Neuer IPCC-Bericht Weltklimarat gesteht zweites Datenleck ein

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen sind vertrauliche Dokumente des Uno-Klimarats IPCC an die Öffentlichkeit gelangt. Eine kanadische Bloggerin hat das Material offenbar von einem der Autoren des kommenden Sachstandsberichts bekommen.

USB-Sticks mit IPCC-Material: "Nicht das Gesetz gebrochen"
Donna Laframboise

USB-Sticks mit IPCC-Material: "Nicht das Gesetz gebrochen"

Von


Nein, Donna Laframboise ist kein Fan des Uno-Klimarats IPCC. Ganz im Gegenteil: Die Journalistin und Feministin ist Autorin des Buches "The Delinquent Teenager Who Was Mistaken for the World's Top Climate Expert" ("Der kriminelle Jugendliche, der fälschlicherweise für den Top-Klimaexperten der Welt gehalten wurde"). Außerdem betreibt sie das Blog "No Frakking Consensus", in dem sie munter gegen den Mainstream der Klimawissenschaften anschreibt.

In diesem Blog hat Laframboise nun einen wahren Datenberg veröffentlicht, der eigentlich noch nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte - zumindest nach dem Willen des IPCC. Der hat die Authentizität des Materials aber inzwischen indirekt bestätigt. Es geht um 661 Dateien aus der zweiten Arbeitsgruppe des Klimarats, die für jenen Teil des kommenden Weltklimaberichts verantwortlich ist, der sich mit Anpassungen an den Klimawandel befasst.

Insgesamt 30 Kapitel sind dem Thema gewidmet. Im März 2014 soll das Dokument veröffentlicht werden, als zweiter von drei Teilen des Berichts. Ein Zeitplan für die Veröffentlichung findet sich hier. Im Moment läuft die Arbeit am Text. Ein erster Entwurf ist fertiggestellt - und nun dank Laframboise im Netz gelandet.

Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass vertrauliche Dokumente des IPCC an die Öffentlichkeit gelangen. Im Dezember hatte der Blogger Alec Rawls den Entwurf des ersten Teils des Berichts veröffentlicht. Darin geht es um die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaerwärmung - unter anderem mit der Vorhersage, dass die Pegel der Weltmeere bis Ende des Jahrhunderts um mindestens 29 Zentimeter ansteigen werden.

Gut 90 Teilnehmer bei letztem Treffen

Eigentlich haben sich die Autoren des Reports ebenso zur Verschwiegenheit verpflichtet wie die externen Gutachter, die Anmerkungen zum Text liefern können. Rawls hatte sich als Gutachter registriert und war so an das Material gekommen. Zwar behält sich das IPCC-Sekretariat vor, Anträge auf eine Gutachterfunktion wegen fehlender Qualifikation der Bewerber abzulehnen. Rawls schaffte es dennoch - obwohl er kein Klimaforscher ist, sondern nach eigenen Angaben Wirtschaft studiert und seine Promotion abgebrochen hat, weil seine Arbeit ihn "mehr in Richtung Moraltheologie und Verfassungsrecht" geführt habe. Auch ausgewiesene Klimaskeptiker wie der umstrittene britische Politiker Christopher Monckton gehören zu den Gutachtern.

Diesmal aber hat offenbar einer der rund 200 Autoren der zweiten IPCC-Arbeitsgruppe das Material an Donna Laframboise weitergegeben. Darauf deutet ein Foto von drei USB-Sticks hin, das die Bloggerin zusammen mit dem Material veröffentlicht hat. Die Datenspeicher waren bei Sitzungen der Autorengruppe verteilt worden. Das vorerst letzte Treffen dieser Art fand vor zweieinhalb Monaten in Buenos Aires statt, mit gut 90 Teilnehmern. Einer von ihnen dürfte also die Quelle der Indiskretion sein.

Rechtliche Konsequenzen muss er aber kaum fürchten: Die betreffende Person habe "nicht das Gesetz gebrochen", sagt IPCC-Sprecher Jonathan Lynn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zwar gibt es eine Verschwiegenheitsvereinbarung für Autoren und Gutachter. Doch diese habe "keine Rechtskraft", sagt Lynn.

Krude Lösung kombiniert Transparenz und Verschwiegenheit

Der IPCC hat ein Verfahrensproblem, so viel scheint klar. Das Gremium will sich bei der Erstellung des neuen Klimaberichts nicht als intransparent schelten lassen. Gleichzeitig sollen die Autoren und Gutachter in Ruhe arbeiten können. Also setzt man nach dem Willen der Mitgliedstaaten auf eine merkwürdige Lösung: Die Entwürfe für den Text und die Kommentare dazu sollen zwar veröffentlicht werden - aber erst nach der Fertigstellung des endgültigen Textes.

Die Kombination von Transparenz und Verschwiegenheit lädt gerade dazu ein, das Material vorab - und unerlaubt - an die Öffentlichkeit zu lancieren. Würde die gesamte Arbeit am Text öffentlich ablaufen, gäbe es solche Probleme nicht. Doch dafür müsste der Klimarat seine Regeln ändern, was wiederum nur die Mitgliedstaaten beschließen können. Bestenfalls für die nächste Auflage des Berichts - so es sie denn überhaupt geben sollte - wäre das realistisch.

Bis dahin haftet den im Halbverborgenen entstandenen Textentwürfen zu Unrecht etwas beinahe Geheimnisvolles an. Bloggerin Laframboise kritisiert zum Beispiel, dass Mitglieder von Umweltorganisationen wie WWF, Conservation International oder Germanwatch Kommentare geliefert hätten. Dabei hätten sie auch auf eigene, nicht wissenschaftlich geprüfte Publikationen verwiesen. Es sei ein Versuch, die eigene politische Agenda durchzudrücken.

Ein Verweis auf ein Papier des WWF in der aktuellen Fassung des Weltklimaberichts hatte dem IPCC vor rund drei Jahren eine unerfreuliche Diskussion eingebracht. Eine wegen eines peinlichen Fehlers missratene Vorhersage zum Abschmelzen der Himalaja-Gletscher war ungeprüft in das Dokument übernommen worden. Solche Probleme drohten durch die Verwendung sogenannter grauer Literatur nun wieder, wettert Laframboise: "Was denkt sich der IPCC? Warum rollt er den roten Teppich für Aktivisten aus und erlaubt ihnen, direkten Einfluss auf die IPCC-Autoren zu nehmen?"

IPCC-Sprecher Lynn hält dagegen: Der Klimarat habe klare Richtlinien für die Verwendung von grauer Literatur, bei der es sich um nicht von Wissenschaftlern geprüfte Veröffentlichungen handelt. "Wir glauben nicht, dass es angemessen ist, solches Material aus dem Prozess herauszuhalten." Man sei auf graue Literatur angewiesen. Dazu zählten auch staatliche Statistiken oder Berichte von Industrievereinigungen. Und was die externen Gutachter etwa von Umweltorganisationen angehe: "Wir heißen so viele Leute wie möglich willkommen." Die Autoren des Berichts müssten die Kommentare und ihren Hintergrund dann inhaltlich bewerten.

Zu den Autoren des Berichts zählen übrigens auch Industrievertreter. Eine Liste der Autoren findet sich hier. Für den zweiten Teil des Berichts, um den es nun geht, finden sich darin etwa Vertreter des Versicherers Munich Re und des Ölkonzerns ExxonMobil.

Dem Autor auf Twitter folgen:

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.