Fund in der Nordsee Das Geheimnis von "Wrack X"

Jahrzehntelang lag ein nicht identifiziertes Wrack vor der deutschen Nordseeküste. Nun haben Sporttaucher die dramatische letzte Fahrt des Schiffes rekonstruiert.

Ernst Weitendorf

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Im Jahr 2007 stießen Sporttaucher in der Nordsee auf ein unbekanntes Schiffswrack. Die Männer wollten unbedingt mehr über Schicksal des Schiffes erfahren. Und so lösten sie schließlich nach zehn Jahren das Rätsel um den Untergang.

Die Nordsee gilt als eines der wrackreichsten Gewässer weltweit. Zahlreiche Schiffe fielen Wetter und den beiden Weltkriegen zum Opfer. Für die Sporttaucher der Gruppe "Die Gezeitentaucher" ist das Meer vor Norddeich Hafen daher ein lohnendes Tauchrevier.

Die acht Männer, die Berufen wie Metallbauer, Ingenieur oder Apotheker nachgehen, haben für ihr Hobby Zusatzausbildungen zum technischen Tauchen absolviert. Das Tauchen in der Nordsee stellt besondere Anforderungen: "Die Strömung ist enorm", sagt Holger Buss, einer der Gezeitentaucher. Daher hätten sie nur ein Zeitfenster von einer Stunde je Tauchgang. Bei Hochwasser und bei Niedrigwasser gibt es nur einen kurzen Moment, in dem die Gezeiten die Strömung umkehrt - das sogenannte Stillwasser.

Professionelle Methoden

Zwei Mitglieder der Gruppe hätten 2007 per Echolot das Wrack eines Schiffes entdeckt, heißt es in dem Blog der "Gezeitentaucher". Es folgten mehrere Tauchgänge, die ihre Neugier weckten. Nach einigen Recherchen stellte sich heraus, dass das in 27 Meter Tiefe liegende Schiff bis dahin noch nicht identifiziert war. Sie nannten es daraufhin "Wrack X".

Ernst Weitendorf

Die Bauweise des Schiffes ließ die Männer auf eine Bauzeit zwischen 1890 und 1930 schließen. In weiteren Tauchgängen versuchten sie, mehr zu erfahren. Doch die Suche nach einer Schiffsglocke oder einer Beschriftung blieb auch in den folgenden 20 bis 30 Besuchen bei dem Wrack ergebnislos.

Rund zehn Jahre nach der Entdeckung wollten die "Gezeitentaucher" das Thema schließlich professionell angehen: Sie besuchten Kurse über Unterwasserarchäologie. Dort lernten sie Methoden der Vermessung, 3D-Modellierung und Dokumentation von Unterwasserfunden.

Recherche in Hunderten Zeitungen

Außerdem wurden sie in die Standards der Archäologie eingeführt, beispielsweise das richtige Verhalten bei Funden. Dabei ist ihnen besonders das Ethos wichtig. "Wir dokumentieren unsere Funde nur und nehmen nichts aus den Wracks mit", sagt Buss.

Schließlich wandten sie ihr frisch erworbenes Wissen bei vier Tauchgängen im vergangenen Jahr an. Zunächst erstellten sie anhand einer Skizze ihres Fundes eine Phantomzeichnung des Schiffes. Anschließend recherchierte die Gruppe in Hunderten Zeitungen aus der Zeit zwischen 1900 und 1950. Dabei untersuchten die Männer zahlreiche Schiffsuntergänge.

Von den Schiffen, die dabei infrage kamen, suchten die Hobbyarchäologen Zeichnungen, Fotos oder weitere Daten und verglichen sie mit ihrer Phantomzeichnung. Der entscheidende Hinweis fand sich schließlich im digitalisierten Archiv der Zeitschrift "Hansa". Darin stand ein kurzer Bericht über den Untergang des Dampfers "Elsa", der am 1. Dezember 1936 in der Nordsee gesunken war.

Alle Indizien stimmen

Wieder dauerte es einige Tage, bis die Unterwasserarchäologen weitere Informationen zum Dampfer "SS Elsa" gefunden hatten. Im Archiv eines niederländischen Museums fand sich schließlich ein Bild des Schiffs. Es wurde 1917 in den Niederlanden gebaut. "Bei diesem Schiff stimmen alle Indizien und wir gehen davon aus, dass es sich beim 'Wrack X' um die SS Elsa handelt", heißt es in dem wissenschaftlichen Bericht, den die Taucher anfertigten.

Ölbild der "Elsa" 1954 von Hein Ross
Ernst Weitendorf

Ölbild der "Elsa" 1954 von Hein Ross

Das Schiff war mit einer Ladung Kohle von Danzig ins französische Cherbourg unterwegs. Die "Elsa" gehörte Kapitän Ernst Weitendorf aus Rostock. Um mehr über das Schicksal der Besatzung zu erfahren, suchten die "Gezeitentaucher" nach Nachfahren der Überlebenden. Schließlich machten sie den Enkel von Kapitän Weitendorf ausfindig, der bis ins hohe Alter das DDR-Segelschulschiff "Wilhelm Pieck" geleitet hatte.

Er besaß noch Zeitungsausschnitte und die handschriftlichen Memoiren seines Großvaters. In dessen Aufzeichnungen fanden sich die Schilderung des dramatischen Ereignisses in dem Sturm vor mehr als achtzig Jahren. An Bord der "Elsa" befanden sich damals zwölf Seeleute. Kapitän Weitendorf selbst war nicht auf dem Schiff. Er hatte das Kommando nach der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal abgegeben.

TV-Doku über verschollenes U-Boot in der Ostsee

National Geographic Channels

Dramatischer Bericht

Einer der beiden Überlebenden hatte ihm den Untergang später geschildert. Demnach war die "Elsa" während eines heftigen Sturms gesunken. Eine Welle hatte die Brücke des Schiffs weggerissen. Anschließend war die "Elsa" manövrierunfähig. Wellen schlugen die Luken ein, und Wasser drang in das Schiff.

Die Mannschaft versuchte noch 90 Minuten lang, die "Elsa" zu retten. Doch plötzlich begann das Schiff, sehr schnell zu sinken, heißt es in dem Augenzeugenbericht des Seemanns Heinz Warwisch. Er selbst habe demnach ein Rettungsboot zu fassen bekommen, der Schiffsjunge habe sich eine Stunde lang an eine Planke geklammert, ehe er gerettet wurde.

Das Rätsel um das Wrack und das Schicksal seiner Besatzung haben die Hobbyforscher in ihrem am Freitag erscheinenden Buch "Die Gezeitentaucher" dokumentiert. Das Kapitel "Wrack X" ist für die Taucher zunächst abgeschlossen, sagt Buss. Sie wollen es noch etwa ein Mal im Jahr besuchen, um den Verfall zu dokumentieren. Doch die Gruppe hat schon ein neues Projekt: "Wir haben ein zweites unbekanntes Wrack gefunden", sagt Buss. In diesem Jahr soll dazu der wissenschaftliche Bericht erscheinen.

Zusammenfassung: Sporttaucher der Gruppe "Die Gezeitentaucher" stoßen in der Nordsee auf ein unbekanntes Wrack. Mit Hilfe archäologischer Methoden finden sie zunächst den Namen des Schiffes heraus. Bei weiteren Nachforschungen stoßen sie auf einen Augenzeugenbericht, der den dramatischen Untergang des Dampfers beschreibt.

brt

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