Neue Unfall-Details AKW-Leitstelle in Krümmel war voller Rauchgas

Neue haarsträubende Details über den Unfall im Atomkraftwerk Krümmel: Jetzt wurde bekannt, dass bei dem Trafo-Brand gefährliches Rauchgas in die Leitwarte des AKW eingedrungen ist - ein Mitarbeiter musste eine Gasmaske tragen. Auch Daten sollen verlorengegangen sein.


Kiel/Berlin/Hamburg - Während des Trafo-Brands beim Atomkraftwerk Krümmel vor gut einer Woche ist nach neuen Erkenntnissen der Atomaufsicht Rauchgas in die Leitwarte des AKW eingedrungen. Das zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium teilte am heutigen Freitag mit, dass der Mitarbeiter eine Gasmaske aufsetzen musste, um seinen Dienst fortsetzen zu können.

Proteste vor dem AKW Krümmel: Beim Brand drang Rauchgas in die Kontrollwarte ein
REUTERS

Proteste vor dem AKW Krümmel: Beim Brand drang Rauchgas in die Kontrollwarte ein

Damit nicht genug: Bei der Schnellabschaltung des Reaktors seien offensichtlich auch nicht alle Daten der Anlage gespeichert worden. Dies seien weitere "Auffälligkeiten" - neben dem bereits festgestellten Ausfall einer Wasserpumpe sowie dem unplanmäßigen Öffnen mehrerer Ventile von Hand, teilte das Ministerium mit. Der AKW-Betreiber Vattenfall müsse dies erklären. Vattenfall bestätigte auch, dass zeitweise die Eigen-Stromversorgung des Reaktors ausfiel.

Wie Vattenfall heute erklärte, ist das Atomkraftwerk Krümmel nach dem Brand im Transformatorgebäude durch ein Missverständnis schneller als geplant heruntergefahren worden. Der sogenannte Reaktorfahrer habe eine Anweisung seines Vorgesetzten falsch verstanden, sagte Bruno Thomauske, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH. Die schnelle Reduzierung des Drucks im Reaktor von 65 auf 20 Bar sei für gravierendere Störfälle vorgesehen und objektiv nicht notwendig gewesen. Dazu habe der Mitarbeiter zwei Ventile von Hand geöffnet.

Brunsbüttel-Ausfall könnte Brand in Krümmel ausgelöst haben

Thomauske bestritt, dass der Kurzschluss im Atomkraftwerk Brunsbüttel am vergangenen Donnerstag den Brand in Krümmel verursacht hat. Die Netzsituation sei an diesem Tage "nicht auffällig" gewesen. Der Vattenfall-Manager verwies auch auf den zeitlichen Abstand der Ereignisse von knapp zwei Stunden, der gegen einen Zusammenhang der Ereignisse spreche. Unternehmensprecher Ivo Banek hatte einen Tag nach dem Brand vermutet, dass der Brand in Krümmel direkt durch den Ausfall des Reaktors im Atommeiler Brunsbüttel und die dadurch verursachten Netzschwankungen ausgelöst wurde. Banek sagte am heutigen Freitag auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, diese Hypothese habe am Tag nach dem Brand nahegelegen, sich aber später als falsch herausgestellt. "Wir untersuchen nicht weiter in diese Richtung."

Zur Klärung einer möglichen Vorschädigung des Trafos, die Ursache des Brandes in Frage kommt, soll er nun komplett zerlegt werden. Es könne jedoch Monate dauern, ehe gesicherte Erkenntnisse vorlägen, sagte Thomauske.

Politiker fordern Lizenz-Entzug für Vattenfall

Vattenfall steht wegen seiner Informationspolitik seit Tagen in der Kritik. Die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, sowie mehrere Naturschutzverbände hatten gefordert, dem Unternehmen die Lizenz für den Betrieb von Atomkraftwerken zu entziehen. "Vattenfall hat die Öffentlichkeit nicht über das wirkliche Ausmaß des Zwischenfalls im AKW Krümmel informiert", sagte Künast der "Berliner Zeitung". Dieses grobe Fehlverhalten scheine bei dem Unternehmen mehr die Regel als die Ausnahme zu sein. Die Atomaufsicht müsse umgehend die Konsequenzen ziehen.

Auch die Grünen im Kieler Landtag beantragten am Freitag für die kommende Parlamentssitzung, Vattenfall die Betriebserlaubnis für die Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein zu entziehen. Schon bei der Explosion im AKW Brunsbüttel 2001 habe es bei Vattenfall "massive Verzögerungen und Falschinformationen" gegeben, sagte Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel.

Die zuständige Landessozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) betonte erneut, Krümmel werde so lange nicht wieder ans Netz gehen, bevor nicht alle sicherheitsrelevanten Fragen geklärt seien. Inzwischen legte Vattenfall der Atomaufsicht einen offiziellen Bericht zu den Vorfällen vor, sagte ein Ministeriumssprecher. Laut Vattenfall habe der Vorfall im Reaktor "keine oder nur geringe sicherheitstechnische Bedeutung".

Bundesregierung schaltet sich in Nachforschungen ein

Trauernicht steht inzwischen ebenfalls unter Druck. Die Landes-FDP warf ihr eine "Salamitaktik" vor. Es sei "ungeheuerlich und unverantwortlich, dass die Ministerin die ganze Wahrheit der Öffentlichkeit fünf Tage lang verschwieg", betonte der stellvertretende FDP-Landtagsfraktionschef Heiner Garg.

Inzwischen hat sich auch die Bundesregierung in die Ermittlungen eingeschaltet. Das Berliner Umweltministerium hat Vertreter von Vattenfall und der Atomaufsicht Schleswig-Holstein in die Hauptstadt zitiert. Das "bundesaufsichtliche Gespräch" soll klären, was in Krümmel am 28. Juni genau passiert ist und wie der Reaktor betroffen war. Das Treffen soll am morgigen Samstag oder am Montag stattfinden, teilte das Umweltministerium mit.

Man habe die Landesaufsicht auch gebeten, den Meiler erst nach Rücksprache mit der Bundesaufsicht wieder anfahren zu lassen, hieß es weiter. Das Aufsichtsgespräch soll die "sicherheitstechnische Bedeutung" der Abläufe klären und "die Information von Behörden und Öffentlichkeit durch die Betreiberin zur Sprache" bringen.

mbe/ddp/AFP/dpa



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