Ausgegraben

Gletschermumie Ötzis 61 Tattoos

Übersät mit Stichen: Tätowierungen auf dem Körper Ötzis
Eurac/ Marco Samadelli

Übersät mit Stichen: Tätowierungen auf dem Körper Ötzis


Forscher haben weitere Tätowierungen auf der Gletschermumie Ötzi aus den Alpen entdeckt. Womöglich nutzte der Steinzeitmann die Stiche als eine Art Akupunktur.

Es waren weder die Namen seiner Kinder noch brennende Totenköpfe, die Ötzi, der mehr als 5000 Jahre alte Mann aus dem Eis, auf seiner Haut trug. Und doch war der Körper der Gletschermumie aus den Alpen übersäht mit Tätowierungen. 61 einfache Strichmuster hatte man ihm gestochen und als Farbe Kohlepulver in die Wunden gerieben.

Die ersten davon waren bereits den Findern der Mumie aufgefallen, als sie den Toten am 19. September 1991 im Eis des Tisenjochs in den Ötztaler Alpen entdeckten. Die letzten haben Wissenschaftler um Marco Samadelli vom EURAC-Institut für Mumien erst jetzt entdeckt und im Journal of Cultural Heritage veröffentlicht.

Eine spezielle Technik erlaubte es den Forschern, die für das bloße Auge unsichtbaren Striche zu dokumentieren. Dafür fotografierte Samadelli den Körper der Mumie aus verschiedenen Blickwinkeln mit Licht aus verschiedenen Wellenbereichen. Von Infrarot bis Ultraviolett deckte er das gesamte Spektrum ab - so tauchten auch für das menschliche Auge nicht mehr sichtbare Tätowierungen in tieferliegenden Hautschichten mit großer Genauigkeit auf.

Multispektralfotografie machte die Tattoos sichtbar
Eurac/ Marco Samadelli

Multispektralfotografie machte die Tattoos sichtbar

"Jedes Foto wurde sieben Mal aufgenommen, jedes Mal mit einer anderen Wellenlänge. So konnten wir die verschiedenen Tiefen abdecken, in denen sich jeweils das für die Tattoos verwendete Kohlepulver abgesetzt hatte. Für die oberen Hautschichten waren die ultravioletten Strahlen ausreichend, für die tieferen Schichten verwendeten wir die Infrarotstrahlen", erklärt Marco Samadelli.

Eismann angetaut

Dafür musste der Eismann allerdings angetaut werden, denn die Haut ist aus konservatorischen Gründen normalerweise von einer Eisschicht überzogen. "Die Mumie musste für die Untersuchung glücklicherweise nicht vollständig aufgetaut werden" beruhigt Albert Zink, Direktor des EURAC-Instituts. "Es wurde lediglich die äußere Eisschicht abgetaut, dies geschieht aber ohnehin regelmäßig alle zwei Monate bei der Befeuchtung der Mumie. Dabei wird die umhüllende Eisschicht auch erneuert."

Der Tätowierer stach die zwischen 0,7 und vier Zentimeter langen Linien meist in Gruppen, in denen die Striche zu zweit, dritt oder viert parallel zueinander angeordnet sind. Nur zwei Tattoos - an der Innenseite des rechten Knies und an der linken Achillesferse - sind kleine Kreuze. Das außergewöhnliche an den neu entdeckten Linien ist ihre Position: Sie liegen auf der rechten unteren Seite des Brustkorbs.

Behandlung von Schmerzen?

"Damit stellt es das erste Tattoo dar, das nicht am Rücken oder an den Beinen gefunden wurde", erklärt Zink. Damit gerät eine alte These über Ötzis Tätowierungen ins Wanken: "Bislang überwiegt die Theorie, dass sie zur Behandlung von Schmerzen, eventuell im Sinne einer Akupunktur, dienten, die Ötzi aufgrund seiner Rücken- und Gelenkprobleme hatte. Das Tattoo auf der Brust scheint zunächst einmal dagegen zu sprechen." Doch natürlich gibt es auch jede Menge Krankheiten, die Schmerzen im Brustkorb verursachen können.

"Vielleicht sollte diese Tätowierung ja gegen Gallensteine oder Arteriosklerose wirken", überlegt Zink. Auch Peitschenwürmer im Darm könnten Schmerzen an der tätowierten Stelle verursacht haben, vermuten die Forscher in ihrem Fachaufsatz.

So abwegig ist die Idee der medizinischen Markierungen gar nicht: Eine Studie aus dem Jahr 2012 hat jedenfalls gezeigt, dass Tätowierungen an Akkupunkturpunkten durchaus heilende Wirkung haben können. "Ob sie auch bei Ötzi eine Form der Behandlung darstellen sollten, kann nun in Folgestudien weiter untersucht werden", schreibt Zink.

Zumindest steht mit 61 Markierungen nun die Anzahl seiner Tattoos fest. Bisher schwankten die Angaben dazu je nach Studie noch zwischen 49 und 57. Mehr werden nun wohl nicht gefunden werden: "Wir sind uns sehr sicher, dass wir mit dieser Arbeit alle vorhandenen Tätowierungen erfasst haben."

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11 Leserkommentare
Tiananmen 29.01.2015
alohas 29.01.2015
perlodont 29.01.2015
lemmuh 29.01.2015
scosima 29.01.2015
Paulchen der Bestäuber 29.01.2015
dschinn1001 30.01.2015
Tiananmen 30.01.2015
lemmuh 30.01.2015
sicherheitsbeauftrager 31.01.2015
fbprivat 05.02.2015

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