Nofretete-Diskussion Streit um die schweigsame Schönheit

Echt oder falsch? Unter Forschern tobt ein bizarrer Streit um die Büste der Nofretete. Der Fall macht vor allem eines klar: Die Wissenschaft weiß noch immer nur sehr wenig über das weltbekannte Kunstwerk - und wird den ultimativen Beweis wohl vorerst schuldig bleiben.

Nofretete und Besucherin (2005): "Die Berliner wissen, dass ich recht habe."
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Nofretete und Besucherin (2005): "Die Berliner wissen, dass ich recht habe."

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Natürlich haben sie sie nachgebaut. Man kann es klar und eindeutig sehen. In einer Endlosschleife läuft auf dem Monitor im Alten Museum auf der Berliner Museumsinsel immer wieder tonlos eine Filmsequenz, in der ein Labormitarbeiter mit einer Kopie der Nofretete hantiert. Der Bildschirm steht in einer ehemaligen Ausstellungsvitrine, die seit einigen Wochen ein "Gläsernes Labor" mit vier Arbeitsplätzen beherbergt - und auf diese Weise anschaulich zeigen soll, wie hoch der Aufwand zur Konservierung antiker Kunstgegenstände ist.

Museumsgäste können hier den Mitarbeitern des Rathgen-Forschungslabors über die Schulter schauen, wie sie mit Hilfe von Infrarotspektroskopie, Röntgenfluoreszenzanalyse oder Mikroskopie die Geheimnisse der betagten Fundstücke zu ergründen versuchen. Nur wenige Schritte weiter steht die Büste der Nofretete. Das Stück mit der Inventarnummer 21300 ist eines der bekanntesten Kunstwerke aus dem alten Ägypten. Und seit einigen Tagen wird über ihre Echtheit diskutiert.

"Fragen erwünscht", steht in gelben Buchstaben auf den Scheiben des aquarienartigen Forscherbüros im Museum. Und Henri Stierlin, Buchautor aus Genf, hat in der Tat einige Fragen. Wenn er von einer Kopie der Nofretete spricht, dann meint er nicht das komplett weiße Modell der Büste, das in dem Film im Gläsernen Labor zu sehen ist - und das entstand, weil Mitarbeiter einen neuen Transportunterbau für das Kunstwerk testen wollten.

Nein, Stierlin treibt ein viel fundamentalerer Verdacht um: In einem jetzt veröffentlichen Buch behauptet er, die Nofretete sei in Wirklichkeit gar nicht echt. Ausgrabungsleiter Ludwig Borchardt habe sie im Jahr 1912 vom Bildhauer Gerhard Marcks extra anfertigen lassen, um eine neu gefundene Halskette zu präsentieren. "Bis dahin kannte man Nofretete nur aus Darstellungen in Flachrefliefs, Borchardt wollte sie dreidimensional sehen", sagt Stierlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Theorie klingt aufregend und sorgte für Schlagzeilen: Bei einem Besuch des sächsischen Herzogs Johann Georg an der Grabungsstätte im ägyptischen Amarna, so Stierlin, sei Borchardts Experiment seinerzeit außer Kontrolle geraten. Die royale Reisegesellschaft habe die Büste entdeckt und bewundert. Borchardt, so behauptet Stierlin, habe sich seit diesem Moment nicht mehr getraut, die Angelegenheit aufzuklären, weil das die naiven Bewunderer aus dem Königshaus bloßgestellt hätte.

Kunsthistoriker zweifeln diese Darstellung an. "Ob die Nofretete eine Fälschung ist, weiß ich nicht", sagt Ari Hartog, Kurator am Gerhard-Marcks-Haus in Bremen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber von Marcks ist sie jedenfalls nicht." Der Künstler sei nie in Ägypten gewesen. Ein Bruder des Bildhauers ist dafür verantwortlich, dass der Name Marcks auf der Liste von Borchardts Team auftaucht.

"Es ist nicht redlich, dieses Objekt zu zeigen, obwohl man weiß, dass es nicht echt ist", beharrt Stierlin. Dietrich Wildung, der Chef des Ägyptischen Museums in Berlin und lange Zeit mit dem Schweizer befreundet, widerspricht energisch: "Wir stellen doch für jährlich bis zu 700.000 Besucher nicht ein irgendwie fragwürdiges Objekt in die Vitrine." Stierlin wiederum behauptet, Wildung habe ihm vor Jahren sogar Argumente für seine These geliefert: "Er war sehr gespannt. Das war niemals ein Witz."

"Fälschungen kann man beweisen, Originale nicht."

Eigentlich, so würde man vermuten, müsste sich das Alter der Büste recht einfach bestimmen lassen. Die Diskussion wäre damit beendet. Ein bisschen analysiert, ein bisschen datiert - fertig. Aber so einfach ist die Sache nicht. Und wer sich eingehender mit der Angelegenheit befasst, der stellt fest, dass die Menschheit nach wie vor nur wenig weiß über das Bildnis der schönen Gattin des Pharaos Echnaton.

"Fälschungen kann man beweisen, Originale nicht. Das ist ein erkenntnistheoretisches Problem", sagt der Materialwissenschaftler Stefan Simon im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er ist Chef des zu den Staatlichen Museen Berlin gehörenden Rathgen-Forschungslabors - und damit sozusagen qua Arbeitsvertrag ein Gegner der Stierlin-These von der gefälschten Nofretete, auch wenn er Wert darauf legt, dass er als Naturwissenschaftler natürlich keine Gefälligkeitsgutachten schreiben würde.

Das Problem: Die Behauptungen des Schweizers lassen sich nicht ohne weiteres entkräften. Für eine präzise C-14-Altersdatierung wäre organisches Material nötig, da die Methode auf dem radioaktiven Zerfall eines Kohlenstoffisotops beruht. Doch organische Überreste sind an der Nofretete schwer zu finden. Gut, es gibt zum Beispiel Wachs, das aus dem rechten Auge der Büste stammen soll. Eine Probe davon wurde schon vor Jahren datiert. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass das Material mehr als 3300 Jahre alt sein dürfte.

Das Analysegut wurde allerdings nicht direkt aus dem Auge der Büste entnommen - das wäre heute aus konservatorischen Gründen unmöglich -, sondern um 1920 von dem Chemiker Friedrich Rathgen. Jahrzehntelang überdauerte die Probe im Museum in einem alten Tütchen, bis ihr Alter endlich bestimmt wurde. Man kann diesen Beleg überzeugend finden - oder auch nicht.

Die Farbe auf der Büste gibt für die Altersbestimmung nur wenig her. Sie besteht vor allem aus mineralischen Pigmenten - und ist damit nur schwer zu datieren, weil die C-14-Methode wegen fehlendem Kohlenstoff ausfällt. Simon verweist auf die krakelierte Malschicht, ein maschenartiges Netz von Sprüngen und Rissen auf der Oberfläche der Nofretete. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das so nachmachen kann." Stierlin hält dagegen: "Menschen, die Gemälde fälschen, schaffen es auch, eine Craquelé nachzumachen".

Außerdem führt Simon die komplizierte Maltechnik ins Feld, die seiner Ansicht nach gegen eine Entstehung vor knapp 100 Jahren spricht. In der Tat: Auf Mikroskopaufnahmen sind bis zu fünf verschiedene Schichten der Bemalung zu sehen, die nacheinander aufgetragen wurden: erst blau-weiß, dann weiß, dann gelb, dann blau, dann rot. Doch ein endgültiger Beleg ist auch das nicht. Stierlin zum Beispiel sagt, Borchardt habe mit jahrtausendealten,gefundenen Farbpigmenten experimentieren wollen: "Jeder weiß, dass man bei Borchardt große Mengen Pigmente gefunden hat."

Was noch? "In der Farbe gibt es organisches Bindemittel", sagt Simon. Na immerhin. Doch auch diese Hoffnung auf eine Datierungsmöglichkeit zerschlägt sich schnell: "Pigment und Bindemittel sind im Verhältnis 100 zu 1 gemischt." Dadurch ließe sich nicht genügend organisches Material für eine Datierung zusammenbekommen. Und was ist mit winzigen Strohresten, die sich in der Farbe im Helmbereich befinden? "In Zukunft könnten die eventuell für Datierungen herangezogen werden", sagt Simon. "Es müsste aber sichergestellt werden, dass man für die Analyse nur ein absolutes Minimum an Material braucht."

Dann wäre da die Sache mit dem linken Auge. Stierlin sagt, die Nofretete habe niemals ein linkes Auge gehabt. Das rechte besteht aus Bergkristall und mit Ruß gefärbtem Bienenwachs. Ließe sich auch im derzeit blinden linken Auge Wachs nachweisen, könnte man dieses datieren. Bisher hat noch niemand gesucht, ob es solche verräterischen Reste auch dort gibt. Wahrscheinlich erhielte man auch nur schwerlich Gelegenheit, die Plastik derart zu malträtieren.

Doch woher soll dann ein Beweis kommen? Stefan Simon verweist auf einen zerfetzten Farbrand unterhalb des Auges. Er könnte vom Heraustrennen des ehemals auch dort vorhandenen Bergkristalls mit einem Messer oder Skalpell stammen. Außerdem habe man im linken Auge blaue Farbspuren gefunden. Spuren desselben Farbtons, Ägyptisch Blau, finden sich laut dem Forscher auch im rechten Auge.

Und dann das Material: Die Büste besteht aus dem sogenannten Amarna-Mix, also einer Gips-Anhydrid-Mischung mit Kalksteinzuschlag. Der Baustoff ist benannt nach Tell el-Amarna, einem kleinen mittelägyptischen Ort, dessen Vorläufer von Pharao Echnaton gegründet worden war. Dort wurde am Nikolaustag 1912 auch die Büste der Königin gefunden.

"Diese spezielle Mischung war 1912 noch nicht bekannt", sagt Simon. Also habe Borchardt die genaue Zusammensetzung gar nicht kennen können. Derzeit laufen Forschungsarbeiten, die dabei helfen sollen, die Materialien der Nofretetebüste mit denen des Abbildes ihres Gatten Echnaton und anderen Objekten aus der Amarna-Zeit zu vergleichen. Der Gatte liegt - in deutlich schlechterem Erhaltungszustand - ebenfalls in Berlin, derzeit im Depot.

Wie stabil ist die alte Dame eigentlich noch?

Es ist viel, was die Wissenschaftler noch immer nicht über Nofretete wissen - und das, obwohl sie immer wieder einmal durchleuchtet, betrachtet und studiert wurde. Warum, zum Beispiel, wurde bei ihrer Bemalung extrem viel von dem giftigen Auripigment eingesetzt? Und wie stabil ist die alte Dame eigentlich noch? Bei einer Bestandsaufnahme - der ersten seit Jahren - fanden Simon und seine Mitarbeiter per Videoholografie gefährdete Zonen an der Helmkrone und im Brustbereich. Besondere Sorgen macht den Wissenschaftlern der Zustand der Malschicht.

Bisher wurde die stille Schönheit zum Transport von zwei Museumsmitarbeitern angefasst. Das war eine nicht ganz einfache Aufgabe, zum einen ist die gute Dame satte 20 Kilogramm schwer, zum anderen liegt ihr Schwerpunkt verhältnismäßig weit oben - Kippgefahr! Immer wieder blätterte Farbe von dem Stück ab, das Gegenstand einer diplomatischen Dauerfehde zwischen Deutschland und Ägypten ist. Simon zeigt ein Schwarzweißbild mit eingefärbten Arealen. Grün leuchten darauf die zahlreichen Farbverluste seit 1913. Doch auch nicht wenige rote Flecken gibt es. Das sind Farbverluste seit 2005. "Stellen Sie sich das einmal bei der Mona Lisa vor", sagt Simon.

Damit das in Zukunft nicht mehr passiert, haben die Berliner der Büste einen neuen Unterbau aus Edelstahl, eine sogenannte Sekundärmontage, verpasst. Er soll dafür sorgen, dass das Kunstwerk in Zukunft berührungsfrei bewegt werden kann.

Immer wieder ist die Nofretete Einflüssen ausgesetzt worden, die nicht gut für sie waren. Im Rahmen eines Kunstprojekts auf der Biennale in Venedig wurde vor fünf Jahren zum Beispiel der Kopf auf eine eigens gefertigte Bronzeskulptur aufgesetzt - was weitere Schäden an der Bemalung nach sich zog. Ihr emblematischer Charakter macht die ägyptische Königin so attraktiv - und zur Projektionsfläche von Theorien wie die von Stierlin. Oder vom Berliner Buchautor Erdogan Ercivan, der ebenfalls behauptet, die Büste sei gefälscht.

Ganz ausräumen lassen sich die Thesen einstweilen nicht, auch wenn eher wenig für ihre Plausibilität spricht. "Ich stelle mir ein großes Expertenkolloquium zur Nofretete vor", sagt Stefan Simon. Die Fachleute der ganz großen Museen möchte er zur Zusammenarbeit bewegen, um der Büste endlich ein paar ihrer Geheimnisse zu entlocken: das British Museum in London und das Getty Museum in Los Angeles zum Beispiel, wo Simon früher gearbeitet hat. Oder den Louvre in Paris. Dort hat das Labor 180 Mitarbeiter. Simon in Berlin hat 12.

Die Nofretete wird bei dem so vorgegebenen Arbeitstempo wohl ihr Geheimnis noch eine ganze Zeit bewahren. Henri Stierlin gibt sich so lange kämpferisch: "Die Berliner wissen, dass ich recht habe."

Mit Material von dpa und AFP

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Newspeak, 15.05.2009
1. ...
Ich verstehe gar nicht, wieso man nicht an einer weniger wichtigen Stelle (z.B. von unten im Halsbereich etc.) eine makroskopische Probe von einigen mg nehmen kann. Außerdem gibt es nicht nur die C14 Methode zur Altersbestimmung. Schließlich könnte man auch über Isotopenanalysen etwas über die Örtlichkeit herausfinden, von der das Material stammt usw. Es gibt einen ganzen Zoo an Analysemethoden. Fazit: Wenn man es wirklich wollte, könnte man naturwissenschaftlich mit sehr hoher Sicherheit nachweisen, ob die Büste ein paar tausend Jahre alt ist, oder eine relativ moderne Fälschung. Wenn man denn wollte. Jede Unsicherheit trägt nämlich auch ein bißchen zu dem Mythos bei...und damit wohl auch mehr oder weniger direkt zur Zahl der zahlungskräftigen Besucher. Also liegt es vielleicht gar nicht im Interesse, hierüber Klarheit zu erlangen. Nur soll man dann nicht den Naturwissenschaftlern vorwerfen, sie lieferten keine zweifelsfreien Belege für die Echtheit, wenn man sich nicht mal traut, Originalmaterial abzugeben.
Viper2024, 15.05.2009
2. Archäologie ist halt keine Wissenschaft
Ich selbst halte Archäologen in etwa für genauso aussagekräftig wie ein Besuch bei einem Hellseher, der einem mit einer Glaskugel die Zukunft erklären will. Denn es gibt wohl kaum eine Berufsgruppe, die ignoranter und arroganter ist - und ich hatte oft genug mit denen zu um das beurteilen zu können. Fälschungen gab es dabei immer wieder, auch wenn ich nicht glaube, dass die Nofretete Statue gefälscht ist - denn dann würden die Ägypter, allen voran der Möchtegern Indiana Jones nicht so rumzicken. Und zum erwähnten Buchautor Erdoğan Ercivan. Dieser hat die Welt mit Büchern wie "Das Sternentor der Pyramiden - Geheime Wege in den Kosmos" bereichert. Seine Bücher sind dabei eine schlechter Abklatsch von Däniken, angereichert mit Scifi wie Stargate. Gruß Sven www.ancient-cultures.com
RWagner 15.05.2009
3. Verschwörungstheorie
Außerdem führt Simon die komplizierte Maltechnik ins Feld, die seiner Ansicht nach gegen eine Entstehung vor knapp 100 Jahren spricht. In der Tat: Auf Mikroskopaufnahmen sind bis zu fünf verschiedene Schichten der Bemalung zu sehen, die nacheinander aufgetragen wurden: erst blau-weiß, dann weiß, dann gelb, dann blau, dann rot. Doch ein endgültiger Beleg ist auch das nicht. Stierlin zum Beispiel sagt, Borchardt habe mit jahrtausendealten,gefundenen Farbpigmenten experimentieren wollen: "Jeder weiß, dass man bei Borchardt große Mengen Pigmente gefunden hat." Das Ganze klingt wie eine Verschwörungstheorie.Und das gerade dann, wenn Ägypten die Skulptur zurückhaben will! Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Nächstens geh ich mit einem Pack farbiger Pinsel ins Museum und komme als van Gogh wieder raus.
atomkraftwerk, 15.05.2009
4. ist doch egal
ob die Büste echt (d.h. alt) oder gefälscht (d.h. neuartig) ist, das ändert doch an ihrer Ausstrahlungskraft nichts. Den Leuten gefällt sie und deshalb gehen sie ins Museum und jeder macht sich seine eigenen Gedanken und Vorstellungen zu der damaligen Zeit - die Leute sollen im Museum ja auf eine geschichtliche Reise gehen, Imagination hilft dabei. Es hätte sogar Vorteile wenn sie falsch ist, das würde den deutsch-ägyptischen Streit beilegen indem man einfach noch ein paar weitere Abgüsse vereilt.
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