Analyse der Werkzeuge Ötzi war so richtig am Ende

Verletzt, getrieben, wohl auch sozial isoliert: Kurz vor seinem Tod muss der Eismann Ötzi in einer desolaten Lage gewesen sein. Das schließen Forscher nun auch aus der Analyse seiner Werkzeuge.

Ochsenreiter / Südtiroler Archäologiemuseum / DPA

Schnell noch ein paar Happen Trockenfleisch, dann musste es zügig weitergehen - denn die letzten Stunden im Leben von Ötzi, dem tätowierten "Mann aus dem Eis", müssen ziemlich hektisch gewesen sein: In den 33 Stunden vor seinem gewaltsamen Tod stieg er zuerst von 2500 Meter Höhe auf 1200 Meter ab und erklomm kurz danach das Tisenjoch bis auf etwa 3000 Meter. Dort wurde er hinterrücks von einem Pfeil getroffen und starb.

Eine Analyse seines mitgeführten Werkzeugs stützt nun den Verdacht, dass Ötzi ein Getriebener war: Demnach scheint die Lage des etwa 45-jährigen Mannes vor seinem Tod desolat gewesen zu sein. Die Studie liefert auch neue Erkenntnisse zu den Lebensbedingungen der Alpenbewohner vor etwa 5300 Jahren.

Ötzis Leiche war 1991 von Wanderern in den Ötztaler Alpen in gut 3200 Meter Höhe entdeckt worden. Seitdem versuchen Forscher, selbst aus kleinsten Details Rückschlüsse auf das Leben in jener Zeit zu ziehen. Bei der Mumie fanden Forscher neben überraschend hochwertigen Kleidungs- und Ausrüstungsgegenständen etliche Werkzeuge aus Feuerstein - unter anderem einen Dolch, zwei abgebrochene Pfeilspitzen, einen Klingenkratzer und einen Bohrer. Zudem entdeckten sie einen Retuscheur - einen schmalen Geweihzapfen in einem Lindenast, mit dem man Klingen und Spitzen schärfen konnte.

"Er hatte nur sehr wenige Werkzeuge bei sich zum Schneiden, Bohren und Schaben", sagt die Archäologin Ursula Wierer vom Denkmalamt Florenz. "Und er trug keine Reservegegenstände und auch kein Rohmaterial bei sich." Die bei Ötzi entdeckten Objekte nahm das Team um Wierer nun ausgiebig unter die Lupe.

Die Ergebnisse: Die Feuersteingeräte stammen aus mindestens drei verschiedenen Gebieten, wie das Team im Fachblatt "PLOS One" berichtet. Pfeilspitze 12 kam demnach aus dem Nonstal in der italienischen Region Trentino. Das liegt etwa 40 Kilometer Luftlinie entfernt von Ötzis vermutetem Wohnort, dem Vinschgau in Südtirol.

Aus dem SPIEGEL

Das Material für die Dolchklinge stammte dagegen vermutlich aus dem Südwesten des Trentino und damit mindestens 60 bis 75 Kilometer vom Vinschgau entfernt. Die übrigen Feuersteinobjekte konnten nicht eindeutig zugeordnet werden. Sie stammen entweder aus dem Trentino oder aus dem benachbarten Venetien.

"Die Feuersteinvielfalt in dem spärlichen Arsenal des Eismanns deutet auf ein umfangreiches Versorgungsnetzwerk auf der Südseite der Alpen hin", schreiben die Forscher. "Alpendörfer ohne lokales Rohmaterial wurden direkt oder durch umherziehende Steinschläger mit hochwertigem Feuerstein versorgt, der aus verschiedenen Abbau- und Produktionszentren stammte."

Ötzi habe sein Werkzeug wohl nicht selbst hergestellt, schreiben die Wissenschaftler weiter. "Wahrscheinlicher ist, dass Menschen wie Ötzi gelegentlich oder regelmäßig die Möglichkeit hatten, Klingenrohlinge oder zumindest Klingenwerkzeuge mit funktionellem Potenzial zu erlangen." Das stimmt mit der Analyse von einem der beiden fertigen Pfeilschäfte überein. Ötzi war Rechtshänder, wie nun auch Analysen seines Retuscheurs und seines Kratzers bestätigen, was ihn als Hersteller zumindest von Pfeil 14 ausschließt.

Fotostrecke

5  Bilder
Ötzi: Der Werkzeugkoffer des Steinzeitmanns

"Auch wenn Ötzi nicht der Hersteller der Rohlinge für sein Werkzeug war, war er doch das Schärfen gewohnt", schreibt das Team. Die Abnutzung des Retuscheurs zeigt ebenso wie einige frisch geschärfte Objekte, dass er sein Werkzeug regelmäßig bearbeitete und nachschärfte - "was damals wahrscheinlich die meisten Erwachsenen taten". Seine diesbezügliche Fähigkeit stuft das Team auf einer Skala von 1 bis 10 mit dem Wert 6/7 ein.

Ötzi setzte seine Werkzeuge demnach vor allem zum Schneiden von Pflanzen ein und nutzte dafür hauptsächlich scharfkantige kleine Feuersteinschneiden. Ausgerechnet der Dolch weist dagegen wenig Abnutzung auf. Daher spekulieren die Forscher, er habe eher symbolische Bedeutung gehabt und möglicherweise die soziale Identität seines Besitzers angezeigt.

"Für ihn als Rechtshänder behindernd"

Die Werkzeuganalyse verrät auch Details über die letzten Tage von Ötzi. Womöglich plagten ihn Bauch- und Zahnschmerzen. Frühere Studien hatten schon anhand des Mageninhalts rekonstruiert, dass er 33 Stunden vor seinem Tod auf etwa 2500 Meter Höhe verbrachte. Von dort stieg er auf der Südseite des Alpenhauptkamms auf etwa 1200 Meter ab, bevor er einige Stunden vor seinem Tod wieder auf über 3000 Meter aufstieg.

Ebenfalls ein bis zwei Tage vor seinem Tod erlitt er eine Stichwunde an der rechten Hand, vermutlich beim Abwehren eines Angriffs. "Man kann annehmen, dass die letzten Schärfungen der Feuersteinwerkzeuge, des Klingenkratzers und des Bohrers von Ötzi gemacht wurden, bevor er die tiefe Wunde in seiner rechten Hand erlitt, die für ihn als Rechtshänder behindernd gewesen sein muss", schreiben die Autoren in "PLOS One".

Fotostrecke

5  Bilder
Gletschermann Ötzi: Leiden in der Jungsteinzeit

Das Team beschreibt, welchen weiteren Problemen Ötzi - neben seiner Verletzung - ausgesetzt war. Demnach waren seine Werkzeuge schon in schlechtem Zustand, auch seinen Pfeilspitzenvorrat hatte er nicht aufgefrischt. "Die meisten Werkzeuge waren so stark abgenutzt und immer wieder nachgeschärft, dass sie schon den letzten Verwendungsgrad erreicht hatten", sagt Wierer. Anscheinend aus der Not heraus nahm er sogar die beiden zerbrochenen Pfeilspitzen mit.

"Das bedeutet, dass Ötzi eine ganze Weile lang keinen Zugang zu Feuerstein hatte", schreibt das Team. "Trotz des dringenden Bedarfs erhielt er keine neuen steinernen Pfeilspitzen oder Rohlinge dafür. Obwohl er in niedrigere Höhen abgestiegen war, hatte er anscheinend weder Zugang zu einem Dorf noch zu Menschen, um sich diese notwendigen Dinge anzueignen." Womöglich war Ötzi, so könnte man annehmen, sozial isoliert.

Der Eismann sei also "in einer kritischen Lage" gewesen, als er nur Stunden nach seinem zwischenzeitlichen Abstieg wieder in die Berge zurückkehrte und das Tisenjoch erreichte, so das Team. "Der tödliche Pfeil, der ihn von hinten traf und von einem Bogenschützen aus den Südalpen abgeschossen wurde, war daher nur die letzte in einer Reihe von Schwierigkeiten, denen er ausgesetzt war und die Spuren in seiner Steinwerkzeug-Ausrüstung hinterließen."

Video: Handwerk Mumifizierung

SPIEGEL TV

Von Walter Willems, dpa/chs



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.