Neue Therapie: Musik soll Tinnitus vertreiben

Lehrer und Manager gelten als besonders gefährdet, aber es kann jeden treffen: Tinnitus, der Dauerton im Ohr, kann Betroffene berufsunfähig machen oder gar in den Selbstmord treiben. Forscher wollen den inneren Ton jetzt durch Töne von außen verstummen lassen.

Tinnitus kann viele Ursachen haben. Tumoren im Kopf gehören ebenso dazu wie Infektionen, bestimmte Medikamente oder Lärm wie etwa zu laute Musik in der Diskothek, erläutert Peter Pinkert, Chef der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Heidelberger Universität. Auch starke Verspannungen der Halsmuskulatur oder massiver, anhaltender Stress könnten einen Tinnitus nach sich ziehen, der Patienten arbeitsunfähig machen und sie im Extremfall gar in den Suizid treiben könne.

Tinnitus: Unaufhörliche Geräusche quälen die Betroffenen
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Tinnitus: Unaufhörliche Geräusche quälen die Betroffenen

Bisherige, teilweise umstrittene Therapien umfassen die Verabreichung von Kortison, lokalen Betäubungsmitteln oder Psychopharmaka. Auch Psychotherapie oder Tricks wie die Maskierung des Störgeräusches durch einen Zimmerspringbrunnen werden zu Hilfe genommen.

Wissenschaftler um Hans Volker Bolay vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung wählen nun einen völlig neuem Therapieansatz. Gemeinsam mit der Universität Heidelberg starten sie Anfang Januar 2006 eine Studie, bei der die Behandlung mit Musikinstrumenten im Mittelpunkt steht. Klavier, Pauke und Gong sollen Patienten helfen, den unerwünschten Ton im Kopf zu vertreiben.

Erste Versuche seien Erfolg versprechend verlaufen: In der Pilotphase habe sich das Ohrgeräusch bei sechs von zehn Patienten um durchschnittlich 53 Prozent verringert. Bei drei Patienten sei der Tinnitus sogar vollständig verschwunden. Auch ein halbes Jahr nach der Behandlung habe der Erfolg angehalten, erklärt Bolay.

Tinnitus wird benutzt statt bekämpft

Der Trick der aus dem psychologischen und psychiatrischen Fach kommenden Forscher ist es, keinerlei Maßnahmen gegen den Tinnitus zu ergreifen, sondern mit ihm zu arbeiten. "Tinnitus ist ein akustisches Ereignis, Musik auch", sagt Bolay. "Die Patienten lernen, musikalische Freundschaft mit dem Tinnitus zu schließen, der während des Musikhörens nicht mehr stört." Die neue Methode eignet sich nach Angaben der Forscher für die Behandlung mittelschwerer chronischer Tinnitus-Erkrankungen, bei denen der Patient einen Ton oder mehrere Töne, beispielsweise ein Pfeifen, hört, nicht aber Geräusche wie Knirschen oder Zischen.

Zunächst wird mit einem Sinusgenerator exakt die Tonfrequenz der Störung bestimmt. In weiteren Therapieschritten muss der Patient etwa den Ton zum Hintergrundklang eines großen Gongs, eines Vibrafons oder eines Klaviers "umsingen".

Durch gezieltes Training soll der Patient wieder aktiv zum Hören auf der bis dahin gestörten Frequenz erzogen werden. Es ist ein charakteristisches Phänomen, dass Patienten ein Tonintervall, in dem ihre Tinnitusfrequenz enthalten ist, unbemerkt falsch singen, erläutert Bolay. Zugleich werden Stressfaktoren angegangen, die den Tinnitus nach Ansicht der Wissenschaftler oft über Jahre erhalten.

Schnelltherapie in nur einer Woche im Test

Die Heidelberger Forscher wollen ihre neue Methode einem größeren Test unterziehen. 75 Patienten mit chronischem Tinnitus sollen für die Studie unter strenger wissenschaftlicher Kontrolle behandelt werden: 50 mit Musiktherapie, 25 mit herkömmlichen medikamentösen Methoden.

Bei der Musiktherapie soll noch weiter unterschieden werden. 25 Patienten absolvieren zwölf Wochen lang je eine Sitzung pro Woche, die anderen 25 bewältigen die Behandlung innerhalb nur einer Woche mit zwei Sitzungen pro Tag. Erste Versuche wiesen darauf hin, dass die Schnelltherapie ebenso wirksam sei wie die längere Behandlung, berichtet die Psychologin Heike Argstatter.

Die Arbeit der Musiktherapeuten hat noch einen weiteren, wissenschaftlich hoch interessantenAspekt. Mit modernsten bildgebenden Verfahren wie der Magnetenzephalographie konnte gezeigt werden, dass im Hörzentrum des Gehirns normalerweise bestimmte Zellbereiche genau bestimmten Hörfrequenzen zugeordnet sind. Bei chronischem Tinnitus feuern dagegen im Bereich der Störfrequenz andere Zellen. Die sonst relativ gerade Linie der dem Frequenzspektrum zugehörigen Zellen franse aus, erläutert Bolay.

Die Forscher wollen nun herausfinden, ob sich durch ihre Therapie diese Fehlaktivität auch in den Bildern erkennbar zurückbildet. Bolay: "Das wäre eine Sensation."

Joachim Sondermann, AP

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