Scherbenfund Nürnberg ist 100 Jahre älter

Ende des 10. Jahrhunderts begann die Besiedlung Nürnbergs - so steht es im Geschichtsbuch. Nun aber fanden Archäologen mitten in der Stadt eine Scherbe, die weitaus älter ist.

Nürnberg: "Das war ein idyllisches Dorf am Rand des Pegnitztals"
imago/ Westend61

Nürnberg: "Das war ein idyllisches Dorf am Rand des Pegnitztals"


Sie ist klein, grau-schwarz und mit einer Wellenlinie verziert: Was für den Laien wie eine gewöhnliches Stück Keramik aussieht, hat bei Archäologen in Nürnberg für große Überraschung gesorgt. Wegen der kleinen Tonscherbe musste die Geschichte der Frankenmetropole um rund hundert Jahre zurückdatiert werden.

Die Scherbe stammt aus der Zeit zwischen 850 und 880 nach Christus, wie der Stadtarchäologe John Zeitler sagt. Bislang glaubten Historiker, dass Nürnberg erst um 980 entstand.

Gefunden wurde die Tonscherbe in einer Baugrube mitten in der Innenstadt - wenige Meter vom Hauptmarkt entfernt. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will dort ihr neues "Haus der Wirtschaft" errichten. Doch das wird noch ein bisschen dauern.

Denn die Archäologen graben dort noch bis Ende Januar. Sie wollen noch etwa einen Meter tiefer kommen. "Wir könnten noch bis in die Zeit um etwa 800 zurückkommen", sagt Zeitler. Finden sich etwa noch ältere Spuren der Stadt?

Das Ausgrabungsgelände nahe des Hauptmarkts
DPA

Das Ausgrabungsgelände nahe des Hauptmarkts

Die erste urkundliche Erwähnung Nürnbergs findet sich auf einem Dokument aus dem Jahr 1050: Die sogenannte Sigena-Urkunde besagt, dass eine Frau namens Sigena, die Leibeigene des Adeligen Richolf, von Kaiser Heinrich III. freigesprochen wurde.

Bisherige archäologische Funde legten nahe, dass die Besiedlung Nürnbergs Ende des 10. Jahrhunderts begann. Etwas nördlich der aktuellen Grabungsstelle am Hang der Kaiserburg fand man Spuren einer Siedlung. "Doch jetzt müssen wir diesen Beginn um gut hundert Jahre zurückverlegen, vielleicht sogar um 150 Jahre - das werden die weiteren Grabungen im Spätherbst ergeben", sagt Zeitler.

Fünf Meter unterhalb der heutigen Straße fanden die Archäologen eine ganze Siedlung. "Das war ein idyllisches Dorf am Rand des Pegnitztals, das sich hier vor 1150 bis 1200 Jahren erstreckt hat", erklären die Experten.

Franken bauten oben, Slawen lieber am Fluss

Es hatte wohl die Form einer Ellipse und war etwa 100 Meter breit und rund 150 Meter lang. Die Archäologen wollen einen Ausschnitt davon freilegen. Die Menschen lebten damals in eingeschossigen Fachwerkhäusern mit Reet- oder Strohdach. Dazu gab es viele Ziegenställe.

Die Siedler seien Slawen gewesen, die von Nordosten ins Pegnitz- und Rednitzgebiet eingewandert seien, sagt Zeitler. Sie hätten eine Vorliebe für flussnahe Siedlungen gehabt. Die Franken dagegen bauten lieber in den höheren Regionen, in denen es kein Hochwasser gab. Im Laufe der Zeit haben sich Slawen und Franken vermischt.

Die kleine Siedlung lag verkehrsgünstig - an einem Verbindungsweg vom Rednitztal nach Sulzbach. Man konnte so Beziehungen zur mächtigen Adelsfamilie der Sulzbacher Grafen aufbauen. "Diese Ost-West-Route wurde plötzlich interessant. Die Siedler konnten den Reisenden Dinge verkaufen oder ihnen eine Unterkunft anbieten sowie Nahrung und Dienstleistungen an den Pferden und Wagen."

"Wie eine Buttercremetorte"

Für eine Siedlung sei es günstig gewesen, nicht nur Landwirtschaft betreiben zu können. "Wir können nun einen winzigen Einblick in die frühe Wirtschaftsgeschichte dieses Dorfes erlangen, das später Nürnberg heißen wird", sagt Zeitler.

Im Moment müssen sich die Forscher jedoch ein wenig in Geduld üben. Derzeit werden die jüngeren Schichten abgetragen. "Das 14. Jahrhundert ist jetzt weitgehend weg und jetzt arbeiten sich die Kollegen gerade durch das 13. und 12. Jahrhundert durch", sagt Zeitler.

"Das ist wie eine Buttercremetorte mit vielen Schichten: So wie der Konditor eine Schicht über die andere legt, so liegt hier durch die Bautätigkeit der Bevölkerung eine Schicht über der anderen." 20- bis 25-mal sei übereinander gebaut worden.

Eine Gerberei entdeckt

An mehreren Stellen wird gegraben. Mit Bagger, Schaufel und Pinsel arbeiten sich etwa 20 Archäologen einer Ingolstädter Grabungsfirma durch die Erde. Etwa in der Mitte der Baustelle sind sie auf eine Gerberei aus dem 12. Jahrhundert gestoßen - zu sehen sind noch Reste der großen Holzbottiche.

"Dass es das hier schon so früh gab, hat man nie erwartet", sagt Zeitler. "Das ist das Schöne und das Anstrengende an der Archäologie: Dass man vorher nie weiß, was man findet", sagt die 26-jährige Archäologin Teresa Losert.

Parallel zu den Grabungen werden Zeichnungen gemacht, damit später genau rekonstruiert werden kann, wo was gefunden wurde. Andere Kollegen waschen auf dem Boden sitzend die Fundstücke mit Zahnbürsten in kleinen Wannen. Körbeweise Keramik, Glas und Tierknochen stehen im Haus neben der Grabungsstelle.

Vergoldete Weingläser

"Da sind auch vergoldete Weingläser aus dem 17. Jahrhundert dabei - es ist alles da, was das Herz begehrt", sagt Zeitler. "Allein mit den Fundstücken von hier könnte man ein ganzes stadtgeschichtliches Museum füllen."

Für den Bauherrn sind die Grabungen eine teure Angelegenheit, die IHK muss die Kosten alleine tragen. Zeitler geht davon aus, dass es am Ende etwa eine Million Euro sein werden. Und auch der Umzug der Kammer verzögert sich.

"Wir freuen uns, dass Nürnberg durch die Funde um etwa hundert Jahre älter geworden ist", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Markus Lötzsch. "Dennoch wirken wir mit Nachdruck darauf hin, dass die Arbeiten nun so schnell wie möglich abgeschlossen werden."

Von Cathérine Simon, dpa/boj

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
ackergold 14.09.2015
1.
Die Besiedlung Nürnbergs begann keineswegs im 10. und auch nicht im 9. Jahrhundert. Tatsächlich ist der Raum Nürnberg, insbesondere die Pegnitz-Niederung mindestens seit dem frühen Neolithikum, eher sogar schon seit dem Mesolithikum durchgängig besiedelt. Das belegen z. B. die Funde am Ebensee.
doitwithsed 14.09.2015
2. Nicht weiter verwunderlich
Das Alter von Orten wird in der Regel durch eine erste urkundliche Erwähnung festgelegt (wobei so manche Urkunde sich auch als Fälschung späterer Jahrhunderte herausstellte um sich älter zu machen). Es kann ein Ort aber schon Jahrhunderte existiert haben, bevor es da irgendwas Relevantes zu beurkunden gab und erst recht hat nicht jedes mal existente Schriftstück die Jahrhunderte überstanden.
mcmercy 14.09.2015
3.
Mag ja sei, dass die Siedlung älter ist, aber eine Scherbe ist nun nicht der zwingenden Beweis. Durchaus denkbar, dass die zuwandernden Menschen auch ihr Geschirr mitbrachten und bei sorgfältiger Pflege hät sowas auch 100 oder mehr Jahre.
willi_der_letzte 14.09.2015
4.
Zitat von mcmercyMag ja sei, dass die Siedlung älter ist, aber eine Scherbe ist nun nicht der zwingenden Beweis. Durchaus denkbar, dass die zuwandernden Menschen auch ihr Geschirr mitbrachten und bei sorgfältiger Pflege hät sowas auch 100 oder mehr Jahre.
Könnte auch sein, dass da einfach nur mal ein paar Reisende am Ufer der Pegnitz entlang durchkamen und denen beim Abendessen machen am Lagerfeuer eine Schüssel zerteppert ist.
Krittler 14.09.2015
5. Nicht überraschend
Zitat von mcmercyMag ja sei, dass die Siedlung älter ist, aber eine Scherbe ist nun nicht der zwingenden Beweis. Durchaus denkbar, dass die zuwandernden Menschen auch ihr Geschirr mitbrachten und bei sorgfältiger Pflege hät sowas auch 100 oder mehr Jahre.
Diese Scherbe wurde in einer Erdschicht gefunden, deren Alter sich bestimmen lässt, egal, wie alt nun die Scherbe auch sein mag. Auch ist es nicht sonderlich ungewöhnlich, sogar der Normalfall, dass sich Menschen entlang der Flüsse angesiedelt haben. Wie Perlen an einer Schnur, haben sich Dörfer entlang der Pegnitz befunden, lange bevor Nürnberg erstmals namentlich beurkundet wurde. Der kleine Berg, später Burgberg, bot Schutz vor den regelmäßigen Hochwassern. Der Standort von Nürnberg war also schon immer günstig für eine Siedlung.
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