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Nie mehr Menstruation: Dauer-Pille schafft die Tage ab

Von Sigrid Neudecker

Schluss mit dem Zyklus - Frauen greifen zu einem Trick, um ihre Menstruation zu vermeiden: Sie nehmen die normale Pille durchgehend ein. In den USA wurden erste spezielle Präparate zugelassen, auch in Deutschland experimentieren Frauen mit der Methode. Experten warnen vor möglichen Langzeitfolgen.

Viele Frauen nehmen die Pille länger ohne Unterbrechung ein als im Beipacktext angegeben. Sie wollen sich Krämpfe und Migräne ersparen, aber auch die Abhängigkeit von Binden und Tampons. Für die gibt es dann bestimmt eine andere Verwendung.

Ihre letzte Regel hatte Heidi M. vor vier Jahren. Wann sie das nächste Mal eine hat, entscheidet sie selbst. Dann wird die Amerikanerin die Pille, die sie seit vier Jahren täglich nimmt, für eine Woche absetzen. "Früher hatte ich heftige, schmerzhafte Blutungen", sagt sie. "Dann habe ich gemerkt, dass ich überhaupt keine Periode mehr haben muss. Es ist wunderbar!"

Menstruationsmanagement nennen es die Amerikanerinnen, wenn sie hormonelle Verhütungsmittel wie Pille, Hormonspirale oder Vaginalring durchgehend anwenden und so ihren Zyklus selbst bestimmen. Auch in Deutschland verschieben längst viele Frauen ihre Regel – allerdings meist nur um ein paar Tage, wenn etwa ein Urlaub bevorsteht oder im Job viel zu tun ist. Jetzt entdecken immer mehr, wie einfach es ist, die Periode ganz abzustellen.

Als 1960 die erste Pille in den Handel kam, wurde heftig über die moralischen Folgen der Verhütung diskutiert. Seit 2003 in den USA das neue Präparat Seasonale eingeführt wurde, wird wieder um die Pille gestritten – diesmal geht es um nicht weniger als die Abschaffung der Menstruation. Während Frauen in normalen Pillenzyklen 21 Tage lang Hormone einnehmen, bevor sie eine Woche pausieren, sind es bei Seasonale 84 Tage. Das heißt, die Frauen menstruieren nur viermal im Jahr.

Seasonale ist eine normale einphasige Antibabypille, das heißt, alle Tabletten enthalten dieselbe Hormondosis. Die gleiche Wirkung ließe sich prinzipiell auch mit vielen deutschen Präparaten erzielen. Der Unterschied ist: Seasonale hat den notwendigen Genehmigungsmarathon der amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) absolviert – und durfte als Erste offiziell drei Monate lang durchgehend eingenommen werden.

Weil manchen vier Blutungen im Jahr allerdings immer noch zu viel erscheinen, kommt jetzt die nächste Pille: Lybrel, ebenfalls ein amerikanisches Präparat, mit dessen Zulassung in diesen Wochen gerechnet wird und das in Europa unter dem Markennamen Anya auf den Markt kommen soll. Es schaltet die Blutungen gleich für ein ganzes Jahr aus.

Die Gegner eines solchen Langzyklus befürchten, Frauen könnten dadurch zu männlich-verlässlich einsetzbaren Geschöpfen gemacht werden. Befürworter argumentieren dagegen, endlich werde wissenschaftlich fundiert ermöglicht, was ohnehin seit Jahren praktiziert wird – in Deutschland laut Schätzungen von vier bis fünf Prozent der 6,6 Millionen Pillenanwenderinnen.

Nicht ohne Grund: Kaum eine Frau erlebt ihre Tage völlig unbeschwert. Viele haben Kopfschmerzen durch den Hormonabfall kurz vor der Menstruation, werden vom Prämenstruellen Syndrom (PMS) gequält, müssen Schmerzmittel gegen Krämpfe schlucken oder leiden darunter, stets mit Hygieneartikeln ausgestattet in der Nähe einer Toilette bleiben zu müssen. Manche Frauen müssen sogar ein bis zwei Tage lang das Bett hüten. Laut einer Studie entsteht Amerikanerinnen mit starken Menstruationen dadurch ein Verdienstausfall von 1692 US-Dollar pro Jahr.

Der Zyklus sei bei Pillenanwenderinnen ohnehin nicht mehr natürlich, meinen Experten. "Wenn man sich zur Einnahme der Pille entscheidet, ist das ja schon ein großer Eingriff in den Körper", sagt die Hamburger Gynäkologin Katrin Schaudig. "Der Unterschied zum Langzyklus ist dann nur noch marginal."

Die Blutung, die Anwenderinnen hormoneller Verhütungsmittel monatlich erleben, ist eine sogenannte Entzugsblutung, die durch das Absetzen der künstlichen Hormone hervorgerufen wird. "Es gibt keinen einzigen stichhaltigen medizinischen Grund, immer nach 21 Tagen eine Woche Pause zu machen", sagt Katrin Schaudig. "Wenn eine Frau zu mir kommt und sagt: Es ist mir lästig, ich möchte überhaupt nicht mehr bluten, dann habe ich kein Problem damit, ihr zu sagen, dass sie die Pille im Langzyklus nehmen kann."

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