Suche nach Pharaonengrab Nofretetes größtes Geheimnis

Die These ist so verwegen, dass selbst dem Archäologen mulmig ist, der sie präsentiert: Liegt hinter dem Grab des Pharaos Tutanchamun im ägyptischen Tal der Könige das Grab der geheimnisvollen Nofretete? Vieles spricht dafür. Eine Beweisführung.

Factum Arte/ Ministry of State for Antiquities and Heritage, Egypt/ Nicholas Revees

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Fast 92 Jahre ist es her, dass Howard Carter die Grabkammer des Pharaos Tutanchamun entdeckte. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass Archäologen ein nahezu unberührtes Grab im Tal der Könige fanden. Vielleicht kann sich eine solche Sensation wiederholen.

Möglicherweise liegt ein weiterer Herrscher im Grab KV 62. Der Brite Nicholas Reeves, Ägyptologe an der University of Arizona und Direktor des Amarna Royal Tombs Projects, hat einen Verdacht: Hinter der Nordwand der Grabkammer könnte der eigentliche Eigentümer der Grabkammer liegen. Und das könnte niemand Geringeres sein als Nofretete, Gemahlin des Pharaos Echnaton und später Alleinherrscherin über das Reich am Nil. Tutanchamun wurde demnach in einer Art Vorkammer beigesetzt.

Verdächtige Linien auf hochauflösenden Fotos

Der Ägyptologe erinnert sich genau an den Moment, als ihm erstmals der Verdacht kam. "Das war im Februar 2014", schildert er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er studierte die hochauflösenden Fotografien der Wandmalereien und der Oberflächenstruktur der Kammer J des Tutanchamun-Grabs von der Madrider Firma Factum Arte. Die Auflösung der Bilder ist deutlich besser als von allen früheren Fotos, weshalb jeder Pinselstrich erkennbar wird. "Ich habe sie mir nur bewundernd angeschaut, ohne nach etwas Bestimmtem zu suchen - und dann habe ich diese Linien gesehen."

Die Linien entpuppten sich als feine Absätze, die deutlicher werden, wenn man die Farbe weglässt und sich auf die Oberflächenstruktur der Wand konzentriert. Je genauer Reeves hinschaute, desto deutlicher formten diese Linien die Umrisse zweier Durchgänge. Einer liegt an der Westwand der Kammer, seine Maße entsprechen denen des Durchgangs im Vorzimmer der Grabanlage zu einem Nebenraum. Ein weiterer Durchgang liegt an der Nordwand. Auch der hat seine Entsprechung an einer anderen Wand, seine westliche Seite liegt genau in der Fortsetzung der Westwand des Vorzimmers. "Als ich die Maße verglich, dachte ich: Vielleicht hat das ja alles eine Bedeutung."

Tutanchamuns Grab (weiß) sowie die vermuteten zusätzlichen Kammern (gelb) - ein Nebenraum hinter der Westwand (x) sowie Nofretetes Grabkammer hinter der Nordwand (y)
TMP/ Nicholas Reeves

Tutanchamuns Grab (weiß) sowie die vermuteten zusätzlichen Kammern (gelb) - ein Nebenraum hinter der Westwand (x) sowie Nofretetes Grabkammer hinter der Nordwand (y)

Ungereimtheiten im Bauplan

Die Gräber der ägyptischen Pharaonen der 18. Dynastie folgten alle ähnlichen Bauplänen: Vorzimmer, Krypta und mehrere Nebenräume zur Aufbewahrung der Schätze. "Zu dieser Zeit waren das normalerweise vier Nebenkammern, angeordnet auf 2, 4, 8 und 10 Uhr", sagt Reeves. In KV 62 aber fehlen bislang die Kammern auf 4 und 10 Uhr. Die Linien auf der Westwand korrespondieren mit der Stelle, an der ein Eingang zu einer Nebenkammer auf 10 Uhr liegen würde. "Als mir das klar wurde, fürchtete ich schon, verrückt geworden zu sein", gibt Reeves zu.

Doch er war nicht der einzige, der Dinge sah. "Als ich begann, anderen davon zu erzählen, hat mich Adam Lowe, der Direktor von Factum Arte, auf eine weitere Tatsache aufmerksam gemacht", erzählt Reeves. "Der Schimmel, der überall auf den Wandgemälden liegt, ist dort, wo ich die Durchgänge vermute, dichter - so als ob der Untergrund an diesen Stellen anders beschaffen ist."

Hinter der Westwand könnte also ein weiterer Lagerraum liegen. Was aber hat es mit der Nordwand auf sich? Die Ausrichtung von KV 62 weicht in einem weiteren Punkt vom Standardplan der Pharaonengräber ab. Sie winden sich in ihrer Abfolge von Korridor, Vorkammer und Hauptkammer nach links. Ein Grab, das sich wie KV 62 nach rechts dreht, war nicht für einen Herrscher bestimmt, sondern für eine Herrscherin. "Es gibt eine Parallele, das Grab WA D", berichtet Reeves. "Es war für Hatschepsut, Königin des Pharaos Thutmose II., angelegt." WA D und KV 62 gleichen sich auf nahezu unheimliche Weise.

War Nofretete der mysteriöse Pharao Semenchkare?

Wer könnte die Herrscherin gewesen sein, für die KV 62 aus dem Boden im Tal der Könige gehauen wurde? In welchem Verhältnis stand sie zu Tutanchamun?

Es waren bewegte Zeiten am Nil. Tutanchamuns Vater Echnaton hatte mit allen Traditionen gebrochen und den Gott Aton in Gestalt der Sonnenscheibe über alle anderen Götter erhoben. Als Echnaton im 17. Jahr seiner Regierungszeit starb, war sein einziger Sohn Tutanchamun ein Kleinkind. Vier Jahre liegen zwischen Echnatons Tod und dem Regierungsantritt Tutanchamuns. Wer in diesen vier Jahren regierte, weiß niemand so genau. Es gibt verschiedene, durchaus plausible Theorien dazu.

Bekannt ist, dass Echnaton im letzten Jahr vor seinem Tod seine Hauptfrau Nofretete zur Mitregentin erhoben hatte. Dann taucht schemenhaft der Name einer Herrscherin auf: Neferneferuaton. Eine weitere Person geistert durch die Jahre zwischen Echnaton und Tutanchamun, ein Pharao namens Semenchkare. Er ist einer der rätselhaftesten Herrscher der 18. Dynastie, kaum etwas ist über seine Regierungszeit bekannt. Die Könige der 19. Dynastie verwendeten viel Zeit und Mühe darauf, alle Belege über die ketzerischen Aton-Verehrer zu vernichten. Namen wurden ausgemeißelt, Gesichter verändert.

Reeves vermutet wie schon einige Ägyptologen vor ihm, dass Neferneferuaton und Semenchkare ein und dieselbe Person sind: Nofretete. Als sie zur Mitregentin erhoben wurde, bekam sie nicht nur mehr Macht, sondern einen neuen Namen: Ankhkheperure Neferneferuaton. Nach dem Tod des Pharaos regierte sie als Alleinherrscherin. Als die Priester des Amun an Macht zurückgewannen, könnte es zu brenzlig geworden sein, den Namen Aton weiterhin als Teil des eigenen Namens zu führen: Aus Neferneferuaton wurde Semenchkare.

Auffälligkeiten in den Wandgemälden

Belege für seine These fand Reeves in den Wandbildern von KV 62. Falls das Grab ursprünglich für Nofretete angelegt wurde, müssten die Bilder ihre Bestattung und ihre Nachwelt-Vorbereitung zeigen - und nicht die Tutanchamuns. Die Figuren sind beschriftet, deshalb hat nie jemand die Zuordnung angezweifelt. Doch an der Nordwand wurde der gelbe Hintergrund, auf dem die Namenskartuschen stehen, erst nach den Figuren aufgebracht, was unüblich war. Alle Namen, die womöglich vorher dort standen, liegen damit unter der gelben Farbschicht verborgen.

Auch die Figuren weisen einige Ungereimtheiten auf.

Die Gesichter der als Tutanchamun angesprochenen Figuren haben beispielsweise tiefe Mundwinkelfalten - ein Zug, der sonst vor allem von den späten Porträts der Nofretete bekannt ist.

Abbild des verstorbenen Pharaos in Tutanchamuns Grab, Nofretetes Büste: Die Mundfalte war ein Kennzeichen der Herrscherin
Getty Images; Factum Arte/ SCA, Egypt/ Nicholas Revees

Abbild des verstorbenen Pharaos in Tutanchamuns Grab, Nofretetes Büste: Die Mundfalte war ein Kennzeichen der Herrscherin

Der Pharao, der in der Darstellung der sogenannten Mundöffnungszeremonie dem Toten gegenübersteht, müsste Tutanchamuns Nachfolger Eje II. zeigen. Doch die Person hat ein Doppelkinn, obwohl keine andere bekannte Darstellung Eje mit einem Doppelkinn zeigt. Dafür aber kennen die Ägyptologen dieses Detail gut von Kinderdarstellungen der Familie Echnatons - auch von Tutanchamun, der Revees' These zufolge Nofretete auf den Thron folgte.

Könnte sich der Künstler vermalt haben? Wohl kaum, die Mundöffnungszeremonie war entscheidend für den Machtanspruch des Nachfolgers. Nur wenn sie korrekt ausgeführt wurde, hatte der neue Pharao ein Anrecht auf den Thron. Die Darstellungen im Tal der Könige zählten als Beleg dafür, entsprechend sorgfältig wurden Details eingestreut, um die Personen deutlich zu kennzeichnen.

Erhielt Tutanchamun die Grabbeigaben seiner Vorgängerin?

Eine weitere Ungereimtheit ließe sich erklären, falls Reeves recht behält. Etwa 80 Prozent der Möbel und Geräte in KV 62 wurden nicht für Tutanchamun angefertigt - darunter der Sarkophag und sogar die berühmte Goldmaske. Einige wenige Stücke gehörten seinem Vater Echnaton, die große Mehrheit aber der Mitregentin. Als der Pharao starb, stand ihr das Recht auf die noch prächtigere Ausstattung eines Pharaos zu. Alles, was unter diesem Status lag, fiel an ihren Nachfolger Tutanchamun. Der starb, bevor eine eigene Ausrüstung für ihn angefertigt werden konnte - und musste im Grab mit dem vorliebnehmen, was er von seiner Vorgängerin geerbt hatte.

Tutanchamun war kein bedeutender Pharao. Und Eje II. hatte Wichtigeres zu tun, als dem Verstorbenen ein korrektes Begräbnis zu organisieren. Er führte das Reich zurück zum Glauben an Amun und machte damit Echnatons Reformen rückgängig.

Sollte hinter dem Grab Tutanchamuns das ungestörte Grab der Nofretete liegen, wäre das eine der größten archäologischen Sensationen, die es je gab. "Mir ist ein wenig mulmig", gibt Reeves zu. "Ich habe mir ein Jahr lang Zeit genommen und sehr gründlich versucht, meine Theorie selbst zu widerlegen. Aber ich konnte nichts finden, was dagegenspricht."

Andere Fachleute halten die These für plausibel. Ute Rummel vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo findet Reeves' Argumentation "schlüssig". Letztendlich müsse man mit nicht-invasiven Methoden klären, ob es sich bei den entdeckten Linien tatsächlich um Türdurchgänge handle.

Dem stimmt auch die Amarna-Expertin Janne Arp-Neumann von der Universität Göttingen zu: "Ich halte es durchaus für möglich, dass es so sein kann", sagt sie. "Gerade erst vor ein paar Monaten bin ich die Grabungsgeschichte noch einmal durchgegangen und habe gut in Erinnerung, dass Howard Carter einige Vermauerungen dieser Art durchbrechen musste, um schließlich die intakte Bestattung zu finden." Nach seinem spektakulären Fund habe er sicherlich nicht weitergesucht.

Wie es jetzt weitergehen könnte

Das liegt in der Hand der ägyptischen Antikenbehörde. Die hält sich noch bedeckt, eine Anfrage blieb unbeantwortet. Der nächste Schritt wäre relativ simpel: eine geophysikalische Untersuchung des Areals um die bekannten Kammern herum. Damit lässt sich schnell, einfach und ohne Eingriffe in den Boden feststellen, ob sich dort weitere Hohlräume befinden. Erst wenn die Antwort tatsächlich Ja ist, wird es kompliziert.

"Eine seit mehr als 3000 Jahren hermetisch abgeriegelte Kammer - so etwas ist in der modernen Archäologie bislang noch nicht vorgekommen", sagt Reeves. "Wir können sie nicht einfach aufbrechen. Allein die Luft, die darin enthalten ist, steckt ja voller Informationen für uns." Die Kammern wären archäologisches Neuland. "Wir kennen noch nicht einmal die Fragen zu den Antworten, die sie uns geben könnten."

Reeves ist ein vorsichtiger und umsichtiger Mensch. Sollte das Bodenradar weitere Kammern in KV 62 bestätigen, wünscht er sich eine internationale Konferenz, bevor irgendetwas am Grab passiert. "Wir brauchen dann alles Wissen, das wir weltweit bekommen können", fordert er. "Und zwar nicht nur von Ägyptologen, sondern vor allem von Technikern und Naturwissenschaftlern."

Bis weitere Funde aus dem Grab KV 62 zutage kommen, kann es also eine Weile dauern. Das stört die Experten nicht. Dem stimmt auch Arp-Neumann zu: "Auf entsprechende Ergebnisse möchte ich gerne mit aller dafür notwendigen Geduld warten."

Zusammengefasst: Der ungewöhnliche Bauplan von Tutanchamuns Grabkammer sowie Ungereimtheiten in den Wandgemälden und bei den Grabbeigaben stützen die These, dass hinter dem Grab des Pharao die Grabkammer Nofretetes liegt. Als nächsten Schritt müsste man mit einer nicht-invasiven Methode klären, ob dort tatsächlich ein Hohlraum liegt.

Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 128 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Analog 13.08.2015
1. Warum dauert die Klärung
so lange? Die Technik um fest zu stellen, ob es hinter dem Bild noch weitere Räume gibt, ist doch vorhanden.
privado 13.08.2015
2. Höchst spannend...
...liest sich das. Ich habe 1993 das Tal der Könige besucht und war damals schon sehr fasziniert von den Grabkammern, u.a. von der Tutanchamuns. Es wäre fantastisch, wenn sich tatsächlich die Grabkammer Nofretetes im selben Grab befände. So warte ich gespannt auf die weitere Berichterstattung über diese glaubhafte Theorie.
isolde.duschen 13.08.2015
3.
Merkwürdig finde ich ja, dass das Tal der Könige nicht schon längst per Bodenradar abgegrast worden ist.
Freidenker10 13.08.2015
4.
Und wo soll da das Problem jetzt sein? Ein winziges löchen, eine bleistiftbreite Kamera rein und schwupps weiss man es... Klingt jetzt irgendwie nicht wirklich unlösbar das ganze!
tekaitora33 13.08.2015
5. Grabschändung
und Störung der Totenruhe. Einfach ekelhaft, was sich hier "Wissenschaftler" herausnehmen. oder wird die Tat besser, wenn es von westlichen Archäologen durchgeführt wird?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.