Niederlande in Not "Unsere Häuser müssen schwimmen"

Viele Staaten sind schlecht gegen den Klimakollaps gerüstet - wie schlecht, zeigte jetzt eine gigantische Untergangs-Übung in den Niederlanden. Katastrophenschützer Lucien van Hove spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über blitzschnell absaufende Städte, riesige Deiche - und Menschen, die trotz aller Risiken ans Meer ziehen.


SPIEGEL ONLINE: In der vergangenen Woche haben Katastrophenschützer in den Niederlanden die größte denkbare Überflutung geübt - wie realistisch ist das Szenario?

Van Hove: Unsere Behörde versucht natürlich, mit einer ganzen Reihe von Flutbarrieren, Deichen und Pumpsystemen ein solches Unglück zu verhindern. Aber auch 3300 Kilometer Deiche und insgesamt 38 Deichringe können keinen hundertprozentigen Schutz geben. Wir versuchen, den Menschen diese Gefahr stets ins Gedächtnis zu rufen. Die letzte wirklich große Sturmflut war 1953. Die junge Generation vergisst das leider ein wenig.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich eine Flutkatastrophe eigentlich üben?

Van Hove: In der vergangenen Woche ging es vor allem darum, den Fall zu üben, dass unsere Schutzwerke versagen, um zu schauen, wie die einzelnen Rettungskräfte, etwa das Militär und die Polizei, zusammenarbeiten. Wir von der Wasserbehörde testen die Stauwerke im Winter jeden Monat einmal, um sicherzugehen, dass sie im Ernstfall schnell zu schließen sind. Außerdem werden alle fünf Jahre alle Deiche kontrolliert, was auch nötig ist. Denn immer wieder finden die Kontrolleure Stellen, die Schwachpunkte aufweisen.

SPIEGEL ONLINE: Nimmt die Bedrohung für das Land zu?

Van Hove: Ja, und zwar von zwei Seiten. Wenn die Klimaprognosen stimmen, dann müssen wir uns auf trockene Sommer, aber umso heftigeren Regen im Winter einstellen, was bedeutet, dass die Wassermengen, die vom Rhein in unser Land fließen, häufiger gefährlich anschwellen können. Auch die Küste bereitet uns zunehmend Sorgen. Das liegt zum einen am prognostizierten Meeresspiegelanstieg. Außerdem sinken die Niederlande weiter ab. Grund ist, dass Ton und Torf durch die Entwässerung des Landes an Wasser verlieren. Und dann sinkt die Kontinentalplatte, auf der die Niederlande liegen, weiter ab.

SPIEGEL ONLINE: Besteht zwischen den beiden Entwicklungen ein Zusammenhang?

Van Hove: Leider ja. Denn im schlimmsten anzunehmenden Fall haben wir eine Springflut und gleichzeitig Hochwasser hier im Delta. Und dann können wir das ganze Wasser aus den Flüssen nicht mehr raus aufs Meer kriegen. Am brisantesten steht es dann um die Region bei Dordrecht. Da sind die Niederlande am niedrigsten, und Flüsse umzingeln die Stadt. Wenn dort ein Deich bricht, läuft das Gebiet blitzschnell voll.

SPIEGEL ONLINE: Was muss Ihr Land also tun?

Van Hove: Vor einigen Monaten erschien dazu der Bericht der sogenannten Deltakommission mit der Empfehlung, einen Teil des Bruttosozialproduktes schon heute für die künftigen Bedrohungsszenarien zur Verfügung zu stellen. Das Geld muss in stärkere Fluttore investiert werden und den tadellosen Zustand der Deiche. Die können aber nicht ohne weiteres höher gebaut werden. Ein Meter mehr in der Höhe bedeutet mehrere Meter mehr in der Breite. Häuser müssen also weichen, oder aber man findet Wege, sie so auf dem Deich zu bauen, dass sowohl Deich als auch Haus sicher sind.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegen die Grenzen dieses Wettlaufes mit dem Wasser?

Van Hove: Wir müssen im Hochwasserschutz umdenken. Technischer Schutz gegen die Fluten wird nicht mehr ausreichen. Deshalb müssen wir mit dem Wasser leben und nicht versuchen, es auf jeden Fall aussperren zu wollen. Bei Hochwasser brauchen wir deshalb mehr Flächen, die wir überfluten lassen können. Häuser, die dort gebaut werden, müssen im Notfall schwimmen. Entsprechende Modellhäuser stehen bereits an der Maas. Das erfordert aber ein echtes Umdenken. Aus den traumatischen Erlebnissen von 1953 sind wir reflexartig darauf eingestellt gewesen, uns möglichst hoch einzudeichen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: Betrachtet man sich die Karte der Niederlande, dann wohnen die Menschen ausgerechnet dort, wo es am gefährlichsten ist. Im Osten ist Ackerbau und Viehzucht.

Van Hove: Die Küstengebiete waren schon immer wirtschaftlich für die Menschen am interessantesten. Denken Sie an den Handel in Städten wie Amsterdam. So kommt es, dass zwei Drittel der 17 Millionen Niederländer unter dem Meeresspiegel leben - und nur mit massivem technischen Einsatz trocken bleiben. Das Wasser war schon immer unser Freund und Feind.

Das Interview führte Gerald Traufetter.


"Holland übt Not": Lesen Sie in einer Reportage in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, wie die Niederländer ihr Land untergehen ließen - probehalber.



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