Neue Untersuchungen Stonehenge soll Totenstadt gewesen sein

War es eine Pilgerstätte, eine Ufo-Landestätte? Um Stonehenge ranken sich viele Theorien. Ein britischer Archäologe hat nun erstmals Grabfunde auf ihr Alter datiert - und ist sich sicher: Stonehenge war eine Begräbnisstätte - und das für mindestens 500 Jahre.


Mike Parker Pearson, Archäologie-Professor an der University of Sheffield, hat eine Theorie. Und Geoffrey Wainwright, Präsident der Society of Antiquaries, und sein Kompagnon Timothy Darvill von der Bornemouth University haben auch eine. Die Forscher glauben jeweils zu wissen, was Stonehenge war, jenes rätselhafte Monument aus Steinkreisen im Süden Englands.

Stonehenge: Rätsel um die Jahrtausende alte Kultstätte
Ken Geiger

Stonehenge: Rätsel um die Jahrtausende alte Kultstätte

Parker Pearson sagt: Stonehenge war ein Friedhof, eine Stadt für die Toten.

Wainwright und Darvill sagen: Stonehenge war eine Pilger- und Heilstätte, ein steinzeitliches Lourdes.

Nun prescht Parker Pearson vor: Er hat erstmals das Alter von Resten von Feuerbestattungen datiert, die in Stonehenge gefunden wurden - die Überreste eines Erwachsenen und die einer etwa 25 Jahre alten Frau. Der Archäologe datierte sie auf die Zeit von 2930 bis 2870 und auf 2570 bis 2340 vor Christus. Aus dieser zeitlichen Spanne zwischen beiden Bestattungen leitet der Forscher eine Bestätigung für seine Theorie ab: Stonehenge war schon vor 5000 Jahren eine Begräbnisstätte und war das für mindestens 500 bis 600 Jahre. "Im Jahr 3000 vor Christus war Stonehenge der größte Friedhof Großbritanniens", sagte Parker Pearson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Gefunden wurden die Überreste der Feuerbestattungen laut Parker Pearson bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie stammen aus den sogenannten Aubrey Holes, Mulden, die rund um die berühmten Steinkreise liegen und die mit einem Alter von 5000 Jahren zu den ältesten Teilen des Monuments gehören - die ersten Steinkreise wurden erst etwa 2600 vor Christus errichtet. Die sterblichen Überreste lagerten bis heute im Salisbury Museum und wurden laut Parker Pearson jetzt zum allerersten Mal auf ihr Alter hin untersucht.

In Stonehenge wurden viele Menschen feuerbestattet: Insgesamt 49 Gräber fand man in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Archäologe schätzt, dass innerhalb der 600 Jahre wahrscheinlich bis zu 240 Leute in der Kultstätte begraben wurden - Männer, Frauen und auch einige Kinder. "Leider wurden die Grabfunde 1935 wieder vergraben, weil man glaubte, sie seien nicht von Interesse", sagte Parker Pearson. "Daher weiß keiner genau wie viele Leute dort wirklich begraben wurden."

Doch wer wurde an dem Monument tatsächlich bestattet? Andrew Chamberlain, ein Kollege Parker Pearsons, vermutet, dass in den Aubrey Holes möglicherweise nur gehobene Persönlichkeiten begraben wurden - oder sogar nur Angehörige einer einzigen Herrscher-Dynastie.

Stonehenge - eine Stadt der Toten. Und Parker Pearson ist überzeugt: Die Lebenden waren nicht weit. Anfang 2007 hatte er drei Kilometer von Stonehenge entfernt die Reste der steinzeitlichen Anlage Durrington Walls entdeckt. Der Ort entpuppte sich als Nordeuropas größte Steinzeit-Siedlung - 300 Häuser fand er dort. Er glaubt, dass beide Stätten durch einen Fluss verbunden waren. "In Durrington hat man das Leben gefeiert und die Toten verabschiedet, sie auf Booten in den Fluss Avon gesetzt und ins Jenseits geschickt", vermutet der Forscher. "Stonehenge dagegen diente zur gleichen Zeit der Erinnerung an die Toten und als Begräbnisstätte einiger auserwählter Menschen."

Kampf der Theorien, Kampf der Medien

Während Parker Pearson seit Jahren Stonehenge und seine Umgebung erkundet, hatten seine Konkurrenten Wainwright und Darvill im April dieses Jahres inmitten der Steinkreise gegraben. Es waren die ersten Ausgrabungsarbeiten in Stonehenge seit 44 Jahren. Auch diese beiden Forscher haben Indizien für ihre Theorie. Im Mai 2002 fanden Archäologen zwei spektakuläre Gräber in der Nähe von Stonehenge: den Amesbury Archer und die Boscombe Bowmen. Den Archer, oder Bogenschützen, fand man in dem Ort Amesbury, 13 Kilometer von Stonehenge entfernt. Sein Alter schätzt man auf 2300 vor Christus. Der Bogenschütze war ein kräftiger Mann und wurde 35 bis 45 Jahre alt. Vor seinem Tod hatte er sich eine schwere Knieverletzung zugezogen, die zertrümmerten und anschließend entzündeten Knochen müssen ihm qualvolle Schmerzen bereitet haben. Dennoch war er mobil, sowohl ein steinerner Armschutz als auch viele Pfeilspitzen weisen ihn als aktiven Bogenschützen aus. Anhand seines Zahnschmelzes konnten die Wissenschaftler auch seine Herkunft bestimmen: die Alpen, auf dem europäischen Festland.

Die Boscombe Bowmen wurden ein Jahr später entdeckt, südlich von Amesbury. In dem Grab lagen die Reste von sieben Menschen, darunter ein Mann von etwa 30 bis 45 Jahren. Auch in diesem Grab fanden sich Pfeilspitzen, daher der Name "Bowmen". Die erstaunlichste Gemeinsamkeit beider Funde: Auch dieser Mann hatte eine Verletzung, sein linkes Bein war zertrümmert. Zwar waren die Knochen zusammengeheilt, jedoch so schlecht, dass er – genau wie der Amesbury Archer – unter Schmerzen gehumpelt haben muss. Anders als der Archer kamen die Bowmen aber nicht vom europäischen Festland sondern von der Insel, aus Wales. Von genau dort stammen die Steine mit denen Stonehenge errichtet wurde. Irgendwann zwischen 2400 und 2200 vor Christus kamen also die Boscombe Bowmen, wie auch der Amesbury Archer, in die Ebene von Salisbury. Vielleicht in der Hoffnung auf Heilung.

Jede Menge Indizien, aber noch immer keine Beweise. Aus der Konkurrenz der Archäologen Parker Pearson, Wainwright und Darvill ist auch eine Konkurrenz der Medien geworden: Wainwrights und Darvills Ausgrabungsarbeiten werden von der BBC gefördert - Parker Pearson hingegen von der National Geographic Society. Es mag vielleicht kein Zufall sein, dass Parker Pearson seine Ergebnisse schon am 1. Juni im National Geographic Channel präsentiert. Denn Wainwright und Darvill werden ihre Schlussfolgerungen nach Auskunft der BBC in der Sendung "Timewatch" darlegen - frühestens in einem Monat.



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