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23. Dezember 2012, 07:45 Uhr

Ausgegraben - Neues aus der Archäologie

Hopewell-Indianer hatten Hang zum Luxus

Von Angelika Franz

Die Indianer des Tremper Mound in Ohio scheinen besonders konsumorientierte Genießer exotischer Waren gewesen zu sein - das offenbart nun die Analyse ihrer Pfeifen. Außerdem im archäologischen Wochenrückblick: Ein Hirnstampfer im Kopf und römische Souvenirs.

Am Tremper Mound im südlichen Ohio muss einst ein reger Handel geherrscht haben. Händler kamen von weit her, die Taschen voller exotischer Güter.

Neue Untersuchungen der Steinpfeifen vom Tremper Mound haben gezeigt, dass diese nicht etwa wie bisher angenommen aus lokalem Stein gefertigt waren, sondern aus dem ganzen oberen Mittleren Westen der Vereinigten Staaten kamen. Das Material für über die Hälfte aller Pfeifen stammte aus dem nördlichen Illinois und rund 18 Prozent waren aus Catlinit gefertigt, der aus Minnesota importiert wurde. Sie müssen schon ein spezielles Völkchen gewesen sein, die Hopewell-Indianer von Tremper Mound - denn ihre Nachbarn aus Mound City, die etwa zur gleichen Zeit nur rund 40 Meilen weiter nördlich lebten, waren mit dem lokalen Stein als Material für ihre Pfeifen zufrieden.

In Tremper Mound gibt es auch bisher keinen Nachweis für eine Werkstatt, in der die Pfeifen bearbeitet wurden. Wahrscheinlich kamen sie tatsächlich schon fertig dort an. "Die Hopewell im südöstlichen Ohio scheinen eindeutig konsumorientierte Genießer exotischer Luxuswaren gewesen zu sein", meint der Leiter der Stuide Thomas Emerson vom Illinois State Archaeological Survey (ISAS) an der University of Illinois. Denn sie liebten nicht nur exotische Steine, sondern auch andere Luxusgüter aus weit entfernten Gegenden.

Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "American Antiquity" berichten, fanden die Archäologen unter ihren Hinterlassenschaften auch Obsidian aus Wyoming, Glimmer aus den Appalachen, Muscheln von der Golfküste und sogar einen Alligatorenschädel. Wozu die Hopewell die Pfeifen benutzten, ist nicht ganz klar. Am Ende jedenfalls zertrümmerten sie die Stücke, verbrannten sie und vergruben sie in großen Haufen.

Römische Souvenirs von der Nordgrenze

Heute kaufen sich Touristen als Andenken an einen Besuch in London das Miniaturmodell eines kleinen roten Doppeldeckerbusses oder bringen sich aus Edinburgh einen Dudelsack-spielenden Plüschteddy mit.

In römischer Zeit war es offenbar üblich, sich von einem Besuch am Hadrianswall eine kleine emaillierte Schüssel als Souvenir mitzubringen. Drei dieser Schüsseln - die sogenannten Rudge Cup, Amiens Patera und Ilam Pan - stellt der Archäologe David Breeze als Herausgeber nun in einem neu erschienenen Buch eingehend vor. Die Trinkgefäße haben in etwa die Größe von Weingläsern und sind mit den Namen der Befestigungsanlagen entlang des Hadrianwalls dekoriert.

Alle drei entstanden schon in den ersten Jahrzehnten nach dem Bau der Schutzmauer im Jahr 122 nach Christus. "Es ist erstaunlich, dass der Hadrianswall schon so bald nach seinem Bau zur Touristenattraktion wurde", schreibt Breeze. "Keines der Gefäße wurde in der Nähe des Walls gefunden, sondern sie stammen aus Südengland oder Frankreich." Die Ilam Pan trägt zusätzlich noch den Namen Draco - entweder der Hersteller des Stückes oder der Besitzer, für den es gefertigt wurde. Außerdem ist der Herkunftsort vermerkt: Vallum Aelium - Wall des Hadrian. Aelius war der Familienname des Kaisers. Sowohl Rudge Cup als auch Amiens Patera sind mit einem geometrischen Muster verziert, das wohl den Wall selber darstellen soll. Das Design ist sogar noch von zwei weiteren Fundstücken ohne Beschriftung bekannt, von einem Trinkgefäß (möglicherweise einer Flasche) aus Hildburgh und von einem Becher aus Bath.

Gehirnstampfer im Kopf

Kann schon mal passieren: Im Schädel einer 2400 Jahre alten weiblichen Mumie hatten Einbalsamierer versehentlich ihr Werkzeug vergessen. Das Gehirn hatten sie zwar ordnungsgemäß entfernt, dafür jedoch den Holzstab, mit dem sie es herausgeholt hatten, drin gelassen. Er steckte einmal quer im Schädelinneren, das ansonsten mit Harz ausgefüllt war.

Forscher hatten den acht Zentimeter langen Stab im Jahr 2008 bei einem CT Scan entdeckt. Jetzt ist es ihnen gelungen, das Werkzeug vorsichtig zu entfernen und zu untersuchen. Mislav Avka vom Universitätskrankenhaus Dubrava im kroatischen Zagreb beschreibt in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift "RSNA RadioGraphics", wie das acht Zentimeter lange Werkzeug genutzt wurde: Nachdem die Einbalsamierer durch die Nase eingeführt hatten, wickelten sie Teile des Gehirns um das untere Ende und zog es heraus, der Rest des Gehirns wurde durch Stampfen zerflüssigt.

Eventuell brach der Stab bei diesem Vorgang ab und das untere Ende blieb im Kopf stecken. Es handelt sich bei dem Stab um ein Teil einer Monokotyledonen-Art - zu der Gruppe gehören auch Palmen und Bambus. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot beschrieb im 5. Jahrhundert vor Christus, dass die Einbalsamierer zum Entfernen des Gehirns Eisenhaken benutzten. Offenbar war es jedoch nicht unüblich, dafür auch organisches Material zu benutzen. Es ist noch ein weiteres Beispiel aus dem Kopf einer 2200 Jahre alten Mumie bekannt. Auch dieses Gerät war aus Holz.

Steinzeitliche Fürsorge

Liebe und Fürsorge sind unserer Natur offenbar ebenso eigen wie der Hang zu Mord und Totschlag. Australische Archäologen haben in Vietnam ein weiteres Beispiel dafür gefunden, dass sich schon in prähistorischer Zeit Menschen aufopferungsvoll um einen behinderten, allein nicht lebensfähigen Menschen kümmerten.

Lorna Tilley und Marc Oxenham von der Australian National University in Canberra fanden das 4000 Jahre alte Skelett eines Mannes, dessen Rückenwirbel zusammengewachsen waren und der schwache Knochen hatte. Der Mann lag zusammengekrümmt in seinem Grab - in der Körperhaltung, die er wahrscheinlich auch im Leben innehatte. Bei allen anderen Begräbnissen der Nekropole lagen die Toten lang ausgestreckt - das war diesem Mann schon lange nicht mehr möglich gewesen. Der Tote litt am Klippel-Feil Syndrom und war von seiner Jungend an von der Hüfte abwärts gelähmt. Seine Arme konnte er - wenn überhaupt - nur wenig benutzten. Alleine Essen oder sich waschen konnte er nicht. Trotzdem lebte er nach dem Einsetzen der Lähmung noch gut zehn Jahre weiter. Seine Mitmenschen lebten zu der Zeit von der Jagd, dem Fischen und den ersten domestizierten Schweinen. Insgesamt sind weltweit etwa 30 Fälle von Menschen bekannt, die zu Lebzeiten über einen langen Zeitraum hinweg intensiver Pflege bedurften.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung haben die Forscher jetzt im "International Journal of Paleopathology" veröffentlicht. Sie schreiben, dass der Fund nicht nur davon zeugt, dass seine Umgebung tolerant und kooperativ war, sondern auch, dass der Mann sich zu Lebzeiten seines eigenen Wertes bewusst gewesen war und einen starken Lebenswillen besessen haben muss. Ohne diese, folgern sie, hätte er nicht überlebt.

Richards letzte Nacht

Während die Archäologen noch auf die Testergebnisse der DNA vom vermeintlichen Skelett Richards III. warten, haben sie in der Zwischenzeit das "Blue Boar Inn" rekonstruiert - jenen Gasthof, in dem der König im Jahr 1485 seine letzte Nacht verbrachte, bevor ihn in der Schlacht von Bosworth sein Schicksal ereilte.

Die vermeintlichen Knochen des letzten Königs aus der Linie der Plantagenets waren kürzlich unter einem Parkplatz in Leicester gefunden worden. Eine verkrümmte Wirbelsäule und eine grausame Schlachtwunde machen es wahrscheinlich, dass es sich bei den gefundenen Knochen tatsächlich um Richard III. handelt. Die Pläne zu dem alten Gebäude sind nun im Zuge der Ausgrabungen im Besitz der Familie des Architekten Henry Goddard aufgetaucht. Der Gasthof war damals eines der schicksten Gebäude der Stadt. Die Zeichnungen sind so detailliert, dass die Forscher eine sehr genaue virtuelle Rekonstruktion danach erstellen konnten. Sogar die Bohrlöcher für die tragenden Balken waren mit eingezeichnet. Das Gebäude selber wurde 1836 abgerissen, heute steht an der Stelle ein Hotel der Travelodge Kette. Um das alte "Blue Boar Inn" rankten sich viele Geschichten. Ursprünglich soll der Name "The White Boar" gewesen sein, nach dem Wappentier Richards. Doch als der König tot und die Krone an einen Tudor gegangen war, malte der Besitzer das Schild ganz schnell blau an.

Richards Bett soll noch lange im Haus geblieben sein, weil niemand es abholte. Angeblich fand die Besitzerin, eine Mrs. Clark, ein Jahrhundert später einen Sack mit Goldstücken in einem Geheimfach im Bett - und wurde dafür dann ermordet.

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