Nobelpreise für Deutsche "Wir brauchen Helden der Wissenschaft"

Die Hälfte der wissenschaftlichen Nobelpreise 2007 ist an Deutsche gegangen - und die Politik überschlägt sich mit Lobeshymnen. Tatsächlich ist die deutsche Forschungslandschaft international absolut konkurrenzfähig - nur nicht die Universitäten.

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Man muss ein ziemlich gutes Gedächtnis haben, um sich an den letzten deutschen Doppel-Nobelpreis zu erinnern. 1986 hatten mit Ernst Ruska und Gerd Binnig zuletzt zwei deutsche Naturwissenschaftler im selben Jahr die höchste wissenschaftliche Auszeichnung bekommen. Zwar gab es auch 1999 zwei deutsche Laureaten, darunter aber nur einen Wissenschaftler - den Mediziner Günter Blobel. Der zweite Preisträger war der Schriftsteller Günter Grass.

Chemie-Nobelpeisträger Ertl: Braucht die deutsche Forschung mehr Vorbilder?
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Chemie-Nobelpeisträger Ertl: Braucht die deutsche Forschung mehr Vorbilder?

In diesem Jahr ging gleich die Hälfte der drei wissenschaftlichen Nobelpreise an Deutsche: Peter Grünberg teilt sich die Physik-Auszeichnung mit dem Franzosen Albert Fert, Gerhard Ertl ist alleiniger Chemie-Preisträger. Die Lobeshymnen von Forschungsorganisationen und Politikern fielen entsprechend überschwänglich aus. "Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, in beiden Disziplinen, Physik und Chemie, in diesem Jahr einen Nobelpreis zu bekommen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Wissenschaftler in Deutschland würden damit insgesamt geehrt.

Bundespräsident Horst Köhler schrieb in seiner Gratulation an Ertl, dass dessen Nobelpreis nicht nur dessen eigene wissenschaftliche Leistung beleuchte, sondern "zugleich ein helles Licht auf die Max-Planck-Gesellschaft und die Wissenschaft in Deutschland insgesamt" werfe. SPD-Chef Kurt Beck gab zu Protokoll, dass die "hochverdiente Auszeichnung" Ertls zusammen mit Grünbergs Physik-Nobelpreis ein Zeugnis für den Weltrang deutscher Naturwissenschaften sei. Auch Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) bezeichnete die beiden Nobelpreise als großartige Auszeichnung für die deutsche Forschungslandschaft: Sie stärkten die "Aufbruchstimmung in der deutschen Wissenschaft, die auch international zu spüren ist".

Guter Ruf der deutschen Wissenschaft

Tatsächlich genießt die deutsche Spitzenforschung international ein hohes Ansehen. Nur Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien veröffentlichen deutlich mehr Artikel in renommierten Fachblättern und werden dort öfter zitiert als ihre deutschen Kollegen. Allerdings ist es bezeichnend für die Verhältnisse in der deutschen Wissenschaft, dass sowohl Ertl als auch Grünberger nicht an Universitäten arbeiten: Ertl forscht für die Max-Planck-Gesellschaft, Grünberg für die Helmholtz-Gemeinschaft.

"Die deutsche Wissenschaft genießt international einen sehr guten Ruf, nur bleibt das ohne Folgen für das Renommee der deutschen Hochschulen", sagt Hans Weiler. Der Politikwissenschaftler muss es wissen: Als emeritierter Professor der US-Eliteuniversität Stanford und ehemaliger Rektor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder kennt er beide Seiten des Atlantiks. "Man hat sich in Deutschland halt dafür entschieden, die Spitzenforschung aus den Universitäten auszulagern", sagt Weiler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das habe zur Folge, dass etwa die Max-Planck-Institute oft zur Weltspitze gezählt würden, in der Reputation der Universitäten aber "enorme Unterschiede" zwischen den USA und Deutschland bestünden. "Das kann man leicht an den zahlreichen Rankings ablesen", sagt Weiler. "Selbst die besten deutschen Hochschulen tauchen da nur unter ferner liefen auf."

Zu wenig Geld für deutsche Unis

Auch die im vergangenen Jahr beschlossene Exzellenzinitiative könne daran nicht viel ändern. Bund und Länder stecken im Rahmen der Initiative 1,9 Milliarden Euro in die Forschungslandschaft - allerdings gestreckt bis 2011 und verteilt auf eine ganze Reihe von Einrichtungen. "Wer glaubt, mit einem solchen Betrag die deutschen Hochschulen international konkurrenzfähig machen zu können, sollte noch einmal den Mathematik-Unterricht besuchen", meint Weiler. Die Stanford University allein verfüge für den laufenden Fünf-Jahres-Zeitraum über einen Forschungsetat von umgerechnet 2,2 Milliarden Euro.

Matthias Kleiner, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sieht das naturgemäß ein wenig anders. "Wir haben auch in den Universitäten hervorragende Wissenschaftler, von denen einige durchaus den Nobelpreis verdienen", sagte Kleiner zu SPIEGEL ONLINE. "Aber nicht jeder kann ihn bekommen." Andererseits treffe durchaus zu, dass es gewisse Unterschiede zwischen den Arbeitsbedingungen an den Universitäten und denen bei der Max-Planck-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft gebe.

"Helden der Wissenschaft" sollen Nachwuchs anlocken

Das ist auch an Ertls heutigem Kommentar über den Forschungsstandort Deutschland abzulesen. "Ich habe hier nie Probleme gehabt. Ich kann auch nicht verstehen, was alles so gejammert wird über mangelndes Geld", sagte der frischgebackene Nobelpreisträger. In vielerlei Hinsicht biete Deutschland Wissenschaftlern Vorteile gegenüber den USA, sagt der Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik, der auch in den USA gearbeitet hat.

An den Universitäten aber fließt das Geld nicht in Strömen - mit allen Folgen für die Qualität der Forschung. Zudem sind der deutschen Öffentlichkeit selbst nobelpreiswürdige Forscher oft nahezu unbekannt. Grünberg und besonders Ertl bildeten bis vor wenigen Stunden keine Ausnahme. "Wir brauchen Helden der Wissenschaft", so Kleiner. Denn die könnten einen Teil zur Lösung des Problems beitragen. "Ich glaube fest an Rollenmodelle", sagt der DFG-Präsident. Er erwartet von Nobelpreisen eine Sogwirkung, die wieder junge Talente an deutsche Unis zieht. "Da läuft sicherlich viel über Vorbilder."

Die Frage ist, wie viele Wissenschaftler Helden sein wollen. Denn öffentlicher Ruhm und starke Präsenz in den Medien sind Dinge, über die deutsche Forscher - im Unterschied etwa zu ihren Kollegen in den USA und Großbritannien - mitunter die Nase rümpfen. "Es kommt eben sehr darauf an", meint Kleiner, "ob jemand in die Öffentlichkeit drängt oder eher gedrängt wird."

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