Neurologie Was Ihr Augenzucken verrät

Von Susana Martinez-Conde und Stephen L. Macknik

5. Teil: Tor zu den Gedanken?



Neuere Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass Mikrosakkaden die Objekte unseres heimlichen Interesses verraten, indem sie vorwiegend in deren Richtung gehen. Ziad M. Hafed und James J. Clark von der McGill- Universität in Montreal (Kanada) haben das in einem 2002 publizierten Experiment nachgewiesen. Dabei sollten Probanden den Blick auf einen Punkt in der Mitte eines Computerbildschirms richten, an dessen Rand sich ein Fleck befand, der nach einiger Zeit seine Farbe wechselte. Tatsächlich gingen die per Eye Tracker verfolgten Mikrosakkaden nach dem Farbumschlag überdurchschnittlich oft in Richtung des Flecks. Demnach verraten die winzigen Augenbewegungen, wenn sich der Gegenstand der Aufmerksamkeit insgeheim verschiebt.

Eine solche Verschiebung spiegelt sich auch in der Frequenz der Mikrosakkaden wider. Das demonstrierten der Computer-Neurowissenschaftler Ralf Engbert und der Kognitionspsychologe Reinhold Kliegl von der Universität Potsdam in einem 2003 veröffentlichten Experiment. Dabei ließen sie am Blickfeldrand einer Versuchsperson, die ein Objekt fixierte, plötzlich ein optisches Signal erscheinen. Daraufhin sank, wie sich herausstellte, die Häufigkeit der Mikrosakkaden zunächst kurz ab und schnellte dann über den Normalwert hinaus. Außerdem tendierten die sprunghaften Augenbewegungen zu dem Signal hin. Frequenz und Richtung der Mikrosakkaden können also plötzliche Veränderungen in unserem Blickfeld anzeigen, die unsere Aufmerksamkeit wecken, ohne dass wir direkt hinschauen.

Es hilft demnach nichts, wenn Sie zwanghaft vom letzten Kuchenstück auf dem Tisch oder einem anderen Gegenstand Ihrer heimlichen Begierde wegblicken: Die nervösen Sprünge Ihres Augapfels verraten Sie. Allerdings braucht Sie das nicht zu beunruhigen. Nur Wissenschaftler können die winzigen Augenbewegungen im Labor messen und Schlüsse daraus ziehen, Ihre normalen Mitmenschen nicht. Oder wie es im Lied heißt: Es bleibet dabei, die Gedanken sind frei.

Susana Martinez-Conde
leitet die Arbeitsgruppe Visuelle Neurowissenschaften am Barrow Neurological Institute in Phönix (Arizona).


Stephen L. Machnik
ist dort Direktor des Laboratoriums für Verhaltensneurophysiologie



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