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Operationstechnik: Inka waren Weltmeister der Schädel-Chirurgie

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Die Inka waren Meister im Öffnen von Schädeln, um Verwundungen zu heilen. Jeder sechste Totenkopf, den Forscher jetzt untersuchten, hat ein Loch - und die meisten Operierten hatten ohne größere Komplikationen überlebt. Grund: die geschickte Bohrtechnik der Mediziner.

In der Renaissance verlief das Töten in Europa vergleichsweise schnell und sauber. Bogenschützen erledigten den Feind so rasch, dass er oft von seinem eigenen Tod nichts mitbekam. Als Wunde entstand nur ein kleines Loch. Auch ein Stich oder Hieb mit dem Schwert führte relativ zügig zum Tod, so denn der Tötende kein Stümper war und einigermaßen sein Handwerk beherrschte.

In den peruanischen Anden dagegen sah die Sache im 15. Jahrhundert anders aus. Hier bevorzugten die Kämpfer Keule oder Steinschleuder. Häufig endete eine Auseinandersetzung unter Inkakriegern deshalb nicht mit dem Tod - sondern mit einem schwerwiegenden Schädeltrauma. Diesem Umstand verdankt das Andenvolk einer neuen Studie zweier US-Anthropologen zufolge eine zivilisatorische Errungenschaft ganz anderer Art: die Trepanation - die Kunst der Schädelöffnung zur Behandlung und Heilung solcher Traumata.

In einem Artikel im "American Journal of Physical Anthropology" legen nun Valerie Andrushko von der Southern Connecticut State University in New Haven und John Verano von der Tulane University in New Orleans ihre Ergebnisse vor. Die Forscher untersuchten Schädel aus jüngeren Ausgrabungen in und um Cuzco, der Hauptstadt der Inka, deren Funde genau dokumentiert sind. "In den Museen liegen zwar viele trepanierte Schädel", sagt Verano SPIEGEL ONLINE, "aber da weiß man oft nicht, in welchem Umfeld sie gefunden wurden oder wie alt sie sind". Das Ergebnis: "Von den 411 Individuen unserer Studie hatten 16 Prozent mindestens ein Loch im Schädel."

Hohe Überlebensquote

Die Zahlen verblüffen. In keinem anderen Land der Welt hat man so viele durchlöcherte Schädel gefunden wie in Peru. Der erste stammt aus der Zeit um 400 vor Christus. Da war zwar die chirurgische Schädelöffnung in Europa schon seit Jahrtausenden bekannt - hatte aber nie die Häufigkeit oder Perfektion erreicht wie im Hochland der Anden.

In den frühen Jahren überlebte immerhin schon rund ein Drittel aller Patienten den chirurgischen Eingriff. "Das sieht man an den Knochenrändern um das Loch", sagt Verano. "Die sind dann wieder ganz mit neuem Knochengewebe bedeckt und richtig rund."

Zur Hochzeit der Inkakultur war die Operation fast schon Routine. Mehr als 90 Prozent der Patienten konnten nach dem Eingriff wieder ein ganz normales Leben führen und starben oft erst Jahrzehnte später. Dazu kam eine sehr niedrige Infektionsrate. Nur in 4,5 Prozent der Fälle entzündete sich die Wunde - das ist an knöchrigen Ablagerungen in der Umgebung des Loches abzulesen.

Die Ärzte der Inka kannten verschiedene Substanzen zur Desinfektion. Sie behandelten die Wunde mit Saponin, Zimtsäure und Tannin. Eine Betäubung gab es nicht. Doch das dürfte weniger schlimm gewesen sein, als es zunächst klingt. Wenn die Schädelöffnungen tatsächlich in der Hauptsache bei Kopfverletzungen vorgenommen wurden, um den Schädelinnendruck zu mindern, dann litten die Patienten ohnehin unter starken Schmerzen.

Rund oder eckig?

Für die Operation kannten die Chirurgen vier verschiedene Techniken. Entweder wurde ein Loch gebohrt, eine Öffnung geschabt, ein rechteckiges Stück herausgesägt oder ein runder Pfropf ausgeschnitten, der sich nach Ende der Behandlung wieder einsetzen ließ. Letztere Methode wurde laut Andrushko und Verano vor allem bei akuten, offensichtlichen Schädelverletzungen angewandt. "Das machten sie, wenn es schnell gehen musste", sagt Verano. "Dann nahmen sie ein ganzes Stück Schädel heraus. Das können wir uns wohl so ähnlich vorstellen wie im Emergency Room."

Hatten die Chirurgen dagegen Zeit, schabten sie vorsichtig so lange über den Knochen, bis ein Loch mit flachen Rändern entstand. Nur ein Schädel in der Studie hatte ein rechteckiges Loch, das offensichtlich in den Knochen gesägt war - eine eher voluminöse Öffnung, 3,98x3,90 Zentimeter groß. Die seltene Operation verlief auch nicht besonders erfolgreich, der Patient verstarb, bevor die Wunde zu heilen begann.

Trotz der offensichtlich hoch entwickelten Kunst haben die Archäologen bisher keine chirurgischen Instrumente bei den Inka gefunden. Das Tumi, ein kupfernes Ritualmesser, war jedenfalls zu weich für eine solche Operation. Experimente peruanischer Wissenschaftler an lebenden Menschen in den vierziger und fünfziger Jahren hätten ergeben, dass die bekannten Metalle nicht hart genug waren, sagt Verano.

Jahre später probierten Anthropologen erneut die Trepanation, diesmal allerdings mit Klingen aus Stein und an Tierkadavern - das Ergebnis: "Mit Obsidian oder Flint funktioniert es ganz gut", sagt Verano.

Sieben Löcher in einem Schädel

Bei 44 Prozent aller Patienten können die Anthropologen noch eindeutige Spuren eines Schädeltraumas als Grund für die Öffnung nachweisen. Von den Löchern führen in diesen Fällen kleinere oder auch größere Risse weg, die beim stumpfen Schlag auf den Kopf im Knochen entstanden sind.

Wahrscheinlich liegt die Prozentzahl aber noch viel höher. Denn häufig dürfte die Fraktur an genau jener Stelle gelegen haben, die dann entfernt wurde. Außerdem liegen ungewöhnlich viele Trepanationen auf der linken Seite des Schädels - genau dort also, wo ein rechtshändiger Gegner seine Keule hätte niedersausen lassen.

Außerdem waren die meisten Trepanierten männlich - ein weiteres Indiz, dass es sich um eine Notfallmaßnahme nach schweren Verletzungen im Kampf handelte.

Die Häufigkeit der Anwendung schwankt von Fundort zu Fundort. Verano kennt einen Friedhof, auf dem 50 Prozent aller Männer, 30 Prozent aller Frauen und 30 Prozent aller Jugendlichen Trepanationslöcher in den Schädeln hatten: "Wenn die Theorie stimmt, war das eine raue Gegend."

Doch auch Krankheiten können der Grund für eine solche Operation gewesen sein. Andrushko und Verano fanden zum Beispiel Hinweise auf Mastoiditis, eine Infektion, die durch eine schlecht verheilte Mittelohrentzündung ausgelöst wird und starke Schmerzen verursacht. Auch Kopfschmerzen oder Schwindel dienten wohl als Anlass. Denn einige Schädel haben nicht nur ein Loch, sondern bis zu sieben. "Da haben die Chirurgen dann immer wieder versucht, die richtige Stelle zu finden, hinter der sie die Ursache für das Problem vermuteten", sagt Verano.

Trotz der neuen Studie bleibt die Trepanation bei den Inka für Verano immer noch eins der größten Rätsel der Medizingeschichte. Es gibt keine eigenen Aufzeichnungen der Indianer darüber. Auch die Spanier erwähnten die Schädelöffnungen nicht in ihren frühen Berichten von der Eroberung des südamerikanischen Kontinents. "Dabei kannten und praktizierten die Spanier selber die Trepanation", sagt Verano. Fest steht nur, dass die Inka ihren Eroberern in der Kunst der Schädelöffnung weit überlegen waren.

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Trepanation: Die Schädeloperationen der Inka


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