Neue Warnung Auch Vitamin-C-Pillen steigern Herztod-Gefahr

Erst vor wenigen Tagen haben Mediziner vor einer Herz-Kreislauf-Gefahr durch Vitamin-E-Pillen gewarnt. Nun gerät auch synthetisches Vitamin C ins Zwielicht: Eine Langzeitstudie besagt, dass die Pillen das Risiko einer lebensbedrohlichen Herzkrankheit zumindest für Diabetiker drastisch erhöhen können.

Von Jochen Kubitschek


Vitamin-Tabletten: Pillen sind weniger harmlos als angenommen
GMS

Vitamin-Tabletten: Pillen sind weniger harmlos als angenommen

Erst vor wenigen Tagen hatten US-Wissenschaftler gewarnt, dass in höheren Dosen eingenommenes Vitamin E das Risiko für Herzinfarkte nicht wie angenommen senkt, sondern sogar erhöht. Nun gerät auch das bei vielen Gesundheitsaposteln besonders beliebte Vitamin C ins Visier der Zweifler - zumindest, wenn es als synthetisches Vitamin C in Tabletten daherkommt.

Ein Forscherteam um David R. Jacobs von der University of Minnesota konnte jetzt nachweisen, dass hoch dosiertes Vitamin C in Pillenform die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Teil drastisch erhöhen kann. Ausgerechnet in der wichtigsten Risikogruppe für einen vorzeitigen Herztod - ältere Frauen, die unter Diabetes leiden - können die Pillen das Herzinfarktrisiko nahezu verdoppeln, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "American Journal of Clinical Nutrition".

Schon vor Jahren war den Ärzten aufgefallen, dass die Vitamin-C-Konzentration im Blut vieler Zuckerkranker ungewöhnlich niedrig ist. Dieser für Diabetiker typische Mangel stand als eine der Ursachen für die Häufung einer frühzeitigen Arterienverkalkung und der daraus resultierenden Herzinfarkte in Verdacht.

Trügerische Sicherheit

Vitamin C wird von vielen Menschen zur Vorbeugung gegen Arterienverkalkung eingenommen. Auch viele Zuckerkranke hoffen, dass die frei verkäuflichen Vitaminpillen bei ihnen das Herztodrisiko senken. Denn seit der zweimalige Nobelpreisträger Linus Pauling hohe Dosen von Vitamin C als Vorbeugung gegen viele Krankheiten empfohlen hat, ist die Ascorbinsäure zu einer Art Volksnahrungsmittel avanciert.

Notarzt mit Herzinfarkt-Verdachtsfall: Vitaminpillen sind weniger harmlos als erhofft
DPA

Notarzt mit Herzinfarkt-Verdachtsfall: Vitaminpillen sind weniger harmlos als erhofft

Schaden könne Vitamin C in keinem Fall, lautete bisher die landläufige Meinung. Doch die Untersuchung von Jacobs und seinen Kollegen, durchgeführt über einen Zeitraum von 15 Jahren, scheint nun zu beweisen: Das Gegenteil ist der Fall - zumindest was Zuckerkranke angeht, von denen es in Deutschland zwischen vier und fünf Millionen gibt.

281 der 1923 Diabetikerinnen, die an der Studie teilgenommen hatten, starben während der 15-jährigen Dauer der Untersuchung einen Herztod. Nachdem die Wissenschaftler alle anderen bekannten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen statistisch ausgeschlossen hatten, erlebten sie eine Überraschung: Das höchste Risiko für bedrohliche Erkrankungen der Herzkranzgefässe hatten ausgerechnet jene Diabetikerinnen, die täglich mehr als 300 Milligramm Vitamin C in Pillenform eingenommen hatten. Das war nicht einmal um eine besonders hohe Dosierung: Linus Pauling etwa hatte pro Tag 1000 bis 1800 Milligramm empfohlen. Bei Nicht-Diabetikern hatte die Vitamin-C-Einnahme dagegen keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Herzerkrankungen, schreiben die Forscher.

Zweifel bestanden seit Jahren

Die Zweifel am Sinn der Pillentherapie sind nicht neu. Bereits 2002 wurden im Fachblatt "The Lancet" die Ergebnisse der "Heart Protection Study" veröffentlicht, an der über 20.000 Briten teilgenommen hatten. Nach fünf Jahren Studiendauer kamen die Forscher zu dem ernüchternden Schluss, dass die in hoher Dosierung in Pillenform zugeführten antioxydativen Vitamine E, C und Beta-Carotin zwar keine sofort erkennbaren Schäden angerichtet hatten. Aber auch das Herzinfarkt- oder Krebsrisiko hatten sie, anders als erhofft, nicht gesenkt.

Gefahr aus den Gefäßen:Risikofaktoren für einen Herzinfarkt
DER SPIEGEL

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Warum Vitamin C aber das Herzinfarktrisiko sogar deutlich steigern kann, ist auch für Jacobs und seinen Kollegen ein Rätsel. Bei der Ursachenforschung tippen sie auf die schon länger bekannte Tatsache, dass Ascorbinsäure nicht nur antioxydativ, sondern unter bestimmten Bedingungen auch oxydationsfördernd wirkt.

Diese widersprüchliche Eigenschaft werde offenbar immer dann neutralisiert, wenn Vitamin C als natürlicher Bestandteil von Obst und Gemüse in den Körper aufgenommen wird. Die Förderung der für die Blutgefäße schädlichen Oxydation von Bestandteilen des Nahrungsfetts - besonders des "bösen" LDL-Cholesterins - komme anscheinend dann zur Entfaltung, wenn das Vitamin C in Form synthetisch hergestellter Vitaminpillen in den Stoffwechsel gelangt.

Die von Experten als äußerst wichtig bewertete Untersuchung legt abermals nahe, dass die industriell hergestellten Vitaminpillen keinesfalls die in frischem Obst und Gemüse enthaltenen natürlichen Vitamine vollwertig ersetzen können. Auch die Annahme, dass wasserlösliche und daher mit dem Urin auszuscheidende Vitamine selbst in hoher Dosierung keinen Schaden anrichten können, dürfte der Vergangenheit angehören.



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