Nordpol-Expedition Rivalen sauer wegen Russlands Tauchfahrt

"Wir sind nicht im 15. Jahrhundert!" Russlands Flaggenfahrt zum Nordpol-Grund provoziert die Arktis-Anrainer: Dänemark findet die Aktion lachhaft - Kanada schimpft, Staaten dürften sich heutzutage nicht mehr einfach so riesige Gebiete einverleiben.


Die Russen nehmen ihre Ansprüche auf den Nordpol und die umliegenden Gewässer bitterernst - und haben ihn jetzt untermauert, indem sie eine Flagge am Meeresboden deponiert haben. Die Dänen versuchen, zumindest den Anschein der Gelassenheit zu erwecken: "Das nehmen wir sehr locker und mit Humor. Für die juristische Durchsetzung völkerrechtlicher Ansprüche hat das nicht die geringste Bedeutung", sagte Peter Taksøe-Jensen, der Sprecher des Kopenhagener Außenministeriums. Andere Töne kamen aus Kanada. "Wir sind nicht im 15. Jahrhundert", schimpfte Außenminister Peter MacKay. "Man kann nicht einfach um die Welt reisen, eine Flagge hissen und sagen: 'Wir beanspruchen das Gebiet'."

Gestern hat das Tauchboot "Mir-1" auf dem Meeresboden in 4261 Metern Tiefe eine russische Fahne deponiert. Damit verbindet Moskau handfeste geostrategische Ansprüche. Kanada sei durch die Aktion allerdings nicht beunruhigt, beteuerte MacKay. "Es ist im Grunde genommen nur eine Show Russlands." Auch Taksøe-Jensen nannte die russische Aktion einen "bedeutungslosen Gag für die Medien".

Neben den Russen erheben sowohl Kanada und Dänemark, aber auch die USA und Norwegen Ansprüche auf Wirtschaftzonen im Nordmeer. Die Russen begründen ihre Forderungen mit dem Lomonossow-Rücken, einem 1800 Kilometer langen und bis zu 3700 Meter hohen Unterwasser-Gebirgszug. Mit ihrer derzeitigen Expedition wollen die Russen Beweise sammeln, dass die Formation zum russischen Kontinentalschelf gehört.

Allerdings liegt der Lomonossow-Rücken näher am dänisch regierten Grönland und dem kanadischen Ellesmere-Island als am russischen Festland. Die Dänen wollen ihre Ansprüche mit Daten einer im August beginnenden Expedition des Eisbrechers "Oden" untermauern. US-Politiker wie der republikanische Senator Richard Lugar haben bereits Widerstand gegen den russischen Vorstoß gefordert.

Russische Medien hatten berichtet, eine am 1. Juli in Norwegen gestartete US-Expedition zur Erforschung des Gakkel-Rückens im Nordpolarmeer sei Teil eines Wettlaufs zwischen Washington und Moskau um die Rohstoffvorkommen der Region. Russland hatte daraufhin angekündigt, am gestrigen Donnerstag vom Hafen Archangelsk aus eine weitere Arktis-Mission zu starten, wie das russische Arktis- und Antarktis-Institut mitteilte.

"Notfalls mit Gewalt durchsetzen"

Schon seit der Stalin-Zeit betrachtet Moskau die Gewässer zwischen der Halbinsel Kola und der Beringstraße als sein Eigentum. Nach der Uno-Seerechtskonvention von 1982 können die Anrainer eine Fläche von bis zu 200 Seemeilen (370 Kilometer) vor ihren Küsten als Wirtschaftszone nutzen. Bisher aber hat sich niemand daran gestört, dass Russland 600 Kilometer von Murmansk entfernt das Erdgasfeld Schtokman erschließen will.

Lomonossow-Rücken: Verbunden mit Russland, Grönland, Kanada?
Marum

Lomonossow-Rücken: Verbunden mit Russland, Grönland, Kanada?

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte vor einigen Monaten mehr Anstrengungen gefordert, um Russlands "strategische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und Verteidigungsinteressen" in der Arktis zu sichern. Sein Außenminister Sergej Lawrow erklärte nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax, die Frage des Eigentums müsse auf Grundlage internationalen Rechts neu geregelt werden. Weniger diplomatisch drückte es Dmitri Oreschkin aus, ein leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Geografie-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften: "Dies ist eine Situation, in der man beim Feilschen exklusive Rechte fordern und diese notfalls mit Gewalt durchsetzen muss."

Die Rivalität der Polarstaaten erhält durch den besser werdenden Zugang zur hohen Arktis zusätzliche Brisanz. Durch die globale Erwärmung schmilzt das Eis im Nordmeer, Schiffspassagen werden nach Annahmen von Experten bald monatelang eisfrei sein, den Ölförderanlagen würde weniger Eis im Wege stehen. Weil Kohle-, Öl- und Gasvorkommen im hohen Norden noch weitgehend unberührt sind, droht in der wärmer werdenden Polarregion möglicherweise bald ein neuer kalter Krieg.

stx/AFP/dpa/Reuters



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