Ausgegraben

Ausgegraben Mokassins erzählen Geschichte der Ureinwohner

John Ives

Um einen Mann zu verstehen, musst du eine Meile in seinen Schuhen laufen, sagt ein amerikanisches Sprichwort. Diese Weisheit haben Archäologen der kanadischen University of Alberta beinahe wörtlich genommen und so Erstaunliches herausgefunden.

John Ives hat das Sprichwort leicht modifiziert: "Um das Volk zu verstehen, das in den Promontory-Höhlen lebte, müssen wir dessen Mokassins untersuchen." Nur eine oder zwei Generationen lang, zwischen 1250 und 1290, lebten die Menschen der Promontory-Kultur in den beiden Höhlen auf einer Halbinsel im Norden des Great Salt Lake im US-Bundesstaat Utah. In dieser kurzen Zeit aber hinterließen sie Hunderte von Schuhen.

Schon als der Archäologe Julian Steward in den Jahren 1930/31 als erster in den Höhlen grub, fand er 250 Schuhe. Dieser Schuhberg wurde noch größer, als Ives und sein Team in den vergangenen Jahren die Grabung fortsetzten. Und noch immer sind die Höhlen nicht vollständig erforscht. Die Ausgräber vermuten, dass noch so mancher Mokassin im Höhlenboden seiner Entdeckung harrt.

Bei den Schuhen handelt es sich jedoch keineswegs um die Sammlung einer einzigen Fashionista - die Mokassins waren allesamt durchgelaufen. Schuhe waren damals Gebrauchsgegenstände mit begrenzter Haltbarkeit. "In subarktischen Wintern überdauerte ein Paar Mokassins im Durchschnitt einen Monat", schreiben die Forscher im Fachblatt "American Journal of Physical Anthropology". "Aber bei nassem Wetter oder intensiver Aktivität wie zum Beispiel der Verfolgung von Jagdbeute, konnte ein Mann durchaus mehrere Paar Schuhe an einem Tag verschleißen." Etwas kam den Forschern allerdings merkwürdig vor: Die Schuhe waren auffällig klein.

Kinder-Erwachsenen-Verhältnis wie in einer Grundschule

Es gab zwar bereits Studien über den Zusammenhang zwischen Schuhgröße und Körpergröße - doch für Mokassins hatte noch niemand das genaue Verhältnis berechnet. Damit sich hier nicht versehentlich Fehler einschleichen würden, baten Ives und sein Team Freunde und Kollegen, die gerne in Mokassins laufen, ihre Schuhe und Füße zur Verfügung zu stellen. Die Messungen ergaben ein Verhältnis von Mokassin-Länge (ML) zu Körpergröße (ST, für englisch Stature) von 16 Prozent. Daraus ergab sich die Formel ST = (L x 100)/16 zur Berechnung der Körpergröße. Nun sind bei Füßen von Kindern unter 12 Jahren bei Jungen und Mädchen keine großen Unterschiede festzustellen. Danach wird es schwieriger: Ältere Jungs haben oft größere Füße als kleine, erwachsene Frauen. Im oberen Bereich wurde es dann wieder einfach: Alle Individuen mit einer Körpergröße über 1,65 Metern sind entweder erwachsen - oder werden es zumindest bald sein.

Doch von ihnen lagen nur wenige Schuhe in der Höhle. Lediglich 12 von insgesamt 207 für eine Messung geeignete Mokassins gehörten Erwachsenen mit einer Körpergröße über 1,65 Metern. Weitere 25 wurden von wahrscheinlich erwachsenen Frauen oder männlichen Jugendlichen mit einer Körpergröße zwischen 1,55 und 1,65 Metern getragen. Der Rest aber, insgesamt 170 Schuhe, waren von Kinderfüßen durchgelaufen. Und zwar 8,2 Prozent der Gesamtanzahl von Kleinkindern unter fünf Jahren, 37,2 Prozent von Kindern zwischen fünf und neun und 36,7 Prozent von älteren, zehn oder elf Jahre alten Kindern. "Einer unserer Reviewer für den Aufsatz hat angemerkt, dass dies nicht wie das Verhältnis einer normalen Familie aussieht, sondern eher wie das einer Grundschule", merkte Ives in einem Interview mit der Archäologie-Webseite Western Digs an.

Möglicherweise spiegeln die Schuhe nicht ganz das genaue Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen in der Gemeinschaft der Promontory-Höhlen wieder. Männer zum Beispiel entfernten sich während des Tages viel weiter vom Höhlenquartier als Kinder - und werden ihre Schuhe, wenn sie unterwegs kaputt gingen, nicht wieder mit zurück in die Höhle gebracht, sondern sie unterwegs entsorgt haben. Doch trotzdem spricht die große Anzahl von kleinen Schuhen für eine kinderreiche Gesellschaft. "Die Mokassins erzählen uns lediglich von der Struktur der Gesellschaft, sie geben keine definitiven Zahlen", erläutert Ives.

Den Menschen, die sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts immer wieder über längere Zeiträume in den Promontory-Höhlen aufhielten, schien es jedenfalls gut zu gehen. Viele Kinder sprechen für eine gesunde, aufblühende Gesellschaft. Dabei waren es Zeiten großer Umwälzungen und Wanderungen quer durch den Nordamerikanischen Kontinent. Die Mokassins verraten nämlich auch, wo die Menschen, die sie trugen, herkamen: aus dem Norden. Die Sohlen waren aus Bisonleder, das warme Fell nach innen gedreht, mit der Naht an der Hacke - so wie die Menschen hoch oben nahe des Polarkreises ihre Schuhe nähten - im heutigen Kanada. Diese Mokassins waren im östlichen Großen Becken "definitiv deplatziert", schreibt Ives.

Und noch etwas ist ganz besonders an den Schuhen. Normalerweise bekommen die Archäologen ihre Informationen über eine Gesellschaft von den Toten: aus den Gräbern, von den Skeletten. "Dies aber sind lebendige Daten", freut sich Ives. "Es waren lebende Kinder und Erwachsene, die diese Mokassins trugen!"



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