Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neuer Waffentest: China fordert mit Raketenabwehr die Welt heraus

Von

China geht militärtechnisch in die Offensive: Erstmals hat Peking offiziell verkündet, ein System zur Abwehr ballistischer Raketen zu entwickeln. Der erste Test soll erfolgreich gewesen sein. Experten deuten den radikalen Kurswechsel als ein Signal an die Rivalen USA, Russland und Indien.

Chinesische Rakete (in Militärmuseum): Waffentest markiert Kurswechsel Zur Großansicht
AFP

Chinesische Rakete (in Militärmuseum): Waffentest markiert Kurswechsel

Hamburg - Die USA basteln seit fast 37 Jahren an der Abwehr von Interkontinentalraketen. Ein zuverlässig funktionierendes System hat das Land, das militärtechnisch in einer eigenen Liga spielt, bis heute nicht zustande bekommen. Und jetzt das: China meldet einen erfolgreichen Raketenabwehrtest.

Zwar sind sich Experten mangels Informationen noch nicht sicher, was genau die Chinesen vollbracht haben. Aber die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua sprach vom Test einer Technologie zum Abschuss einer Rakete in der mittleren Flugphase ("mid-course interception", siehe Kasten links). Damit wäre genau die Abwehrtechnologie gemeint, die das US-Militär seit Jahrzehnten mit mäßigem Erfolg aufzubauen versucht.

"Der Test hat das erwartete Ziel erfüllt", hieß es in der knappen Xinhua-Meldung. Das US-Verteidigungsministerium bestätigte den Versuch: "Wir haben zwei geografisch getrennte Starts und eine Kollision außerhalb der Atmosphäre registriert", sagte Pentagon-Sprecherin Maureen Schumann. Man habe vorab keine Information bekommen. Derzeit bemühe man sich in Peking um genauere Informationen über "den Zweck des Abschusses sowie Chinas Intentionen und Pläne" für zukünftige Manöver dieser Art.

Der Test fand unmittelbar nach einem Waffendeal zwischen den USA und Taiwan statt: Wie am Montag bekanntwurde, liefert der Rüstungskonzern Lockheed Martin eine verbesserte Version des taktischen Raketenabwehrsystems "Patriot" an den Inselstaat. Das Auftragsvolumen soll bei 970 Millionen Dollar (670 Millionen Euro) liegen. China betrachtet Taiwan, das unter dem Schutz der USA steht, als abtrünnige Provinz und hat wiederholt damit gedroht, die Insel notfalls mit Gewalt wieder in die Volksrepublik einzugliedern.

Der chinesische Raketenabwehrtest ist allerdings mehr als nur eine symbolische Reaktion auf den aktuellen Handel zwischen den USA und Taiwan: Es ist nicht weniger als ein militärpolitischer Kurswechsel Chinas, das die Entwicklung von Raketenabwehrsystemen bisher scharf abgelehnt hat, jetzt aber den USA und Indien auf diesem Weg folgt.

Satellitenabschuss war nur der Auftakt

Der Raketenversuch erinnert an einen ähnlichen Test im Januar 2007, als China einen seiner alten Wettersatelliten im Orbit zerstörte. Die Folgen waren Empörung in der internationalen Politik, Furcht vor Angriffen auf das westliche Satellitensystem und Sorge angesichts zahlreicher gefährlicher Trümmerteile, die seitdem um die Erde rasen.

Peking beteuerte seinerzeit, einen solchen Test nicht zu wiederholen. Der Grund könnte jetzt klar geworden sein: Der Satellitenabschuss gehörte möglicherweise zur Entwicklung eines Raketenabwehrsystems. Denn dass Peking die Anti-Satelliten-Waffe nach nur einem Test für einsatzfähig hält oder es sofort wieder einmotten wollte, sei ziemlich unwahrscheinlich, wie der US-Militärexperte Geoffrey Forden schon im März 2008 in einem Vortrag in Washington erklärte.

Stattdessen könnte China die Technologie zu einer sogenannten "Hit-To-Kill"-Abwehr weiterentwickeln. Denn für ein solches System, das anfliegende Raketen in der mittleren Flugphase im All zerstört, komme die gleiche Steuerungstechnik zum Einsatz wie für eine Anti-Satelliten-Waffe. Im Militärtechnik-Blog "ArmsControlWonk" wies Forden nach dem aktuellen Test der Chinesen lakonisch auf seinen Vortrag von 2008 hin: "Ich hab es Euch ja gesagt." Der gleichen Meinung ist Mark Stokes, China-Experte beim "Project 2049 Institute" in Washington. "Eine Verbindung zwischen den Anti-Satelliten- und Raketenabwehrprogrammen ist wahrscheinlich", sagte der Ex-Luftwaffenoffizier der "Washington Times".

Andere Beobachter reagierten überrascht, weil Peking die Einführung von Raketenabwehrsystemen und Waffen im All bisher scharf abgelehnt hatte. Noch im August hatte Außenminister Yang Jiechi bei einer Uno-Abrüstungskonferenz betont, dass kein Staat Raketenabwehrsysteme entwickeln sollte, "die die globale strategische Stabilität gefährden" könnten.

"Peking hat jetzt offenbar die Hoffnung aufgegeben, die Amerikaner von ihren Plänen abzubringen", sagte Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit im Gespräch SPIEGEL ONLINE. "Deshalb zeigen die Chinesen, dass sie auch mitmachen könnten." Peking könne seine nukleare Minimalabschreckung durch eine Raketenabwehr überlebensfähiger machen und die Unsicherheit bei Angriffen potentieller Gegner erhöhen.

Technische Fähigkeiten unklar

Welche technischen Fähigkeiten das chinesische System besitzt - ob es etwa gegen Interkontinentalraketen oder Mittelstreckenwaffen schützen solle -, könne man derzeit kaum beurteilen. "Dazu müsste man wissen, welche Reichweite die abgeschossene Zielrakete hatte", sagte Nassauer. Da der Test innerhalb des chinesischen Luftraums stattgefunden habe, könnte die Reichweite der Zielrakete durchaus mehrere tausend Kilometer betragen haben. Zumindest müsse es sich um eine Mittelstreckenrakete gehandelt haben, da der Abschuss außerhalb der Erdatmosphäre erfolgt sei. Für Kurzstreckenraketen ist eine solche Höhe unerreichbar.

China investiert derzeit hohe Summen in die Modernisierung seines Militärs, insbesondere bei den Luftstreitkräften. Der Rüstungsetat soll sich im vergangenen Jahr um fast 15 Prozent auf rund 70 Milliarden US-Dollar (48 Milliarden Euro) erhöht haben. Zwar dringen nur spärliche Informationen nach außen, doch die Rede ist immer wieder von der Entwicklung von Präzisionsbomben sowie fortschrittlichen Systemen zur Bekämpfung feindlicher Tarnkappenflugzeuge und Marschflugkörper.

"Offenbar sieht Peking auch die Notwendigkeit, ein effektives System zur Abwehr ballistischer Raketen zu besitzen", sagte Hans Kristensen von der Federation of American Scientists (FAS). Der aktuelle Test zeige, dass die Technologie inzwischen einen gewissen Reifegrad erreicht habe. "Neu ist, dass die Chinesen offen zeigen, wozu sie technisch in der Lage sind."

Nassauer sieht in dem Schritt Chinas nicht nur ein politisches Signal an die USA, sondern auch eine Reaktion auf mögliche regionale Konflikte der Zukunft. Russland und vor allem die aufstrebende Atommacht Indien werde von China äußerst skeptisch beäugt. "Für Peking ist Indien ein wichtiger potentieller Rivale in den kommenden Jahren und Jahrzehnten", sagte Nassauer.

Auch Indien entwickelt derzeit ein Raketenabwehrsystem. Gedacht ist es eigentlich als Antwort auf die nukleare Bedrohung durch den Erzfeind Pakistan - doch es könnte auch das Abschreckungspotential der chinesischen Atomwaffen untergraben. Der im März 2006 von US-Präsident George W. Bush gefasste Beschluss, Indien nach 30-jährigem Boykott wieder mit Nukleartechnologie zu beliefern, dürfte die Sorgen Chinas nicht unbedingt gemildert haben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 324 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. wenn nichts mehr geht....
strelok 12.01.2010
Zitat von sysopChina geht militärtechnisch in die Offensive: Erstmals hat Peking offiziell verkündet, ein System zur Abwehr ballistischer Raketen zu entwickeln. Der erste Test soll erfolgreich gewesen sein. Experten deuten den radikalen Kurswechsel als ein Signal an die Rivalen USA, Russland und Indien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671456,00.html
immer das gleiche...als ob die Menschheit einfach nicht in der Lage sich im 21 Jahrhundert auch mal im Kopf weiterzuentwickeln...nein dafür dürfen wir dann 2050 über einen neuen Abrüstungsvertrag mit jubeln. Was haben die Verantwortlich nur für Minderwertigkeitsgefühle wenn man sich nur mit neuem Waffensystemen wirklich groß fühlen kann oder habe ich eine akute militärische Bedrohung gegen China verpasst?
2. .
zulthak 12.01.2010
Zitat von sysopChina geht militärtechnisch in die Offensive: Erstmals hat Peking offiziell verkündet, ein System zur Abwehr ballistischer Raketen zu entwickeln. Der erste Test soll erfolgreich gewesen sein. Experten deuten den radikalen Kurswechsel als ein Signal an die Rivalen USA, Russland und Indien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671456,00.html
Nun was sagt uns das? Das Ringen um den Platz als Weltmacht Nummer 1 hat wieder begonnen und es zeigt das die Chinesen alle möglichen Mittel in Betracht ziehen.
3. Jeder darf eine Raketenabwehr bauen!
vantast 12.01.2010
Insofern wird niemand herausgefordert. Selbst die armen Polen hätten gern soetwas.
4. Ringen
shareman 12.01.2010
Zitat von sysopChina geht militärtechnisch in die Offensive: Erstmals hat Peking offiziell verkündet, ein System zur Abwehr ballistischer Raketen zu entwickeln. Der erste Test soll erfolgreich gewesen sein. Experten deuten den radikalen Kurswechsel als ein Signal an die Rivalen USA, Russland und Indien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671456,00.html
Das Ringen um die Vormachtstellung in der Welt ist in vollem Gange. Das ist nichts Neues - nur Europa ist nicht mehr dabei: Die Gewichte haben sich zum Pazifik verschoben...
5. .
zulthak 12.01.2010
Zitat von strelokimmer das gleiche...als ob die Menschheit einfach nicht in der Lage sich im 21 Jahrhundert auch mal im Kopf weiterzuentwickeln...nein dafür dürfen wir dann 2050 über einen neuen Abrüstungsvertrag mit jubeln. Was haben die Verantwortlich nur für Minderwertigkeitsgefühle wenn man sich nur mit neuem Waffensystemen wirklich groß fühlen kann oder habe ich eine akute militärische Bedrohung gegen China verpasst?
Sie haben einfach nur die Wirklichkeit verpasst. Nur weil es die letzen 60 Jahre keinen großen bewaffneten Konflikt gegeben hat, heißt das nicht das die Welt nun toooootal toll ist und nichts mehr passiert. Der Chinese ist denke ich, mehr als andere Völker gewillt seine Macht zur Not auch mit einem Krieg durchzusetzen und dazu wird es auch kommen. Wir Europäer wären im Falle eines Krieges vollkommen aufgeschmissen, der Chinese weiß das.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Die US-Raketenabwehr
Das System
Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: