Neurobiologie: Politik mit Hirn

Von Nora Schultz

Gehirnscan (Symbolbild): Nachhilfe vom Neurobiologen Zur Großansicht
Corbis

Gehirnscan (Symbolbild): Nachhilfe vom Neurobiologen

Freie Wahl? Von wegen - Hormone, Hirnstruktur und unbewusste Denkmuster prägen die politische Einstellung viel stärker, als den meisten bewusst ist. Wahlkämpfer könnten sich diese Mechanismen zunutze machen- vor allem, um Nichtwähler an die Urne zu locken.

Dröge Plakate, erwartbare Slogans: Auch in der heißen Phase der Bundestagswahl 2013 wird die Wahlwerbung wohl wenig Anreize bieten, politisch aktiv zu werden. Nachhilfe in Neurobiologie könnte Kampagnen künftig knackiger machen, glauben Forscher. Denn die Gehirne von Konservativen, Liberalen und Politikmüden funktionieren jeweils anders.

"Unsere Ergebnisse könnten dabei helfen, gezielter diejenigen zu erreichen, die besonders empfänglich für bestimmte Botschaften sind, und sie zum Wählen zu motivieren", sagt John Hibbing von der University of Nebraska-Lincoln in den USA.

Politische Muster im Gehirn

Denn schon die schiere Größe bestimmter Hirnareale unterscheidet sich. Liberale Wähler haben den Forschern zufolge einen größeren Gyrus cinguli anterior, der beim Umgang mit Unsicherheit und Konflikten besonders aktiv ist. Diese Hirnregion helfe ihnen, Aufgaben zu lösen, in denen es schnell von Gewohnheiten abzulassen gilt.

Bei konservativen Wählern entdeckten Forscher um Ryota Kanai vom University College London dagegen eine größere rechte Amygdala. Die Amygdala verarbeitet Emotionen und feuert besonders bei Angst und Wut. Konservative nutzen dieses Areal angeblich, wenn sie sich beim virtuellen Glücksspiel zwischen Spielstrategien entscheiden.

Dazu passen psychologische Studien, die Liberalen Offenheit und Optimismus, Konservativen hingegen Gewissenhaftigkeit und Feingefühl für Bedrohungen bescheinigen. Liberale schauen im Experiment länger auf wohlige Bilder, Konservative hingegen auf verstörende Motive, etwa von Maden und Würmern. Mit neuen Reizen gehen Liberale entspannter um, während Konservative schockierter auf plötzliche Geräusche reagieren.

Die Macht des Unbewussten

Die Kenntnis um diese Unterschiede könnten Wahlkampfstrategen ausnutzen. Konservative zeigen sich zum Beispiel besonders empfänglich für emotionale Gesichter. Diese spiegeln sich beim Menschen stärker in der linken Gesichtshälfte wieder. Und siehe da: Konservative wenden die linke Gesichtshälfte bei Reden und in Porträts bereits intuitiv besonders häufig ihrem Publikum zu - ein vielleicht noch ausbaufähiger Kniff.

Überhaupt scheinen unbewusste Wahrnehmungen das politische Denken nachhaltig zu prägen: So genügte eine kurze Erinnerung an Sauberkeit Studienteilnehmer kurzfristig konservativer zu stimmen. Probanden, denen im Umfeld eines Experiments Bilder von ihren Lieblingspolitikern gezeigt wurden, waren im Anschluss aufgeschlossener für Parteispenden. Und wer während eines Experiments kurz die amerikanische Flagge sah, äußerte sich noch acht Monate später konservativer.

Sogar Umstände, die scheinbar nichts mit den politischen Umständen zu tun haben, können Wahlen beeinflussen. Der Gewinn einer lokalen Sportmannschaft kann die Sympathie für die politischen Amtsinhaber messbar erhöhen. Die Forscher vermuten, dass die Siegeszufriedenheit auf die Zufriedenheit mit der Regierung abfärbt.

Wie viel lässt sich mit psychopolitischem Wissen erreichen? Genügt es, mit Motiven, die Offenheit und Optimismus suggerieren, liberal gesinnte Wähler anzusprechen und Konservative mit emotionalen und bedrohlichen Botschaften in den Bann ziehen? Ganz so einfach ist es wohl nicht, sagen die Verhaltensforscher.

Hinzu kommt speziell in Deutschland, dass die Parteienlandschaft sich im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA nicht säuberlich in ein konservatives und ein liberales Lager aufspalten lässt, sondern einzelne Parteien liberale und konservative Werte in ihren Profilen kombinieren.

Zielobjekt Nichtwähler

Auszahlen könnte sich aber eine stärkere Förderung früher politischer Bildungsprogramme. Politisch interessierte Studenten aktivieren im Gegensatz zu Kommilitonen Hirnregionen des sogenannten Ruhezustandsnetzwerks, wenn sie über Politik nachdenken. "Dieses Netzwerk arbeitet, wenn man sich mit Aufgaben befasst, die einem besonders leicht fallen, weil man sie viel geübt hat", erklärt der Budapester Wissenschaftler Darren Schreiber.

Aussichtsreicher könnte es dagegen sein, Nichtwähler an die Urne zu locken. Insbesondere stressempfindliche Menschen mit einem hohen Cortisolspiegel im Blut stehen im Verdacht, Wahlmuffel zu sein. Womöglich ist für sie schon der Gang ins Wahlbüro sehr aufreibend. Dagegen schlagen die Forscher eine simple Lösung vor - die Briefwahl.

Bei allen entdeckten Zusammenhängen bleibt eine Frage offen: Ist politische Bildung Ursache oder doch eher Wirkung von Unterschieden im Gehirn? Ohne Langzeitstudien lässt sich dies nicht beantworten.

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insgesamt 44 Beiträge
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1.
schrumpel500 23.06.2013
ist politisch korrekt für "Paranoia"
2. Ihr Manipulanten
hmm27 23.06.2013
Ja, das funktioniert... Ist aber kein Grund, da jetzt viel Schaum zu schlagen... In der Wirtschaft wird bereits seit geraumer Zeit mit Kommunikationspsychologie gearbeitet... Wenn das funktionieren soll, dann darf sich der Wähler nicht manipuliert fühlen... Das tut er aber, wenn die Absichten des Manipulanten, wie z. B. Frau von der Leyen, so offensichtlich sind... Kinder, Kinder, Kinder... Leute, denkt doch mal nach, was ihr da mit dem Wähler für Spielchen spielt... Ich habe übrigens mal eine Datenbankanwendung gebastelt, die genau diesen Zweck erfüllt... Ja, es funktioniert und ja, das setzt Intelligenz voraus, Frau von der Leyen...
3. Ich hoffe jetzt sehr...
Dumme Fragen 23.06.2013
dass die hiesigen "Liberalen" sich nicht mit den amerikanischen "liberals" verwechseln...
4.
May 23.06.2013
Zitat von sysopFreie Wahl? Von wegen - Hormone, Hirnstruktur und unbewusste Denkmuster prägen die politische Einstellung viel stärker, als den meisten bewusst ist. Wahlkämpfer könnten sich diese Mechanismen zu Nutze machen- vor allem, um Nichtwähler an die Urne zu locken. Neuropolitik - Mit dem Hirnscanner in den Wahlkampf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neuropolitik-mit-dem-hirnscanner-in-den-wahlkampf-a-906671.html)
Man sollte vorsichtig sein beim Übersetzen von "liberal" aus dem englischen (insbesondere einem amerikanischen Kontext) ins Deutsche, denn man versteht hier gemeinhin etwas anderes darunter. Außerdem muss man das sozio-kulturelle Umfeld beachten. In den USA gibt es ein zwei Parteien System die man liberal (Demokraten) und konservativ (Republikaner) nennt. Auf Deutschland lässt sich das nicht so leicht übertragen. Nicht nur ist unser politisches System fragmentierter, darüber hinaus sind Begriffe auch anders besetzt. Während die "liberalen" Demokraten in den USA als links angesehen werden, teilweise sogar als Sozialisten verunglimpft, wären deren Positionen in Deutschland oft keineswegs mit einer linken Gesinnung in Einklang zu bringen. Im großen und Ganzen vertritt die "konservative" CDU in Deutschland eine Politik die der der "liberalen" Demokraten in den USA sehr ähnlich ist, jedoch werden die beiden Parteien in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext gänzlich unterschiedlich bewertet. Darum halte ich es für äußerst problematisch tiefer greifende Rückschlüsse aus dieser Studie zu ziehen, abgesehen von dem offensichtlichen Fakt, dass Menschen mit ähnlichen Veranlagungen ähnliche emotionale Voraussetzungen haben und ähnliche politische Richtungen bevorzugen.
5. Psychologen
enceladus 23.06.2013
haben ja auch schon festgestellt das es Nachts draußen dunkel ist.
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