt, und wenn die brennende Kohle erreicht war, landete auch sie im Kessel.

Normalerweise war die Gefahr damit gebannt, im Fall der "Titanic" aber hatte die Routinemethode fatale Folgen, wie Essenhigh glaubt: Die erhöhte Kohlezufuhr habe die Maschinen auf volle Leistung getrieben und das Schiff deutlich zu schnell in das Eisberggebiet fahren lassen. Ein rechtzeitiges Abbremsen sei unmöglich gewesen.

Brennstofflager nur halbvoll

Gegen die Ehrgeiz-Theorie sprächen auch andere Indizien. Anhand der heute verfügbaren Aufzeichnungen könne kein Zweifel daran bestehen, dass die "Titanic" nicht für hohes Tempo, sondern für maximalen Komfort gebaut gewesen sei. Zudem seien die Kohlebunker historischen Dokumenten zufolge nur zur Hälfte gefüllt gewesen, als die "Titanic" von Southampton aus zu ihrer Jungfernfahrt aufbrach.

"Titanic"-Speisekarte: Luxusliner war nicht für maximale Geschwindigkeit gebaut
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"Titanic"-Speisekarte: Luxusliner war nicht für maximale Geschwindigkeit gebaut

"Wegen eines Bergarbeiterstreiks gab es nicht genügend Kohle, um das Schiff mit Höchstgeschwindigkeit fahren zu lassen", sagte Essenhigh. Die sechs Kohlebunker der "Titanic" hätten beim Auslaufen jeweils nur 800 Tonnen Kohle enthalten. "Ursprünglich war vorgesehen, die Reise in aller Ruhe mit halber Geschwindigkeit zu absolvieren." Die dezimierten Kohlevorräte im Wrack der "Titanic" ließen aber den Schluss zu, dass das Schiff mit hoher Geschwindigkeit unterwegs war.

Essenhigh schätzt anhand von Experimenten, die in den fünfziger Jahren an der Sheffield University durchgeführt wurden, dass die Kohlevorräte der "Titanic" bei Volldampf um etwa zweieinhalb Zentimeter pro Stunde gefallen wären. Die Schiffsfeuerwehr hätte demnach einen Schwelbrand, der in der oberen Hälfte des Bunkers begonnen hätte, vor der Kollision mit dem Eisberg nicht erreichen können. Die Kessel der "Titanic" hätten zum Zeitpunkt der fatalen Kollision unter vollem Druck gestanden - und das Schiff ungebremst in den Untergang getrieben.



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