Leere Kassen: NRW streicht Archäologen alle Gelder

Von Angelika Franz

Römische Lager, mittelalterliche Städte: In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Fülle archäologischer Fundstätten. Doch die Landesregierung will weder Archäologie noch Denkmalpflege weiter finanzieren. Schon 2015 sollen keine Gelder mehr fließen. Wissenschaftler sind entsetzt.

Reiche Fundstätten: Ausgrabungen beim Bau einer neuen U-Bahnlinie in Düsseldorf (2010) Zur Großansicht
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Reiche Fundstätten: Ausgrabungen beim Bau einer neuen U-Bahnlinie in Düsseldorf (2010)

Hamburg - Nordrhein-Westfalen ist eigentlich ein Mekka für Archäologen. Der Neandertaler bekam hier seinen Namen. Die Römer bauten hier ihre Militärlager und gründeten die Städte Köln und Xanten. Doch so reich die Vergangenheit in dem Bundesland auch sein mag, die Zukunft für die Archäologie ist düster.

Bis 2015 will sich das Land Nordrhein-Westfalen ganz aus der Finanzierung der Archäologie zurückziehen. Statt wie sonst rund zwölf Millionen Euro plant das Land, im kommenden Jahr lediglich 3,3 Millionen Euro zur Archäologie und Baudenkmalpflege beizusteuern. Im Jahr 2015 soll es dann gar keine Mitfinanzierung seitens des Landes mehr geben. Die Folgen: Neue Funde können kaum noch gemacht, bearbeitet und publiziert werden, alte Funde vergammeln ohne entsprechende Pflege in den Magazinen und Museen.

Werden bisher bei Baumaßnahmen neue archäologische Funde gemacht, teilen sich die zwei großen kommunalen Verbände - Landschaftsverband Rheinland und Landschaftsverband Westfalen-Lippe - die Kosten mit dem Land. Gleiches gilt für die extrem fundreiche Stadt Köln, die sich selbst um ihr Gebiet kümmert. "Fällt die Hälfte der Gelder weg, wäre der Schaden im wahrsten Sinne des Wortes unermesslich groß, weil viele Stätten dann bei Baumaßnahmen ohne jede Ausgrabung unbeobachtet zerstört würden", beklagt Frank Siegmund von der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die DGUF ist die größte deutschlandweit auf dem Gebiet der Ur- und Frühgeschichte tätige Vereinigung, in der an Archäologie interessierte Bürger ebenso wie Wissenschaftler zusammengeschlossen sind. Um sich gegen die Sparmaßnahmen zu wehren, hat die Gesellschaft eine Online-Petition gestartet, die noch bis zum 23. Mai Gelegenheit bietet, gegen die geplanten Maßnahmen Protest einzureichen.

Künftig werden Funde im Boden besser aufgehoben sein

Ein neuer Gesetzentwurf sieht vor, dass künftig das Verursacherprinzip gilt: Ein Investor, der eine Grabung notwendig macht, muss auch deren Kosten tragen. Das ist eigentlich eine gute Entwicklung. Aber: "Die Praktiker in der Archäologie wissen, dass dies nicht wirklich greift", erklärt Siegmund. "Einmal, weil die Verursacher nie die ganzen Kosten tragen; deren Verantwortung endet mit der Ausgrabung."

In der Archäologie folgt dann aber viel Arbeit: Verwalten und Einlagern, Konservieren und Restaurieren, bis hin zur Veröffentlichung als Buch und zur Präsentation für die Öffentlichkeit. All das kostet Geld. "Zum anderen sieht das neue Gesetz für die Archäologie und Denkmalpflege in Nordrhein-Westfalen eine sehr spezielle Form des Verursacherprinzips vor: Die Investoren müssen nur zahlen, wenn man die betroffenen Fundstellen schon vorher kennt." Archäologisch ergibt dies keinen Sinn: Gerade die unbekannten Stellen sind die wissenschaftlich wertvollen, weil sie noch viel besser erhalten und nicht etwa schon durch Raubgräber beschädigt sind.

Im Klartext heißt das: Künftig werden Funde im Boden besser aufgehoben sein als in den Händen der Archäologen. Die ersten, die ihren Job verlieren, sind diejenigen, die üblicherweise mit Werkverträgen arbeiten: Fotografen, Zeichner, Restauratoren. "Ohne gute Fotos und Zeichnungen kann nicht publiziert werden, ohne Konservierung zerfallen die Funde im Magazin", sagt Rengert Elburg von der DGUF. Doch es geht noch weiter. Archäologen können bei so drastischen Sparmaßnahmen bald nicht einmal mehr das Benzin für Autofahrten zu den Ausgrabungsstätten bezahlen, Werkstätten das nötige Material für Restaurierungen nicht mehr kaufen. "In der Konsequenz heißt das, vorhandenes Personal könnte dann gar nicht arbeiten, weil kein Geld für die nötigen Mittel und Werkzeuge da ist."

Dabei war die finanzielle Ausstattung in der Archäologie Nordrhein-Westfalens sowieso schon zu niedrig. Zwar gab es im Durchschnitt ebenso viele Archäologen wie in anderen Bundesländern. Die aber hatten extrem viel zu tun. Denn NRW besitzt mit seinen vielen und wichtigen Römerstätten sowie seinen dichten mittelalterlichen Stadtlandschaften überdurchschnittlich viele archäologische Objekte.

Deutschland gilt schon als archäologisches Entwicklungsland

Hinzu kommt, dass mit dem Braunkohletagebau und den Sand- und Kiesgruben entlang des Rheins immer wieder große Flächen aufgerissen werden - die voller Funde sein können. Und nicht zuletzt führt auch die hohe Dichte an Bevölkerung, Verkehr und Wirtschaft zu mehr Baumaßnahmen und damit zu mehr Funden.

Umso schlimmer, dass ausgerechnet NRW die Archäologie nicht mehr ausreichend finanzieren will. Schnell können weitere Bundesländer auf ähnliche Gedanken kommen.

Weit bessere Zustände herrschen im benachbarten Ausland. Dort hält man sich an die Europäische Konvention zum Schutz des archäologischen Erbes, die 1992 in Malta verabschiedet wurde. Die Vertragsparteien verpflichten sich zum Schutz und Erhalt ihrer Bodendenkmäler und archäologischen Funde. Die Niederlande beschäftigen im Verhältnis zur Einwohnerzahl doppelt so viele Archäologen wie Deutschland, in Großbritannien sind es gar viermal so viele. Frank Siegmund bringt es auf den Punkt: "Auch ohne die nun geplanten Mittelkürzungen gilt Deutschland innerhalb der EU bereits als ein archäologisches Entwicklungsland."

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insgesamt 279 Beiträge
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1. Deswegen: SPD
wuehli 28.03.2013
Mit Kraft zu einfachen Lösungen...
2. Die alten Klamotten liegen bereits 2000 Jahre...
Ü30 28.03.2013
an Ort und Stelle. Warum die Eile? Eine schöpferische Pause tut den Kassen gut. Ist an dem bösen Vedacht etws dran, daß es den Schreihälsen nicht so sehrum die Archäologie sondern viel mehr um ihr Pfründe geht? Sehr menschlich,sehr praktisch. Laßt unsere Enkel weiterbuddeln, Servus & Ade
3. Ein erneuter Dank an Rot-Grün.....
guido1973 28.03.2013
...... und an alle, die sie gewählt haben. Nicht nur, daß sie bildungspolitisch für wenig Zukunft stehen, jetzt wird auch noch die Pflege der Vergangenheit und deren Artefakte vernachlässigt. Dafür werden dann lieber Scharen von Sozialarbeitern engetellt, um soziale Brennpunkte wie in Duisburg zu versorgen. Möge Werauchimmer (ich bin Atheist) uns vor Rot-Grün im Herbst bewahren.
4.
Coemgen 28.03.2013
Wir brauchen das Geld ja auch für teure Flughäfen, Opernhäuser und andere viel wichtigere Dinge! Da sind diese Millionen natürlich nicht aufbringbar...
5. gelderbersagt
jens1309 28.03.2013
Danke rot/grün....alle Gelder ins Ausland und für Integration ...aber die eigene Geschichte interessiert nicht ...wohl nur ein Vorgeschmack was uns auf Bundesebene erwarten könnte....gute Nacht kultur
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