Neues Urheberrecht Deutschen Forschern blüht Zukunft mit Fax und Papierkopien

"Fit fürs digitale Zeitalter", lobt Justizministerin Zypries - "Rückschritt", wettern Forscher und Bibliothekare. Die jetzt verabschiedete Urheberrechtsreform dürfte den Zugang zu Fachliteratur schlagartig umständlicher machen und erheblich verteuern.

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"Der Zugang zu Zeitschriftenartikeln verschlechtert sich", sagte Wolfgang Zick, Leiter der Universitätsbibliothek der TU Berlin, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es wird teurer, unpraktikabler und langsamer." Die Reform des Urheberrechts sei verlagsfreundlich - wissenschaftsfreundlich hingegen nicht. Jürgen Bunzel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sagte, das Gesetz erschwere Forschung und die Nutzung von Forschungsergebnissen in Deutschland, "da es die Nutzungsbedingungen verschärft und künstliche Barrieren aufbaut".

Bibliothek der Freien Universität Berlin: "Es wird teurer - so viel ist sicher"
DDP

Bibliothek der Freien Universität Berlin: "Es wird teurer - so viel ist sicher"

Während das gestern vom Bundestag beschlossene neue Urheberrechtsgesetz an Deutschlands Hochschulen verdammt wird, hält man es im Berliner Justizministerium naturgemäß für eine gelungene Sache. Die Novelle mache das Urheberrecht "fit für das digitale Zeitalter", sagte Ministerin Brigitte Zypries (SPD).

Für deutsche Wissenschaftler könnte es ein trübes Zeitalter sein: Denn der schnelle Zugriff auf neue Fachartikel ist für Forscher täglich Brot und unabdingbar, um fachlich auf dem Laufenden zu bleiben. Ihnen drohen nun eine Renaissance von Fax und altbackenen Papierkopien sowie digitalen Warteschlangen.

Denn in den wissenschaftlichen Bibliotheken gibt es ernsthafte Zweifel, ob Zypries' Prognose tatsächlich stimmt. Viele Institute und Hochschulen mussten in der Vergangenheit immer mehr Abonnements von Fachzeitschriften kündigen, weil die Preise gestiegen und ihre eigenen Etats geschrumpft waren. Die Forscher kamen jedoch weiterhin an alle gesuchten Artikel - zwar nicht über die Bibliothek ihres eigenen Instituts, aber über die einer anderen Hochschule. Mit Diensten wie Subito ließen sie sich die Aufsätze per E-Mail zukommen - zu moderaten Preisen von einigen Euro.

Fachartikel "erheblich teurer als bisher"

Damit ist nun aber bald Schluss: "Die Lieferung per E-Mail wird stark eingeschränkt", sagte Zick. "Es wird teurer - so viel ist sicher." Subito werde Artikel nicht mehr elektronisch verschicken können, sondern nur noch in Papierform, sagte Herbert Kristen, stellvertretender Leiter der Universitätsbibliothek Karlsruhe. "Das ist ein Rückschritt", lautet sein Fazit zur Urheberrechtsreform.

Erschwerend kommt hinzu, dass Artikel nur dann kopiert und verschickt werden dürfen, wenn der Fachzeitschriftenverlag selbst keinen Einzelversand anbietet, etwa in elektronischer Form über seine Webseite - was mittlerweile praktisch alle Verlagshäuser tun. "Subito liefert für drei bis vier Euro, Verlage verlangen teilweise 35 Euro pro PDF-Dokument", sagte Zick von der FU Berlin.

"Es gibt auch Verlage, die den Versand ihrer Artikel grundsätzlich verbieten und diese stattdessen ausschließlich über ihre eigene Webseite anbieten wollen", erklärte sein Karlsruher Kollege Kristen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das wird dann erheblich teurer als bisher", fürchtet auch er. Die Grünen-Politikern Grietje Bettin kritisierte dieses sogenannte Verlagsprivileg: "Das verhindert Innovation", sagte sie im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Bibliotheken können die Folgen des neuen Gesetzes nur umgehen, indem sie direkte Vereinbarungen mit Verlagen über die Nutzung der Publikationen abschließen, wie dies heute oft schon geschieht. "Bei Zeitschriften gab es bisher häufig sogenannte Campuslizenzen", sagte Kristen. "Wir haben eine Zeitschrift abonniert und unbegrenzt viele Leser durften online darauf zugreifen. Teilweise musste dafür ein Aufschlag gezahlt werden, teilweise nicht."

Absurdes Veröffentlichungsprozedere

Welch absurde Konsequenzen die Urheberrechtsnovelle im Einzelfall haben kann, zeigt das Beispiel digitale Buchkopien. Bibliotheken fertigen diese mitunter selbst an, um Bücher auch digital ausleihen zu können, oder nutzen PDF-Dateien, die ihnen die Verlage zur Verfügung stellen. Das neue Gesetz sieht vor, dass digitale Buchkopien nur innerhalb der Bibliothek an speziell dafür vorgesehenen Terminals gezeigt werden dürfen. "Wir wollten, dass dieser Passus in 'innerhalb der Bildungseinrichtung' geändert wird", sagte Zick, Chef der TU-Bibliothek in Berlin. "Wir konnten uns damit im Justizministerium aber nicht durchsetzen."

Ein Mitarbeiter der TU Berlin, der in Dahlem sitzt, müsse nun in die Zentralbibliothek am Bahnhof Zoo fahren, um das Buch an einem Monitor zu lesen. "Technisch wäre es kein Problem, auf das Buch vom Computer in seinem Büro aus zuzugreifen", sagte Zick, doch das verbiete das neue Gesetz. "Das ist eine absurde Regelung."

Absurd sind jedoch nicht nur solche Details, sondern auch das gesamte Veröffentlichungsprozedere in der Wissenschaft. Forscher gewinnen, in der Regel finanziert mit staatlichen Geldern, neue Erkenntnisse. Sie schreiben einen Artikel darüber für eine Fachzeitschrift und müssen teilweise für die Veröffentlichung sogar Zuschüsse an das Blatt zahlen, das ihre eigene Institutsbibliothek anschließend für teures Geld abonniert. Die inhaltliche Prüfung der Texte (Peer review) übernimmt nicht etwa der Verlag - auch hier kommen meist staatlich alimentierte Wissenschaftler zum Zug. Das Entstehen des Artikels wird also staatlich subventioniert, doch die Unibibliotheken müssen die Zeitschriften, in der ihre eigene Arbeit steckt, für viel Geld von den Verlagen wieder zurückkaufen.

Ein Ausweg aus dieser paradoxen Situation könnten Open-Access-Magazine sein, die frei im Internet zugänglich sind. Es gibt immer mehr davon, teilweise auch solche mit Peer review, doch nach wie vor dominieren kommerzielle Verlage den Wissenschaftsbetrieb. Zick glaubt, dass sich daran so schnell nichts ändern wird: "Open Access Magazine sind technisch kein Problem, aber Wissenschaftler sind darauf angewiesen, in renommierten Magazinen wie 'Science' oder 'Nature' zu veröffentlichen."



Forum - Copyright - wie soll das gehen in digitalen Zeiten?
insgesamt 244 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 04.04.2007
1.
Der Haken ist doch, dass die Verwerter (nicht mal die Urheber an sich) gern viel mehr Rechte/Überwachung über digitale Werke haben wollen, als sie mit LP/CD/Video je hatten. Das wird immer gerne mit der verlustfreien Kopie begründet, die jetzt möglich ist. Ich würde aber Heller und Pfennig verwetten, dass wenn es DRM schon zu LP-Zeiten gegegben hätte, die MI hätte auch dann versucht, ein PPU (pay per use) einzuführen. Copyrights sollten wie Patente einfach irgendwann verfallen. Und irgendwann meint nicht "forever minus one day"
Think-Smart 04.04.2007
2.
Digitale, kinderleicht kopierbare Medien einzuführen und zu verbreiten, und dabei sich über Kopien zu beschweren, ist so, als würde man einem kleinen Kind eine Rasierklinge zum spielen geben und sagen“ Wehe du schneidest dich!“ Nicht die Nutzer haben die Medien digital gemacht, sondern die Industrie. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie dann bitte die Packungsbeilage.
Oinki, 04.04.2007
3.
Zitat von sysopViele der Regelungen, mit denen Gesetzgeber und Industrie digital vertriebene Waren schützen wollen, sind den Kunden kaum noch zu erklären. Reichen die bestehenden Rechte in Zeiten von DRM und Kopierschutz einerseits, Brennern, MP3-Sticks und Tauschbörsen andererseits überhaupt noch? Was müsste passieren, um allen Seiten gerecht zu werden?
Letzten Endes sind das alles Rückzugsgefechte einer Vermarktungsform, die noch nie funktioniert hat. Seit es die Idee geistigen Eigentums gibt, gibt es auch deren Diebstahl. Nur ist seit der industriellen Vervielfältigung, angefangen bei Gutenberg, genug für die Urheber und die Vervielfältiger hängen geblieben. Das digitale Zeitalter hat die Karten neu gemischt und es müssen neue Wege gefunden werden, die Urheber angemessen zu honorieren. Ich erwähne ausdrücklich nur die Urheber. Musik-, Spiele- , und sogar Buchdruckindustrie bedienen ein Modell, das abgewirtschaftet hat. Deshalb sind diese ganzen Spitzfindigkeiten, die sich diese Industrien einfallen lassen, eigentlich nichts anderes, als das Gejammer der Kohleindustrie nach künstlicher Lebensverlängerung durch Subventionen.
Patina, 04.04.2007
4.
Bin gespannt, wie sich der neue Ansatz entwickelt, Musik ohne DRM teurer zu verkaufen. Damit wäre das Thema entspannt. Ansonsten hat sich die Musikindustrie in der letzten Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Umsatzrückgänge liegen sicher nur zum Teil an den Kopiermöglichkeiten, sondern wesentlich auch an der immer langeweiliger werdenden Musik.
Pablo alto, 04.04.2007
5. Noch ein Sozialismus-Versuch?
Zitat von DJ DoenaDer Haken ist doch, dass die Verwerter (nicht mal die Urheber an sich) gern viel mehr Rechte/Überwachung über digitale Werke haben wollen, als sie mit LP/CD/Video je hatten. Das wird immer gerne mit der verlustfreien Kopie begründet, die jetzt möglich ist. Ich würde aber Heller und Pfennig verwetten, dass wenn es DRM schon zu LP-Zeiten gegegben hätte, die MI hätte auch dann versucht, ein PPU (pay per use) einzuführen. Copyrights sollten wie Patente einfach irgendwann verfallen. Und irgendwann meint nicht "forever minus one day"
Klar, und die Häuser sollten eines Tages den Mietern gehören, die Fabriken den Arbeitern und der "Spiegel" seinen Lesern.
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