Neue Ureinwohner-Theorie Zwei Gruppen aus Asien besiedelten Amerika

Sie kamen zeitlich versetzt - und wussten wohl nichts voneinander: Der amerikanische Kontinent ist offenbar von zwei verschiedenen Gruppen besiedelt worden. Eine Bestätigung dieser Theorie leiten Forscher aus tausende Jahre alten Menschenknochen ab.

Doppelte Wanderung nach Amerika: "Komplexer, als es zuvor häufig dargestellt wurde"
Hubbe

Doppelte Wanderung nach Amerika: "Komplexer, als es zuvor häufig dargestellt wurde"


Tübingen - Wie wurde der amerikanische Kontinent besiedelt? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, haben sich Forscher aus Deutschland, Chile und Brasilien Skelette aus Südamerika angesehen, die zwischen 7500 und 11.500 Jahre alt sind. Ihr Fazit: Den Ureinwohner Amerikas gibt es gar nicht.

Beim Vergleich der Skelettformen kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die anatomischen Unterschiede zwischen den prähistorischen Menschen und heutigen amerikanischen Ureinwohnern sehr groß sind. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die frühesten Bewohner der Neuen Welt die direkten Vorfahren der heutigen Population amerikanischer Ureinwohner sind, erklären die Forscher um die Tübinger Paläoanthropologin Katerina Harvati im Online-Magazin PLoS One.

Die Wissenschaftler hatten insgesamt sechs verschiedene Besiedlungsszenarien für die Neue Welt entwickelt. Dazu gehörten unter anderem:

  • eine einzige Besiedlung
  • eine Einwanderungswelle, deren Gruppen sich über die Zeit hinweg an die Umgebung angepasst haben
  • eine zweifache Einwanderung

Die Forscher untersuchten für alle sechs Fälle, wie sich die Besiedlungsstrategie auf die Schädelform ausgewirkt hätte. Am wahrscheinlichsten ist der Studie zufolge, dass zwei Gruppen unabhängig voneinander aus Nordostasien nach Amerika einwanderten.

Frühe Einwanderer aus Nordostasien könnten über die Bering-Straße zwischen dem heutigen Russland und Alaska auf den Kontinent gelangt sein. Dort könnten sie Populationen in Süd- und Zentralamerika begründet haben. "Diese erste Ausbreitung geschah wahrscheinlich vor der Entwicklung der besonderen Schädelmerkmale, die amerikanische Ureinwohner heute auszeichnet", erklären die Forscher. Diese Schädelform wäre dann über eine zweite Einwanderungswelle aus Ostasien über die gleiche Route nach Amerika gekommen.

Frühere genetische Untersuchungen hätten dagegen eher für eine einmalige Besiedlung des Kontinents gesprochen. Die neue Studie mache nun deutlich "dass die Prozesse, die zur Besiedlung Amerikas geführt haben, komplexer sind, als es zuvor häufig dargestellt wurde", schreiben die Autoren.

chs/dpa/apn

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