Offshore-Parks Zimmerleute planen hölzerne Windkraftwerke

Ein vergessener Baustoff soll seine Vorzüge bei der alternativen Energiegewinnung beweisen: Experten wollen Windräder aus Holz errichten, die sogar vor der Küste zum Einsatz kommen könnten.

Von Hans-Arthur Marsiske


Bäume wachsen über 100 Meter hoch und knicken selbst bei starkem Wind nicht ein - das allein zeigt schon, wie belastbar der Baustoff Holz ist. Dennoch führt er mittlerweile neben Beton und Stahl ein Schattendasein. Einige engagierte Zimmerleute und Experten wollen das jetzt ändern: Sie planen die Errichtung einer Windkraftanlage aus Holz.

Offshore-Windräder aus Holz (Montage): "Dieser Stoff bietet weit mehr als rustikale Möbel"
Innungsverband des Zimmererhandwerks Westfalen

Offshore-Windräder aus Holz (Montage): "Dieser Stoff bietet weit mehr als rustikale Möbel"

Auf die Idee war Matthias Eisfeld, Geschäftsführer des Innungsverbands des Zimmererhandwerks Westfalen, auf der Autobahn Kassel-Dortmund gekommen, die am größten Windpark Europas bei Paderborn vorbeiführt. "Eines Abends sah ich dort die roten Blinklichter und fragte mich: Warum werden die Windräder eigentlich nicht aus Holz gebaut?"

Eigentlich ist Holz als Baumaterial naheliegend - schließlich wurden Windmühlen jahrhundertelang auf diese Weise gefertigt. Zudem passt der Naturstoff besser zu der sanften Form der Energiegewinnung als Beton oder Stahl: Bisher müssen beim Errichten einer Anlage speziell befestigte Straßen gebaut werden, um den Transport der Turmelemente zu ermöglichen. Das für schwergewichtige Windräder nötige Fundament stellt einen weiteren Eingriff in die Landschaft dar.

Für Holzgerüste genügen dagegen Punktfundamente, die Bauteile lassen sich auf normalen Feld- und Waldwegen transportieren. Das könnte der Windenergie neue, für die herkömmliche Bauweise unzugängliche Standorte erschließen: "In Nordrhein-Westfalen hat eine Arbeitsgruppe allein für dieses Bundesland 600 bis 800 neue Flächen ermittelt", so Eisfeld. Windmessungen sind für diese Gebiete allerdings noch nicht vorgenommen worden.

Gerade im Offshore-Bereich sieht Eisfeld für Holz ungeahnte Möglichkeiten. "Zum einen hat es etwa ein Drittel weniger Gewicht, was für die Fundamente wie für die gesamte Konstruktionslogistik von Bedeutung ist. Zum anderen wird es durch Salzwasser nicht angegriffen." Der Fachmann verweist auf reichhaltige historische Erfahrungen: "Eine Salzgewinnungsanlage aus Holz in Bad Reichenhall ist zum Beispiel schon über 150 Jahre alt."

Die positive Einschätzung kann Peer Haller, Professor am Institut für Baukonstruktionen und Holzbau an der Technischen Universität Dresden, bestätigen. "Man hat immer das Gefühl, dass Holz so schwach sei", sagt er. Dabei entspreche die Festigkeit einer Zellulosefaser der einer Glasfaser. Nachteile wie zum Beispiel die geringe Querfestigkeit ließen sich durch die Kombination mit Verbundstoffen ausgleichen. Haller geht davon aus, dass sich sogar die Rotorblätter aus Holz fertigen lassen.

Eisfeld will im kommenden Jahr zunächst einen Prototyp mit einem 98 Meter hohen Holzmast errichten, der einen gängigen Generator mit mindestens 1,5 Megawatt Leistung trägt. Der Mast soll entweder als Säule oder in Fachwerkstruktur gebaut werden. Die Vor- und Nachteile dieser Bauweisen entsprechen weitgehend denen vergleichbarer Stahlkonstuktionen: Eine Röhre ist erheblich teurer als ein Gittermast, der aber stärker der Witterung ausgesetzt und damit wartungsintensiver ist.

Im Gegensatz zu Stahl- und Betonmasten kann ein Holzmast jedoch höher emporragen. "Stahlröhren lassen sich nur bis zu einem bestimmten Durchmesser produzieren, weil sie sonst beim Transport nicht mehr unter den Brücken hindurchpassen", erklärt Eisfeld. "Mit dem Durchmesser ist aber auch die Höhe begrenzt." Wegen der Eigenfrequenz des Stahls, so der Experte, lassen sich solche Röhren ohnehin nur bis zu einer Höhe von etwa 120 Metern bauen. "Holz absorbiert Schwingungen sehr viel besser und ist daher für Masthöhen bis 200 Meter, wie sie insbesondere im Offshore-Bereich angestrebt werden, hervorragend geeignet."

Dass Holz dennoch beim Bau von Windkraftwerken bislang nicht zum Einsatz kam, führen Haller und Eisfeld auf historische Ursachen zurück. "Es fehlt den Ingenieuren am nötigen Sachverstand", meint Haller. Ingenieure beschäftigten sich traditionell mit Metall und Beton, Holz sei dagegen die Domäne des Handwerks. Doch obwohl das Material ein eher verstaubtes Image hat, glaubt Eisfeld an seine Technologie-Tauglichkeit: "Dieser Stoff bietet weit mehr als nur rustikale Möbel in Bauernstuben."



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