Neurotechnologie Mit Moraldoping zum besseren Menschen

Mit Wachmachern, Klugheitspillen und immer neuen, besseren Substanzen beeinflussen wir unseren Geist. Das Hirndoping für mehr Leistung ist ethisch zweifelhaft, findet der Philosoph Thomas Metzinger, fragt aber: Wie wäre es eigentlich, wenn es eines Tages Medikamente für mehr Anstand und Moral gäbe?


Bald werden wir in der Lage sein, die Denkfähigkeit und die Stimmung auch bei gesunden Personen zu verbessern. In Wirklichkeit ist es natürlich so, dass die "kosmetische Psychopharmakologie" längst in der westlichen Kultur angekommen ist: Unter Wissenschaftlern und US-amerikanischen Studenten breitet sich bereits seit einiger Zeit der Gebrauch von Psychostimulantien und neuen Wachmachern aus.

Antidepressivum Prozac: Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher
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Antidepressivum Prozac: Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher

Wenn wir die Altersdemenz und den Gedächtnisverlust kontrollieren können, wenn wir Wachheit und Aufmerksamkeit ankurbeln oder Schüchternheit und die gewöhnliche Alltagstraurigkeit ausschalten können - warum sollten wir das dann nicht auch tun? Und warum sollten wir die ethische Entscheidung darüber, welche Rolle solche Medikamente bei unserem ganz persönlichen Lebensentwurf spielen, eigentlich ausgerechnet unseren Ärzten überlassen?

Die Grenzen zwischen kognitiver Selbstoptimierung und Therapie werden undeutlicher. Es gibt immer mehr Leute, die ein rein kommerzielles Interesse daran haben, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was ein "normaler" geistiger Zustand ist, sich möglichst schnell verschieben. Etwas verändert sich: Der Raum möglicher Handlungsoptionen bei der Feineinstellung des eigenen Geistes vergrößert sich. Neurotechnologie wird zu Bewusstseinstechnologie, Mind Design ein Teil des persönlichen Lebensentwurfs. Wer soll die Entscheidung darüber fällen, welche dieser Veränderungen unser Leben bereichern und welche wir möglicherweise bereuen werden?

Das Medikament Modafinil ist vielleicht das beste Beispiel für Cognitive Enhancement, die Selbstverbesserung mit Hilfe neu entwickelter Medikamente. In einer Dosierung von 200 bis 400 Milligramm wird Modafinil zur Behandlung des Schichtarbeiter-Syndroms, exzessiver Tagesschläfrigkeit und Narkolepsie eingesetzt - einer Schlaflähmung, bei der es zu extremen Müdigkeitsattacken und einem Verlust der Muskelspannung kommen kann.

Normale Leute versetzt bereits eine einzige Pille Modafinil für einen Zeitraum von etwa zwölf Stunden in einen Zustand der Daueraufmerksamkeit, so wie man ihn vielleicht auch mit sechs Tassen Kaffee erreichen könnte - allerdings ohne lästige Nebenwirkungen wie Harndrang, Händezittern, Schwitzen oder Mundtrockenheit. Eine Pille Modafinil kostet etwa 2,30 Euro. In manchen Berufen - man denke nur an Finanzminister, Langstreckenpiloten, Scharfschützen, Notfallchirurgen - könnte es durchaus im Interesse der Allgemeinheit liegen, wenn man auf diese Weise die Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit anheben könnte. Der Deutsche Ethikrat zum Beispiel besteht aus 26 Mitgliedern. Man könnte ihn also relativ risikolos und für weniger als sechzig Euro einen ganzen Tag lang hellwach machen.

Hirnforschung wird zu Neurotechnologie

In den USA hat in den letzten Jahren die Zahl der gesunden Personen zugenommen, die die Substanz aus Karrieregründen nehmen: Cephalon, der Hersteller von Modafinil, gibt zu, dass etwa neunzig Prozent der Verschreibungen für einen Gebrauch außerhalb der zugelassenen Anwendung erfolgen. Die Pharmaindustrie weiß seit langem, dass die größten Profite zukünftig nicht mehr aus dem medizinischen, sondern aus dem Lifestyle-Markt kommen. Mit dem Internet hat sie außerdem ein weltweites Vertriebsnetz und zugleich die Möglichkeit für inoffizielle Langzeitstudien mit einer großen Anzahl freiwilliger Teilnehmer - legale Studien an Gesunden werden derzeit nicht genehmigt.

Es gibt in Europa, wo die Hemmschwellen für die Modifikation des eigenen Körpers traditionell höher liegen als in den USA, keinen Grund für Alarmismus. Die wissenschaftlich-technologische Entwicklung verläuft langsamer als in den Medien dargestellt, ist aber unumkehrbar und wird von kapitalistischer Verwertungslogik angetrieben. Doch all dies sind nur die Anfänge einer wesentlich umfassenderen Entwicklung: Hirnforschung wird zu Neurotechnologie. Teile der Neurotechnologie werden zur Bewusstseinstechnologie. Zusammen mit kommerziell verwertbaren neuen Handlungsmöglichkeiten entstehen auch neue Bedürfnisse - und damit schleichend - nicht nur in der Medizin - ein neues Verständnis davon, was eigentlich "normal" ist.

Wenn wir einmal verlässliche, alltagstaugliche Stimmungsaufheller für Gesunde haben, werden wir dann schlechte Laune oder das prämenstruelle Syndrom am Arbeitsplatz zunehmend als Ungepflegtheit und Verwahrlosung wahrnehmen? So wie wir etwa heute starken Körpergeruch als Belästigung empfinden? Müssen wir bald angesichts immer neuer Generationen von Cognitive Enhancers an unseren Schulen und Universitäten Urintests vor Prüfungen einführen? Hätten Sie etwas dagegen, wenn ältere Mitbürger oder auch Ihre Arbeitskollegen ständig leicht unter Strom stünden, leicht aufgekratzt und in bester Laune mit großem Eifer ihre Projekte verfolgen würden? Was hielten Sie von hedonic engineering für das dritte Lebensalter, etwa einer Anpassung des Geschlechtstriebs bei älteren Mitbürgern?

Gibt es eine "Echtheit" der menschlichen Natur?

Wichtige Stichworte in der aktuellen ethischen Debatte sind "Paternalismus" und "freiwillige Selbstausbeutung": Wie weit geht die Autonomie des Bürgers bei der technischen Manipulation des eigenen Gehirns? Was ist mit den sozial benachteiligten, bildungsfernen Schichten der Gesellschaft? Geht es jetzt vielleicht eher um Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, oder am Ende doch nur um die Medikalisierung gesellschaftlicher Probleme?

Fragwürdig ist auch die Warnung vor dem Verlust von "Authentizität", weil damit oft ein unveränderlicher Kern der menschlichen Person vorausgesetzt wird. Gibt es aber nicht doch so etwas wie eine "Echtheit" der menschlichen Natur, die man verlieren könnte? Führt diese Entwicklung in eine schleichende Kalifornisierung der Kultur? Werden wir bald alle zu aalglatten herzlichen Optimisten, stets freundlich und und umwerfend professionell - aber vollkommen unecht?

Genau wie wir uns bereits heute für eine Brustvergrößerung, für Schönheitschirurgie oder andere Arten von Körperveränderung wie Piercing oder Tätowierungen entscheiden können, so werden wir bald auch in der Lage sein, die neurochemische Landschaft in unseren Köpfen auf kontrollierte, fein abgestimmte Art und Weise zu verändern. Heute verändert sich die Nachfrage, die Technologie wird präziser, die Märkte größer. In unseren ultraschnellen, immer stärker wettbewerbsorientierten und skrupellosen modernen Gesellschaften stehen Wachheit, Konzentration, gefühlsmäßige Stabilität und Ausstrahlungskraft hoch im Kurs.

Heißt die Konsequenz dann: Wenn wir normale Leute schlauer machen können, dann sollten wir auch schlaue Leute noch schlauer machen!?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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Rainer Helmbrecht 09.06.2009
1. 1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopWachmacher, Klugheitspillen - mit immer besseren Substanzen beeinflussen wir unseren Geist. Das Hirndoping für mehr Leistung ist ethisch zweifelhaft, findet der Philosoph Thomas Metzinger - fragt aber: Wie wäre es eigentlich, wenn es eines Tages Medikamente für mehr Anstand und Moral gibt? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627199,00.html
Wenn es die gäbe, würden sie nicht verteilt. Denn dann würde man Pillen ins Trinkwasser der Bevölkerung tun, um aus Wählern glückliche Idioten zu machen und sie zu halten wie Vieh, zum Wohle einer alles bestimmenden Diktatur. Ein Hitler, ein Stalin, oder auch ein Bush hätten nicht unserer Moral positiv verändert, sondern dafür gesorgt, dass uns ihre Moral gefällt. Bei dem Gedanken, dass das machbar wäre, wird mir übel. Wir hatten mal eine Hündin, die eine Hormonspritze bekam, sie wurde läufig und fand alle Rüden in unserer Umgebung mehr als sympatisch. So stelle ich mir den Gebrauch dieser Medikamente vor. Da wäre die Freigabe von Drogen direkt noch eine Erlösung;o). MfG. Rainer
RWagner 09.06.2009
2. Wenn es diese
grünen Pillen dann endlich gib´t, soll der Herr metzinger der erste sein der sie nimmt. Wenn er dann aus lauter Ehrlichkeit seine Professur wieder zurückgibt, ist die wirkungsweise der pillen verifiziert. Der Mann kommt mir jedenfalls hoffnungslos naiv vor. Als ob Moral etwas festliegendes wäre. Für den mittelalterlichen Spanier war es ein gottgefälliges Werk Ketzer lebendig zu verbrennen, und er hatte obendrein noch seinen Spaß daran.
h0l0fernes 09.06.2009
3. Wenn es Drogen gäbe, um die Moral zu verbessern,
dann würden die garantiert sofort als "gemeingefährlich" verboten werden (wie einst die Sozialdemokratie unter Bismarck). Denn das könnte den asozialen Geschäftemachern, die überall das Sagen haben, ihre heiligen Geschäfte stören und an ihre heiligen Bankkonten gehen. Im Übrigen ist es ein offenes Geheimnis, dass US-Kampfpiloten bei ihren Mordeinsätzen z.B. im Irak und in Afghanistan mehrheitlich unter Drogen stehen - schon lange.
M.S.Schneider, 09.06.2009
4. Werbung
Toll. Jetzt neu bei Diktapharm: Die Gleichschaltungs-Pille. Wor früher Lobotomie, Umerziehungslager und Privatfernsehen nur unzulängliche Ergebnisse gebracht haben, hilft nun unser neuester Herdentrieb-Beschleuniger. Ist Ihnen Ihre Bevölkerung auch zu kritisch, zu ängstlich, zu nachdenklich, haben auch die Neuwahlen nicht geholfen? Dann bestellen Sie gleich: Wahlweise ist der 1933kg oder der 1984kg oder auch, für besonders schwere Fälle, die 2009kg (mit Hartz-Zusatz) Packung. Der Preis? Immer 25% von dem, was hinterher mehr da ist.
der_durden 09.06.2009
5. Der Zweck heiligt (mal wieder) die Mittel...
Zitat von sysopWachmacher, Klugheitspillen - mit immer besseren Substanzen beeinflussen wir unseren Geist. Das Hirndoping für mehr Leistung ist ethisch zweifelhaft, findet der Philosoph Thomas Metzinger - fragt aber: Wie wäre es eigentlich, wenn es eines Tages Medikamente für mehr Anstand und Moral gibt? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,627199,00.html
Was ich interessant finde ist, vor allem in den USA, dass es eine hohe gesellschaftliche und politische Akzeptanz gibt, durch Mittel seine (berufliche) Leistung zu steigern. Im Gegensatz dazu, ist es absolut verpönt, sich abends gemütlich einen Joint zu drehen. Drogen für Leistung sind OK, Drogen damit der Mensch ein wenig Spaß hat, sind selbstverständlich Teufelswerk. Da ist sie wieder die omnipräsente Doppelmoral!
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