Open Access Union will Urheberrecht von Forschern stärken

In Deutschland werden Texte durch das Urheberrecht geschützt. Doch Wissenschaftsmagazine setzen zunehmend auf die freie Verbreitung im Internet. Verlage und Autoren fühlen sich bedroht - Open Access hat viele Kritiker. Jetzt will die Union wissenschaftliche Urheber besser absichern.

Forschungsbibliothek Uni Göttingen: "Wir brauchen neue Rahmenbedingungen"
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Forschungsbibliothek Uni Göttingen: "Wir brauchen neue Rahmenbedingungen"


Berlin - Wie verhindert man Fehler und Betrug in der Wissenschaft? Der Standard lautet "Peer Review", ein Verfahren zur Qualitätssicherung einer wissenschaftlichen Arbeit, bei dem diese von anderen Forschern kritisch begutachtet wird. Doch das Verfahren steht immer wieder in der Kritik, denn es dauert oft lange und ist teuer - was zur Folge hat, dass wissenschaftliche Fachblätter oder Abonnements mitunter nur sehr teuer zu kaufen sind.

Dennoch denken immer mehr Fachverlage darüber nach, wissenschaftlichen Inhalt frei und kostenlos im Internet zur Verfügung zu stellen, was als Open Access bezeichnet wird. Die großen Open-Access-Verlage wie etwa die Public Library of Science (PLoS) prüfen ihre Inhalte zwar nach demselben Verfahren wie konventionelle Herausgeber. Ihre Verwaltungskosten legen die Open-Access-Magazine jedoch auf die jeweiligen Autoren um, sofern diese nicht ein Sponsor übernimmt. Kritiker bemängeln allerdings, dass diese Kosten teilweise derart in die Höhe schießen, dass sie die Abonnementkosten für Fachzeitschriften bisweilen sogar übersteigen.

Ein weiteres Problem des Open Access: Die Autoren sehen oft ihre Urheberrechte nicht ausreichend geschützt. Das will die Regierung nun ändern und Open Access damit weiter vorantreiben: Wissenschaftliche Urheber sollen nach Ansicht der Union künftig besser rechtlich abgesichert werden. Das forderten der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Kretschmer, und der zuständige Berichterstatter Tankred Schipanski nach einer Anhörung von Verbänden und Sachverständigen zum Thema Open Access durch das Bundesjustizministerium.

"Wir brauchen neue rechtliche Rahmenbedingungen für das wissenschaftliche Publizieren im Informationszeitalter", erklärten sie. Es bestehe Gesetzgebungsbedarf, um einerseits Open Access zu fördern und andererseits die Stellung der wissenschaftlichen Urheber rechtlich stärker abzusichern.

Ein verbindliches Zweitveröffentlichungsrecht wäre der geeignete Weg, um Open Access zielführend und wissenschaftsfreundlich auszubauen. Mit dem Zweitveröffentlichungsrecht hätten Wissenschaftler die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse neben der herkömmlichen Verlagspublikation, beispielsweise auch im Rahmen von Online-Aktivitäten, zu veröffentlichen, hieß es weiter. So würde eine neue Kommunikations- und Publikationskultur in der Wissenschaft ermöglicht.

Auch der Verbreitungsgrad von Forschungsergebnissen könnte deutlich erhöht werden. Jetzt müsse noch über die konkrete Ausgestaltung des Gesetzes, insbesondere über die notwendigen Sperrfristen diskutiert werden.

Erst kürzlich hatte ein Schweizer Hirnforscher eine softwarebasierte Peer-Review-Methode patentieren lassen, um das teure Gutachterverfahren grundlegend zu erneuern - und Open-Access-Magazinen so ebenfalls neue kostengünstigere Möglichkeiten zu bieten.

cib/apn



insgesamt 9 Beiträge
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ralfmu 14.07.2010
1. Gleich zwei Fehler
sind im Artikel: 1. Peer Review kostet nichts (außer Porto), es wird von den Fachkollegen unentgeltlich erledigt. Und kräftig Geld pro Seite muss der Autor (bzw. seine Einrichtung) auch (und gerade besonders viel bei teuren Zeitschriften) noch nachschieben. 2. Die Zeitschriften schützen nicht die Urheberrechte (was sowieso ein deutsches Konstrukt ist, draußen gibt es Copyright). Im Gegenteil - der Autor muss ein "Copyrigt Transfer Agreement" unterzeichnen, damit er seine Arbeit überhaupt einschicken kann, und das ist *exklusiv*, d.h. die Zeitschrift darf hinterher mit dem Text machen was sie will und der Autor selbst strenggenommen genau gar nichts mehr.
tz675 14.07.2010
2. Problem nicht erkannt
Ich kann mich der Kritik von ralfmu nur anschließen. Dieser Artikel ist sehr einseitig recherchiert, und zwar deutlich zugunsten der Wissenschaftsverlage. Um die Sachlage zu den 'Kosten des Peer-Reviews' mal von einer anderen Perspektive zu betrachten, möchte ich hier noch ein paar Zahlen ins Spiel bringen: -Eine zu veröffentlichende wissenschaftliche Arbeit in den Naturwissenschaften kostet im Schnitt leicht 100.000 Euro an Materialkosten, Infrastruktur, Personalkosten, bei Großprojekten sind hierbei nach oben alle Grenzen offen. Bezahlt wird dies meist von der öffentlichen Hand - also dem Steuerzahler. Firmen veröffentlichen Ihre Forshcungsergebnisse nur sehr selten. -Der Peer-Reviewing-Prozeß wird unentgeltlich von Wissenschaftlern des gleichen Fachgebiets durchgeführt, dabei sind die im Text genannten Softwaresysteme schon seit Jahren im Einsatz - Portokosten fallen daher kaum an. Die Kosten (in diesem Fall meist reine Personalkosten für Forscher im öffentlichen Dienst) trägt wieder der Steuerzahler. -Ist eine Publikation in einem hochrangigen Magazin angenommen, werden für die Veröffentlichung in print (meist eine Pro-Forma
tz675 14.07.2010
3. Problem nicht erkannt
Ich kann mich der Kritik von ralfmu nur anschließen. Dieser Artikel ist sehr einseitig recherchiert, und zwar deutlich zugunsten der Wissenschaftsverlage. Um die Sachlage zu den 'Kosten des Peer-Reviews' mal von einer anderen Perspektive zu betrachten, möchte ich hier noch ein paar Zahlen ins Spiel bringen: -Eine zu veröffentlichende wissenschaftliche Arbeit in den Naturwissenschaften kostet im Schnitt leicht 100.000 Euro an Materialkosten, Infrastruktur, Personalkosten, bei Großprojekten sind hierbei nach oben alle Grenzen offen. Bezahlt wird dies meist von der öffentlichen Hand - also dem Steuerzahler. Firmen veröffentlichen Ihre Forschungsergebnisse nur sehr selten. -Der Peer-Reviewing-Prozeß wird unentgeltlich von Wissenschaftlern des gleichen Fachgebiets durchgeführt, dabei sind die im Text genannten Softwaresysteme schon seit Jahren im Einsatz - Portokosten fallen daher kaum an. Die Kosten (in diesem Fall meist reine Personalkosten für Forscher im öffentlichen Dienst) trägt wieder der Steuerzahler. -Ist eine Publikation in einem Magazin angenommen, werden für die Veröffentlichung in print (meist eine unnütze Zwangsoption, da die meisten Inhalte online abgerufen werden) mehrere tausend Euro fällig. Bezahlt werden die vom veröffentlichenden Institut, also wiederum vom Steuerzahler. Der Autor tritt ALLE Rechte an das Magazin ab, kann also nicht einmal seinem Kollegen eine digitale Kopie zukommen lassen, ohne sich strafbar zu machen. -Möchten andere Forscher oder Forschungseinrichtungen den veröffentlichten Beitrag lesen, müssen sie erneut zahlen. Für eine Jahreslizenz für eine mittelgroße staatliche Universität, die die Beiträge u.U. geschrieben oder bewertet haben, werden hierbei Lizenzkosten fällig, die in die Millionenhöhe gehen können. Sie werden erraten, wer dies bezahlen muss - der Steuerzahler. Die Summe der Kosten, die das veröffentlichende Journal hatte bis hierhin hatte, gehen gegen null. Und die Druckqualität der Printasugaben (die keiner liest, denn die Inhalte werden meist online abgerufen) rechtfertigen keineswegs die Kosten von bis zu 20 Euro pro Printausgabe. Viele Open-Access-Journale räumen Ihren Autoren von vorne herein das Recht zur Zweitveröffentlichung ein, mir sind keine Fälle bekannt wo das Gegenteil zutreffen würde - vielleicht habe ich aber auch nicht gründlich genug gesucht, denn das müsste man. Das Informationsmonopol der Wissenschaftsverlage ist ein ernsthaftes strukturelles Problem im internationalen Wissenschaftsbetrieb. Nicht nur parasitieren sie den gesamten Wissenschaftsbetrieb ohne jegliche Gegenleistung, sie sichern auch noch die Monopolstellung einzelner, mit den Verlegern gut gestellter Autoritäten und verhindern so oft echte Chancengleichheit bei der Vergabe von Förderungsmitteln - die wiederum stark von der Publikationsleistung der Forscher in bekannten Magazinen abhängt. Die Gesetzesinitiative zur Einräumung von Zweitpublikationsrechten geht eindeutig in die richtige Richtung. Die Diskussion über mögliche Sperrfristen zugunsten der Verlage zeigt jedoch, welchen Einfluß die Verlegerlobby hat - es bleibt zu hoffen, dass dieser Einfluß beim Verfassen dieses Artikels keine allzu große Rolle gespielt hat.
knightsurfer, 14.07.2010
4. Die Union hat keine Ahnung vom Urheberrecht
Das Urheberrecht bleibt ohnehin beim Wissenschaftler, es kann nur vererbt werden. Die daraus erwachsenden Leistungsschutz- und Verwertungsrechte werden meist in Bausch und Bogen den Verlagen übertragen. Versteht der Wissenschaftler nicht was er unterschreibt hat er Pech gehabt. Man sollte über spezielle CreativeCommons Lizenzen für wissenschaftliche Publikationen nachdenken, die der veröffentlichende Nutzen kann, um eine faire Standardlizenz zu haben. OpenAccess heißt ja nicht Aufgabe der Leistungsschutzrechte. Es fordert aber die Einschränkung von Leistungsschutzrechten, bei staatlich geförderter Forschung, wie ich finde zu Recht, da der Steuerzahler gezahlt hat, soll er auch partizipieren.
Dr.Dingsda 14.07.2010
5. Schlimmer Unfug
Da ist der Autor (und anscheinend die Union) den Wissenschaftsverlagen ja in uebelster Weise auf den Leim gegangen! Er sollte sich mal die "copyright" Ueberlassungserklaerungen durchlesen, die die grossen Verlage fuer wissenschaftliche Veroeffentlichungen verlangen. Danach ist es mir z.B. nicht mehr moeglich, einen "plot" meiner Daten, von mir persoehnlich ausgewertet und in eine Grafik umgesetzt, ohne Genehmigung fuer andere Zwecke weiterzuverwenden. Das im Gegensatz dazu "open access" meine Urheberechte einschraenken wuerde ist eine wirklich absurde Verdrehung der Tatsachen. Sicherlich ist in Fragen open access noch vieles zu klaeren, inklusive des endgueltigen Finanzierungsmodells. Sorgen ueber Urheberrecht habe ich aber in vielen Diskussionen mit vielen Dutzend Kollegen in der Grundlagenforschung noch nie als Argument gehoert. Etwas kritische Recherche haette dem Artikel gut getan.
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