Nordkoreas Bombe Atomare Gefahr von unbekanntem Ausmaß

Der nordkoreanische Atomwaffentest hat die Welt schockiert. Unklar ist weiterhin, wozu das Regime in Pjöngjang jetzt fähig ist: Wem genau kann Kim Jong Il mit seiner Bombe gefährlich werden?

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Als in Nordkorea die Erde bebte, schlugen die Messinstrumente weltweit aus: Der geologische Dienst der US-Regierung registrierte ein Beben der Stärke 4,2 auf der Richterskala, Experten in Südkorea meldeten eine Magnitude von 3,6. Wenige Stunden später bestätigte das russische Verteidigungsministerium Agenturmeldungen zufolge einen unterirdischen Nukleartest auf nordkoreanischem Gebiet.

Unklar ist noch, was genau die seismologischen Systeme gemessen haben. "Künstlich herbeigeführte Explosionen und Erdbeben unterscheiden sich seismisch", sagt Rüstungsexperte Oliver Thränert von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Außerdem gebe es beachtliche Unsicherheiten bei solchen seismischen Messungen. "Man müsste sich für eine genauere Analyse erst die Daten ansehen."

Fraglich ist auch die Sprengkraft der Bombe. Südkorea schätzte heute zunächst eine vergleichsweise winzige Sprengkraft von 550 Tonnen TNT. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe besaß mit rund 15 Kilotonnen TNT eine mehr als 27-fache Sprengkraft. In dieser Region bewegen sich jetzt auch neuere Angaben des russischen Verteidigungsministers Sergej Iwanow zur Sprengkraft in Nordkorea: Er geht von 5 bis 15 Kilotonnen aus, sagte er.

Nur grobe Schätzung möglich

Winfried Hanka vom Geoforschungszentrum Potsdam sprach von einer Sprengkraft von wahrscheinlich einer bis zwei Kilotonnen. "Das ist aber nur eine grobe Schätzung", schränkte Hanka ein. Eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen hält er jedoch für unwahrscheinlich. "Das hätte wohl ein Erdbeben der Stärke fünf ausgelöst."

Generell seien die Schätzungen über die Sprengkraft der nordkoreanischen Bombe mit großen Unsicherheiten behaftet. "Für genaue Rückschlüsse muss man die geologischen Verhältnisse am Ort der Explosion kennen", erklärt Hanka. Zudem müsse man wissen, wie die Bombe verpackt ist: Ist sie in einer luftigen Höhle aufgehängt, verpufft ein Teil der Energie - die seismischen Wellen fallen schwächer aus. Ist die Bombe dagegen vergraben, bebt die Erde stärker. "Wie stark genau, hängt wiederum davon ab, wie hart das Gestein ist."

Bei vielen früheren Atomtests der USA und der Sowjetunion habe man diese Parameter gekannt. "So konnte man aus der Stärke des Erdbebens die Sprengkraft der Bombe berechnen", sagt Hanka. Für Nordkorea aber fehle jede Vergleichsgröße, so dass man bisher nur grob auf einen kleineren Sprengsatz schließen könne.

"Nicht zu viel spaltbares Material verbrauchen"

"Wahrscheinlich wollten die Nordkoreaner nicht zu viel von ihrem spaltbaren Material verbrauchen", sagt Waffenexperte Thränert zu der womöglich geringeren Sprengkraft. Derzeit gehe man davon aus, dass die Nordkoreaner Plutonium für etwa acht Atombomben des Hiroshima-Formats besitzen. Schätzungen des Institute for Science and International Security zufolge besitzt die Regierung in Pjöngjang 20 bis 53 Kilogramm an atomwaffenfähigem Plutonium. Bis 2008 könnten die Vorräte auf bis zu 73 Kilogramm steigen - genug für acht oder im Extremfall bis zu 17 Bomben.

Thränert hält es für unwahrscheinlich, dass es für eine geringe Sprengsatz-Größe eine andere Erklärung gäbe als die Spaltmaterial-Ersparnis - etwa die Konstruktion eines kompakten Gefechtskopfs für eine Rakete. "Die Entwicklung eines kleinen nuklearen Sprengsatzes ist technisch nicht schwieriger als die eines großen."

Die Frage nach einem Sprengkopf-Design sei trotzdem zentral: Sie bestimme über das Bedrohungspotential der nordkoreanischen Atomwaffen. "Entscheidend ist, welches Trägersystem zur Verfügung steht", sagt Thränert. Ob die Nordkoreaner schon einen für eine Rakete zugeschnittenen nuklearen Gefechtskopf besitzen, sei allerdings unklar.

Nordkorea verfügt mit der "Taepodong-2"-Rakete zwar über eine Langstreckenwaffe, doch ihre Zuverlässigkeit steht in Frage. Im Juni hat Pjöngjang eine "Taepodong-2" abgefeuert, die nach 40-sekündigem Flug ins Meer stürzte. "Das muss aber nicht heißen, dass Nordkorea über keine funktionierenden Langstreckenraketen verfügt", sagt Thränert.

USA sorgen sich vor Angriffen auf die Westküste

Das Problem ist: Der kommunistische Staat ist dermaßen abgeschottet, dass kaum verlässliche Leistungsdaten der "Taepodong-2" bekannt sind. Die US-Regierung setzte in der Vergangenheit eher auf eine pessimistische Einschätzung der Lage. Schon 1998 warnte der sogenannte Rumsfeld-Bericht, dass leichtgewichtige Versionen der "Taepodong-2" bis zu 10.000 Kilometer weit fliegen könnten. Damit würden sie das Festland der USA innerhalb eines Bogens bedrohen, der von Phoenix in Arizona bis nach Madison in Wisconsin reiche.

Im Februar 2003 sagte der damalige CIA-Chef George Tenet, ballistische Raketen aus Nordkorea könnten Alaska, Hawaii und sogar die Westküste des US-Festlands erreichen. Im Februar 2005 warnte Vizeadmiral Lowell Jacoby, Chef des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA), den US-Senat noch deutlicher: Nordkorea könne mit einer zweistufigen "Taepodong-2" Teile der USA und mit einer dreistufigen Variante "wahrscheinlich ganz Nordamerika" angreifen.

Jacoby äußerte auch die Vermutung, dass Pjöngjang die Rakete mit einem Atomsprengkopf bestücken könne. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies zutrifft, ist nun mit dem Atomtest deutlich gestiegen. Die Federation of American Scientists schätzt, dass die "Taepodong-2" selbst mit einer Zuladung von 1000 Kilogramm noch rund 3500 Kilometer weit reichen würde - zu wenig für die USA, aber genug, um die Nachbarn Japan und Südkorea in höchste Besorgnis zu versetzen. Bei einer Zuladung von 400 Kilogramm stiege die Reichweite demnach auf rund 4300 Kilometer.

Je leichter der Sprengkopf, desto größer die Reichweite

Ein atomarer Sprengkopf kann allerdings wesentlich leichter sein - wie die USA schon Anfang der sechziger Jahre demonstriert haben. Die "Davy Crockett", die kleinste jemals von den US-Streitkräften gebaute taktische Atomwaffe, war kaum größer als eine Panzerfaust. Ihr Sprengkopf besaß in etwa die Abmessungen eines gewachsenen Kürbisses und wog in der größeren Variante nur knapp 35 Kilogramm.

Allerdings ist auch ein nordkoreanischer Bluff nicht völlig ausgeschlossen: Die Sprengkraft von 550 Tonnen TNT ist theoretisch auch mit einer konventionellen Sprengladung erreichbar. Die US-Regierung plant einen solchen Waffentest: Die Defense Threat Reduction Agency (DTRA) will in der Wüste von Nevada eine Explosivladung mit der Sprengkraft von 593 Tonnen TNT zünden. Der Test namens "Divine Strake" war für den Sommer dieses Jahres geplant, wurde aber verschoben und soll unterschiedlichen Berichten zufolge im Herbst stattfinden.

Auch die südkoreanischen Erdbebenexperten, die die Explosion in der Hwadaeri-Region nahe der nordkoreanischen Stadt Kilju registriert haben, sprachen lediglich von einer "künstlichen Explosion", die sich aus den seismischen Wellen ergebe. Sie könne mit 800 Tonnen Dynamit erreicht werden. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover berechnete, dass für die nordkoreanische Explosion eine Kilotonne herkömmlichen Sprengstoffs nötig gewesen sei. Ob es sich tatsächlich um eine Nuklearexplosion gehandelt habe, lasse sich erst dann sagen, wenn radioaktive Partikel in der Atmosphäre nachgewiesen werden können.

Winfried Hanka vom Geoforschungszentrum Potsdam hält indes eine Sprengung mit konventionellem Sprengstoff für wenig wahrscheinlich. Dagegen spreche die gemessene Stärke des Bebens von 4,2. "Das ist schon eine ganze Menge. Mit einem chemischen Sprengstoff ist das nur schwierig zu erreichen." Zudem müsse man bei konventionellem Sprengstoff viele Ladungen nacheinander zünden, die Folge sei ein längeres, relativ kompliziertes Signal.

Auch Thränert glaubt nicht an einen Bluff. "Technisch ist es zwar nicht ausgeschlossen, dass die Nordkoreaner eine nukleare Explosion nur vorgetäuscht haben", sagte der Waffenexperte. "Aber wenn das bekannt würde, wäre es für die Nordkoreaner eine Riesenblamage."



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