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Ölreserven: Der Alptraum der Saudis

Preise von 130 Dollar pro Barrel - die Ära des billigen Öls liegt hinter uns. Wann der Gipfel der Förderung erreicht ist, kann zwar niemand wirklich seriös beantworten. Aus Saudi-Arabien kamen nun aber höchst beunruhigende Nachrichten.

Was der saudische Geologe Sadad I. Al-Husseini im Jahr 2000 seinem Ölminister berichtete, gefiel dem gar nicht. Husseini, bei der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco angestellt, hatte die Prognosen der Ölindustrie für künftige Fördermengen schon lange skeptisch betrachtet. Nun lagen die Angaben von etwa 250 wichtigen Ölfeldern vor ihm: der Restölgehalt jeder Lagerstätte und das vermutliche Ende der Förderung. Al-Husseini addierte alle neuen Felder, die die Ölkonzerne in den nächsten Jahrzehnten in Betrieb zu nehmen hofften. Seine Bilanz: Die Daten über die globalen Ölreserven und Fördermengen werden entweder falsch interpretiert oder falsch wiedergegeben.

Eine Bohrinsel in China: Die Abhängigkeit vom Öl zwingt uns, immer weiter zu suchen und immer mehr dafür zu bezahlen
REUTERS

Eine Bohrinsel in China: Die Abhängigkeit vom Öl zwingt uns, immer weiter zu suchen und immer mehr dafür zu bezahlen

Während gängige Prognosen noch Kurven jährlich steigender Fördermengen anzeigten, ergeben Husseinis Berechnungen eine Abflachung, und zwar schon seit 2004. Genauso alarmierend: Dieses Produktionsplateau werde bestenfalls 15 Jahre anhalten, danach werde die Förderung von konventionellem Öl "allmählich, jedoch irreversibel sinken".

Das war kaum die Art Szenario, wie die Welt es von Saudi Aramco gewohnt war. Der Konzern sitzt auf den weltweit größten erwiesenen Ölreserven - etwa 260 Milliarden Barrel, grob geschätzt ein Fünftel der bekannten Erdölreserven. Und er behauptete immer, Öl werde für viele Jahrzehnte ausreichend vorhanden sein.

Husseini verließ Saudi Aramco 2004; heute ist er als Energieberater tätig. Sollte er recht behalten, steht der Welt eine dramatische Wende bevor. Nahrungsmittelproduktion, Transport oder Verteidigung - alles hängt davon ab, dass es genug Öl zu bezahlbaren Preisen gibt.

Husseini war nicht der Erste, der das Gespenst eines sogenannten Peak, eines Maximums und gleichzeitig Wendepunkts in der weltweiten Ölproduktion vorhersah. Für die meisten Geologen ist klar: Wenn die Hälfte der Ölreserven erschöpft ist, wird es immer schwieriger und schließlich unmöglich, jedes Jahr mehr Öl aus dem Boden zu holen. Weltweit werde die Förderung, die von weniger als einer Million Barrel pro Tag im Jahr 1900 auf derzeit etwa 85 Millionen Barrel stets nur gestiegen ist, bald stagnieren. Jedem müsse klar sein: Wenn das förderbare Öl zur Neige gehe, würde die Folge Rezession sein - und Krieg um die letzten Reserven.

Prognosen, wann der Peak erreicht werde, sind höchst umstritten. Nicht, weil jemand meint, das Öl reiche ewig, sondern weil niemand wirklich weiß, wie viel Öl noch im Boden steckt und wie nah wir dem Wendepunkt der Fördermenge schon sind.

Pessimisten behaupten, dass wir bereits kurz vor dem Maximum stehen oder - wie Husseini sagt - diesen Punkt bereits erreicht haben. Das werde bisher nur von schwankenden Mengen in der täglichen Förderung verdeckt - und wäre eine Erklärung dafür, warum die Rohölpreise jüngst ständig gestiegen sind. Im Frühjahr 2008 haben sie die 110-Dollar-Marke pro Barrel übersprungen und sich binnen zwölf Monaten verdoppelt.

Die Optimisten bestehen darauf, der Wendepunkt sei noch Jahrzehnten entfernt; die Welt besitze noch viel Öl, das nur entdeckt werden müsse. Außerdem gebe es riesige Reserven an "unkonventionellem" Öl, etwa in Form von Ölsand im Westen Kanadas. Jedesmal, wenn Pessimisten einen "unmittelbar bevorstehenden" Peak voraussagten, habe die Entdeckung eines neuen Ölfelds oder einer neuen Technologie die Ölproduktion wieder steigen lassen. Hierzu passt die Meldung aus dem April dieses Jahres, nach der vor der Atlantikküste Brasiliens nahe bei São Paulo eine gigantische Lagerstätte entdeckt wurde, vielleicht die drittgrößte der Welt, soweit man sie bisher kennt. Andere Branchenexperten argumentieren, die gegenwärtigen hohen Preise seien ein vorübergehendes Phänomen, Ergebnis technischer Engpässe und stark steigender Nachfrage aus China und Indien. "Der Bedarf wird sogar sinken, ehe das Öl versiegt", ließ Anfang des Jahres der Konzern BP verkünden.

Gewöhnlich veranlassen höhere Preise die Ölkonzerne zu Investitionen in neue Explorationstechnologien und zu vermehrten Bemühungen um schwerer zugängliche Ölfelder. Der Preisanstieg, der zum Beispiel auf den Iran-Irak-Krieg in den achtziger Jahren folgte, bewirkte so große Neufunde, dass die Märkte zeitweilig mit billigem Öl überschwemmt wurden. Doch in den vergangenen Jahren bewegte sich die weltweite Förderung trotz ständig steigender Preise immer um 85 Millionen Barrel pro Tag. Genau die Menge, die Husseini als Maximum vorhergesagt hatte. Im vergangenen Herbst veröffentlichte die Internationale Energieagentur (IEA) allerdings eine Prognose, der zufolge die weltweite Ölnachfrage bis zum Jahr 2030 sogar noch um mehr als ein Drittel auf 116 Millionen Barrel pro Tag steigen werde. Danach äußerten selbst mehrere Vorstände von Ölkonzernen Zweifel, ob die Förderung damit Schritt halten könnte.

Christophe de Margerie, Chef des französischen Unternehmens Total, erklärte, im besten Fall liege die maximale Tagesförderung bei 100 Millionen Barrel. Noch vor 2020 könnte die Nachfrage größer sein als das Angebot. Diese Schwelle sieht Jeroen van der Veer, der Chef von Royal Dutch Shell, fünf Jahre früher erreicht: "Nach 2015 wird das Angebot an leicht zugänglichem Öl und Gas nicht mehr mit der Nachfrage Schritt halten." Im April schlugen die Russen Alarm: Der Ölkonzern Lukoil gab bekannt, man fürchte, das Maximum der täglichen Fördermenge - knapp zehn Millionen Barrel - schon jetzt erreicht zu haben.

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