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Mathematiker-Aufruf: Arbeitet nicht für die Geheimdienste!

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Binärkode: "Wir Mathematiker müssen uns entscheiden", sagt Tom Leinster Zur Großansicht
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Binärkode: "Wir Mathematiker müssen uns entscheiden", sagt Tom Leinster

Die Totalüberwachung des Internets durch NSA & Co wäre ohne Verschlüsselungsexperten kaum möglich. Nun ruft ein Mathematiker aus Edinburgh seine Kollegen dazu auf, nicht mehr mit Geheimdiensten zu kooperieren.

Die Zeit der Unschuld ist vorbei, wir sollten nicht mit Geheimdiensten zusammenarbeiten. Das ist das Fazit eines Kommentars, den der Mathematiker Tom Leinster von der University of Edinburgh im Wissenschaftsmagazin "New Scientist" veröffentlicht hat. Leinster, ein Experte für Algebra und Geometrie, entrüstet sich über die umfassende, systematische Überwachung von Millionen Menschen weltweit durch britische und amerikanische Geheimdienste - und fordert seine Kollegen auf, ihr Wissen nicht länger missbrauchen zu lassen.

Über Jahrhunderte galt die Mathematik als abstrakte, abgedrehte Wissenschaft, die mit dem Leben der meisten Menschen kaum etwas zu tun hat. "Ich habe niemals etwas Nützliches vollbracht", konstatierte einst der britische Zahlentheoretiker Godfrey Harold Hardy. Keine seiner Entdeckungen tauge dazu, das Leben der Menschheit unmittelbar zu verbessern.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute befinden sich Mathematiker, die sich gut mit Kryptographie auskennen, in einer ähnlichen Situation wie Physiker in den 1940er Jahren. Damals ging es um die Frage, ob man an der Entwicklung der Atombombe mitarbeitet. Heute besteht die Aufgabe darin, Verschlüsselungsalgorithmen zu knacken oder darin Hintertüren einzubauen.

"Wir Mathematiker müssen uns entscheiden", schreibt Leinster. "Kooperieren wir mit den Geheimdiensten oder nicht?". Die NSA brüstet sich auf ihrer Webseite damit, der derzeit größte Arbeitgeber in den USA für Mathematiker zu sein. Auch ihre Pendants in Großbritannien (GCHQ), Australien und Kanada beschäftigen viele Mathematiker - wenngleich genaue Zahlen nicht bekannt sind. Mancher Forscher verdingt sich auch als Gutachter für die NSA - oder heuert in den Semesterferien bei einem der Geheimdienste an.

"NSA hat die Sicherheit des Internets zerstört"

Leinster ist beileibe nicht der einzige Mathematiker, dem das entschieden zu weit geht. Keith Devlin, Professor an der Stanford University in Kalifornien und Autor diverser populärwissenschaftlicher Bücher, kritisiert die Geheimdienste immer wieder - auch über seinen Twitter-Account @profkeithdevlin.

Alexander Beilinson, ein russischer Mathematiker, der inzwischen an der University of Chicago forscht, echauffiert sich im Magazin der American Mathematical Society: "Die NSA hat die Sicherheit des Internets und die sichere Kommunikation für die ganze Welt zerstört." Eine Tätigkeit für den Geheimdienst sollte als sozial unakzeptabel gelten, "so wie in meiner Jugend, als das die Arbeit für den KGB für viele in der Sowjetunion nicht in Frage kam".

Wie wertvoll das Wissen von Mathematikern für Geheimdienste sein kann, zeigen die gezielt eingebauten Hintertüren in Verschlüsselungssoftware. Praktisch alle Verschlüsselungsprogramme arbeiten mit Zufallszahlen. Das weit verbreitete RSA-Verfahren beispielsweise benötigt zwei große Primzahlen. Diese haben in der Regel mehr als 300 oder sogar mehr als 600 Stellen. Das RSA-Verfahren beruht letztlich darauf, dass man zwei Mammutprimzahlen leicht miteinander multiplizieren kann, die Primfaktoren einer großen Zahl sich hingegen nur schwer ermitteln lassen.

Schwachstelle im System

Die Primfaktorzerlegung einer 600- oder 1200-stellige Zahl ist selbst mit Supercomputern in überschaubarer Zeit kaum zu schaffen. Um der ständig steigenden Rechenpower standzuhalten, können RSA-Schlüssel zudem immer wieder verlängert werden, was den Aufwand beim Knacken weiter erhöht. Damit sind Angriffe eigentlich ausgeschlossen. Es sei denn, die Menge der als Faktoren in Frage kommenden Primzahlen ist überschaubar.

Genau an dieser Stelle haben Experten der NSA angesetzt und eine Hintertür in das sogenannte Elliptische-Kurven-Kryptosystem eingebaut. Indizien dafür waren schon 2007 beschrieben worden. Die von Edward Snowden enthüllten Geheimdokumente brachten schließlich die Gewissheit, dass tatsächlich die NSA dahinter steckte.

Trotz der teils heftigen Kritik einzelner Mathematiker wollen sich ihre Verbände bislang nicht von der Arbeit für Geheimdienste distanzieren. Im Gegenteil: Die American Mathematical Society vermittelt sogar Stipendien für das NSA Mathematical Sciences Grant Program. Nicht zuletzt daran hatte sich die Kritik amerikanischer Forscher entzündet.

Hierzulande wird die Arbeit für Geheimdienste durchaus kritisch gesehen: "Ja, es gibt da ein ethisches Problem", sagt Thomas Vogt, Sprecher der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV). Das Thema werde schon seit einigen Monaten unter Kollegen diskutiert - auch im DMV-Präsidium. Zu einem Boykott wollte die Vereinigung jedoch nicht aufrufen. "Wir sind zum Schluss gekommen, dass das jeder für sich selbst entscheiden muss", sagt Vogt.

Tom Leinster von der University of Edinburgh redet seinen Kollegen ins Gewissen: "Wir sind zuallererst Menschen und erst in zweiter Linie Mathematiker. Wenn wir das Vorgehen der Geheimdienste ablehnen, sollten wir nicht für sie arbeiten."

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1. Hoffentlich
LDaniel 28.04.2014
Hoffentlich hält sich niemand an diesen Aufruf. So verkehrt es auch ist, grundlos zu spionieren sollten unsere Geheimdienste nie zu schwach werden. Es gibt eben nicht nur Freunde auf dieser Welt... .
2. Späte Reue ...
reever_de 28.04.2014
Oppenheimer hat erkannt, was für ein Monster er ins Leben gerufen hat: "Nun bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten". Die Jung-Mathematiker haben es genauso in der Hand, welchem Herrn sie dienen wollen. Millionen werden überwacht, um einen Verdächtigen aufzuspüren. Hier wird eine Technlogie geboren, deren Auswirklungen wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. "Jeder muss für sich selber entscheiden" ... völlig richtig. Aber bitte gut nachdenken und nicht die Zukunft außer Ach lassen. Nein, de Welt ist nicht voller Freunde, aber auch nicht voller Verdächtiger!
3. Ein lobenswerter Appell
Namen werden überbewertet 28.04.2014
...aber genauso, wie Rüstungsfirmen Ingenieure finden, so werden auch die Geheimdienste weiterhin Mathematiker finden, die bereit sind, für sie zu arbeiten. Man muss nur gut genug bezahlen. Aber vielleicht trägt der Appell wenigstens zu einer Wandlung der öffentlichen Wahrnehmung bei, so dass solche Mathematiker (oder Ingenieure) zumindest von einem Großteil der Gesellschaft verachtet werden.
4. .
Forenadmin 28.04.2014
Solange es Ingenieure, Ärzte und IT-Spezialisten gibt, die uns töten und unsere Kultur vernichten wollen, sollten wir den Geheimdiensten auf Knien danken dass es sie gibt und ihnen die Füße küssen damit sie nicht aufhören wachsam zu sein. Zumindest sollte es jeder tun, der Kinder hat und sie liebt.
5. ...
Newspeak 28.04.2014
Das Thema werde schon seit einigen Monaten unter Kollegen diskutiert - auch im DMV-Präsidium. Zu einem Boykott wollte die Vereinigung jedoch nicht aufrufen. "Wir sind zum Schluss gekommen, dass das jeder für sich selbst entscheiden muss", sagt Vogt. Das nenn ich mal feige. Aber wieso sollten die Standesvertretungen der Mathematiker mehr Ehre im Leib haben, als z.B. die von Anwälten ode Ärzten, die ja angeblich sowas wie ein Amtsgeheimnis verteidigen. Man muß im Gegenteil ja froh sein, wenn solche Vereine nicht als Erste umschwenken, wenn es mal wieder faschistisch wird. Glanzlichter in dieser Beziehung waren die naturwissenschaftlichen Standesvertretungen zu Zeiten des Dritten Reiches, die gleich eine "Deutsche Physik" propagierten.
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