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09. Juni 2009, 06:35 Uhr

Neurotechnologie

Mit Moraldoping zum besseren Menschen

Mit Wachmachern, Klugheitspillen und immer neuen, besseren Substanzen beeinflussen wir unseren Geist. Das Hirndoping für mehr Leistung ist ethisch zweifelhaft, findet der Philosoph Thomas Metzinger, fragt aber: Wie wäre es eigentlich, wenn es eines Tages Medikamente für mehr Anstand und Moral gäbe?

Bald werden wir in der Lage sein, die Denkfähigkeit und die Stimmung auch bei gesunden Personen zu verbessern. In Wirklichkeit ist es natürlich so, dass die "kosmetische Psychopharmakologie" längst in der westlichen Kultur angekommen ist: Unter Wissenschaftlern und US-amerikanischen Studenten breitet sich bereits seit einiger Zeit der Gebrauch von Psychostimulantien und neuen Wachmachern aus.

Antidepressivum Prozac: Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher
AP

Antidepressivum Prozac: Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher

Wenn wir die Altersdemenz und den Gedächtnisverlust kontrollieren können, wenn wir Wachheit und Aufmerksamkeit ankurbeln oder Schüchternheit und die gewöhnliche Alltagstraurigkeit ausschalten können - warum sollten wir das dann nicht auch tun? Und warum sollten wir die ethische Entscheidung darüber, welche Rolle solche Medikamente bei unserem ganz persönlichen Lebensentwurf spielen, eigentlich ausgerechnet unseren Ärzten überlassen?

Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher. Es gibt immer mehr Leute, die ein rein kommerzielles Interesse daran haben, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was ein "normaler" geistiger Zustand ist, sich möglichst schnell verschieben. Etwas verändert sich: Der Raum möglicher Handlungsoptionen bei der Feineinstellung des eigenen Geistes vergrößert sich. Neurotechnologie wird zu Bewusstseinstechnologie, Mind Design ein Teil des persönlichen Lebensentwurfs. Wer soll die Entscheidung darüber fällen, welche dieser Veränderungen unser Leben bereichern und welche wir möglicherweise bereuen werden?

Das Medikament Modafinil ist vielleicht das beste Beispiel für Cognitive Enhancement, die Selbstverbesserung mit Hilfe neu entwickelter Medikamente. In einer Dosierung von 200 bis 400 Milligramm wird Modafinil zur Behandlung des Schichtarbeiter-Syndroms, exzessiver Tagesschläfrigkeit und Narkolepsie eingesetzt - einer Schlaflähmung, bei der es zu extremen Müdigkeitsattacken und einem Verlust der Muskelspannung kommen kann.

Normale Leute versetzt bereits eine einzige Pille Modafinil für einen Zeitraum von etwa zwölf Stunden in einen Zustand der Daueraufmerksamkeit, so wie man ihn vielleicht auch mit sechs Tassen Kaffee erreichen könnte - allerdings ohne lästige Nebenwirkungen wie Harndrang, Händezittern, Schwitzen oder Mundtrockenheit. Eine Pille Modafinil kostet etwa 2,30 Euro. In manchen Berufen - man denke nur an Finanzminister, Langstreckenpiloten, Scharfschützen, Notfallchirurgen - könnte es durchaus im Interesse der Allgemeinheit liegen, wenn man auf diese Weise die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit anheben könnte. Der Deutsche Ethikrat zum Beispiel besteht aus 26 Mitgliedern. Man könnte ihn also relativ risikolos und für weniger als sechzig Euro einen ganzen Tag lang hellwach machen.

Hirnforschung wird zu Neurotechnologie

In den USA hat in den letzten Jahren die Zahl der gesunden Personen zugenommen, die die Substanz aus Karrieregründen nehmen: Cephalon, der Hersteller von Modafinil, gibt zu, dass etwa neunzig Prozent der Verschreibungen für einen Gebrauch außerhalb der zugelassenen Anwendung erfolgen. Die Pharmaindustrie weiß seit langem, dass die größten Profite zukünftig nicht mehr aus dem medizinischen, sondern aus dem Lifestyle-Markt kommen. Mit dem Internet hat sie außerdem ein weltweites Vertriebsnetz und zugleich die Möglichkeit für inoffizielle Langzeitstudien mit einer großen Anzahl freiwilliger Teilnehmer - legale Studien an Gesunden werden derzeit nicht genehmigt.

Es gibt in Europa, wo die Hemmschwellen für die Modifikation des eigenen Körpers traditionell höher liegen als in den USA, keinen Grund für Alarmismus. Die wissenschaftlich-technologische Entwicklung verläuft langsamer als in den Medien dargestellt, ist aber unumkehrbar und wird von kapitalistischer Verwertungslogik angetrieben. Doch all dies sind nur die Anfänge einer wesentlich umfassenderen Entwicklung: Hirnforschung wird zu Neurotechnologie. Teile der Neurotechnologie werden zur Bewusstseinstechnologie. Zusammen mit kommerziell verwertbaren neuen Handlungsmöglichkeiten entstehen auch neue Bedürfnisse - und damit schleichend - nicht nur in der Medizin - ein neues Verständnis davon, was eigentlich "normal" ist.

Wenn wir einmal verlässliche, alltagstaugliche Stimmungsaufheller für Gesunde haben, werden wir dann schlechte Laune oder das prämenstruelle Syndrom am Arbeitsplatz zunehmend als Ungepflegtheit und Verwahrlosung wahrnehmen? So wie wir etwa heute starken Körpergeruch als Belästigung empfinden? Müssen wir bald angesichts immer neuer Generationen von Cognitive Enhancers an unseren Schulen und Universitäten Urintests vor Prüfungen einführen? Hätten Sie etwas dagegen, wenn ältere Mitbürger oder auch Ihre Arbeitskollegen ständig leicht unter Strom stünden, leicht aufgekratzt und in bester Laune mit großem Eifer ihre Projekte verfolgen würden? Was hielten Sie von hedonic engineering für das dritte Lebensalter, etwa einer Anpassung des Geschlechtstriebs bei älteren Mitbürgern?

Gibt es eine "Echtheit" der menschlichen Natur?

Wichtige Stichworte in der aktuellen ethischen Debatte sind "Paternalismus" und "freiwillige Selbstausbeutung": Wie weit geht die Autonomie des Bürgers bei der technischen Manipulation des eigenen Gehirns? Was ist mit den sozial benachteiligten, bildungsfernen Schichten der Gesellschaft? Geht es jetzt vielleicht eher um Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, oder am Ende doch nur um die Medikalisierung gesellschaftlicher Probleme?

Fragwürdig ist auch die Warnung vor dem Verlust von "Authentizität", weil damit oft ein unveränderlicher Kern der menschlichen Person vorausgesetzt wird. Gibt es aber nicht doch so etwas wie eine "Echtheit" der menschlichen Natur, die man verlieren könnte? Führt diese Entwicklung in eine schleichende Kalifornisierung der Kultur? Werden wir bald alle zu aalglatten herzlichen Optimisten, stets freundlich und und umwerfend professionell - aber vollkommen unecht?

Genau wie wir uns bereits heute für eine Brustvergrößerung, für Schönheitschirurgie oder andere Arten von Körperveränderung wie Piercing oder Tätowierungen entscheiden können, so werden wir bald auch in der Lage sein, die neurochemische Landschaft in unseren Köpfen auf kontrollierte, fein abgestimmte Art und Weise zu verändern. Heute verändert sich die Nachfrage, die Technologie wird präziser, die Märkte größer. In unseren ultraschnellen, immer stärker wettbewerbsorientierten und skrupellosen modernen Gesellschaften stehen Wachheit, Konzentration, gefühlsmäßige Stabilität und Ausstrahlungskraft hoch im Kurs.

Heißt die Konsequenz dann: Wenn wir normale Leute schlauer machen können, dann sollten wir auch schlaue Leute noch schlauer machen!?

Was würden wir tun, wenn Moral-Doping durch Medikamente möglich wäre?

Vor kurzer Zeit führte die angesehene Wissenschaftszeitschrift "Nature" eine informelle Online-Umfrage unter ihren Lesern durch, um herauszufinden, wie weit verbreitet der Gebrauch von Cognitive Enhancers tatsächlich ist. 1400 Personen aus sechzig Ländern antworteten: Jeder Fünfte sagte, dass er oder sie solche Medikamente bereits aus nicht-medizinischen Gründen benutzt hatte, um Aufmerksamkeit, Konzentration oder das Erinnerungsvermögen zu stimulieren. 62 Prozent der Konsumenten benutzten Methylphenidat (Ritalin), 44 Prozent Modafinil und 15 Prozent Beta-Blocker wie Propanolol. Jeder Dritte hatte die Medikamente über das Internet gekauft.

In Wettbewerbsgesellschaften könnte es durchaus sein, dass auch Menschen, zu deren Lebensentwurf die künstliche geistige Selbstoptimierung niemals gehört hat, auf einmal unter Zugzwang geraten - und die Einnahme leistungssteigernder Präparate fast schon als moralische Verpflichtung erscheint.

Wenn ich mit deutschen Kollegen wie dem Rechtsphilosophen Reinhard Merkel über diese Fragen diskutiere, dann fällt uns beiden immer wieder auf, wie sich die Neuroethik-Experten aus dem angelsächsischen Bereich in einem wesentlichen Punkt besonders stark von uns unterscheiden: Sie sind fest davon überzeugt, dass die pharmakologische Neurotechnologie unsere Gesellschaft auf jeden Fall früher oder später vollständig durchdringen wird, und dass die Entwicklung schon jetzt nicht mehr aufzuhalten ist - es geht also nur noch darum, sie auf möglichst rationale und intelligente Weise zu steuern. Wie die kognitive Neurowissenschaftlerin Martha Farah und ihre Kollegen es schon vor einiger Zeit formulierten: "Die Frage ist deshalb nicht, ob wir Richtlinien brauchen, um die neurokognitive Verbesserung unserer geistigen Funktionen zu regeln, sondern vielmehr, welche Art von Richtlinien wir benötigen."

Hirn-Doping wird zum Moral-Doping

Modafinil ist natürlich auch längst im Irakkrieg zum Einsatz gekommen. Wir sollten uns keine Illusionen machen: Jede der künftigen Neurotechnologien wird früher oder später auch von Militär, Polizei und Geheimdiensten eingesetzt werden.

Mich interessieren besonders all jene Fälle, in denen das ethische Urteilsvermögen selbst bereits in Teilaspekten beeinflusst werden kann - zum Beispiel die Fähigkeit zur Betroffenheit, zum schlechten Gewissen, zur Scham und zur Verletztheit. Ist es akzeptabel, wenn Soldaten - vielleicht auf einer ethisch zweifelhaften Mission - effektiver kämpfen und töten, dies aber unter dem Einfluss von Psychostimulanzien und moderner Antidepressiva tun, die eine post-traumatische Belastungsstörung schon im Ansatz unterbinden?

Hier ist der wichtigste Aspekt: Wenn man Kognition und Emotion verbessern kann, dann kann man früher oder später auch moralische Kognition und moralische Emotion optimieren. Was würden wir tun, wenn "Moral Enhancement" durch Medikamente möglich wäre? Wenn wir den Menschen mit Pillen sozialer und altruistischer machen könnten, wenn die ethische Integrität selbst sich pharmakologisch optimieren ließe? Jeder Mensch, der überhaupt für moralische Fragen empfänglich ist und in seinem eigenen Leben nach ethischer Integrität strebt, muss auch neue Instrumente begrüßen, die ihm dabei helfen, seine eigenen ethischen Wertvorstellungen noch erfolgreicher in die Tat umzusetzen. Wer überhaupt Werte hat, der wird auch eine Verpflichtung verspüren, sich selbst nicht nur kognitiv, sondern auch seine eigenen Handlungen immer weiter zu optimieren - und sei es nur, um dadurch das Selbstwertgefühl zu erhöhen.

Angenommen, es gibt einmal so etwas wie eine alltagstaugliche und nebenwirkungsfreie Retard-Variante von Ecstasy. Ein Medikament, das unser Herz öffnet, das uns ermöglicht, anderen immer wieder zu vergeben und die eigenen Schwächen angstfrei wahrzunehmen. Das uns mit Güte erfüllt und unsere Empathiefähigkeit maximiert. Hätten wir dann möglicherweise das Gefühl, dass es aus ethischen Gründen sogar geboten sei, nicht nur unser eigenes, sondern auch das ethische Verhalten der Allgemeinheit zu optimieren?

Ich glaube, dass die jetzt auf dem Markt befindlichen Medikamente im Grunde nur Wachheit und Aufmerksamkeit verbessern, und dann via Placebo-Effekt die Zuversicht in den eigenen Erfolg erhöhen. Sie führen nicht wirklich zu tieferen Einsichten. Aber wenn wir innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahrzehnte einmal echte kognitive Enhancer entdecken sollten, dann würden diese natürlich automatisch auch unsere moralische Intelligenz verbessern.

Dann würde es endgültig spannend: Aus Hirn-Doping würde Moral-Doping.

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