Ordnung statt Chaos Musik auf virtueller Landkarte

Musik ist dank des Internets inzwischen blitzschnell und in nahezu beliebiger Masse verfügbar. Das Problem: Wie behält man den Überblick über die Datenmengen, die sich mit der Zeit auf der Festplatte türmen? Spezielle Software könnte einen Ausweg bieten.


Wer eine gut sortierte Sammlung digitaler Musik sein Eigen nennt, kennt das Problem. Selbst wenn man ein gewissenhafter Zeitgenosse ist und die vielen hundert MP3-Dateien fein säuberlich nach Interpret und Album geordnet hat, dauert irgendwann schon ein flüchtiger Blick über die Musiksammlung eine kleine Ewigkeit. Von einer ansprechenden Auswahl an Musik, die der momentanen Laune schmeichelt, schweigen wir an dieser Stelle. Was also tut man, wenn einem der Sinn nach heißen Latin-Rhythmen steht und nicht nach einer halbstündigen Dateisuche?

Forscher der Technischen Universität Wien bieten jetzt einen Ausweg aus dem Dilemma: Sie haben eine Software entwickelt, die Musikstücke nach Klangcharakteristika sortiert. Das Programm namens "PlaySOM" soll gar Stil, Genre und Interpreten automatisch erkennen können.

Die Fähigkeiten der Software, die sich derzeit im Prototypen-Stadium befindet, wollen die Wissenschaftler jetzt anhand einer Demo-Version zeigen: Das Team um Andreas Rauber hat eine Online-Übersichtskarte von Werken Mozarts erstellt - in Gestalt von Mozarts Kopf.

An unterschiedlichen Stellen seines Gesichts sind Musikstücke per Audio-Stream und als MP3-Datei abrufbar - manche stehen einsam da, andere in ganzen Trauben. Die Standorte entsprechen unterschiedlichen musikalischen Eigenschaften: Sinfonien oder Opern liegen auf Inseln der Klangkarte ebenso zusammen wie etwa Streichkonzerte, Violinsonaten und Serenaden.

Suche nach musikalischen Merkmalen

Die Software sucht in der digitalisierten Musik nach speziellen Merkmalen - ein Verfahren namens "Audio Feature Extraction". Das Ergebnis ist ein sogenanntes Rhythmusmuster, das allerdings nur bedingt etwas mit Rhythmus im landläufigen Sinn zu tun hat - also etwa mit der Frage, ob ein Musikstück nun im Dreiviertel- oder Viervierteltakt gehalten ist.

Die Software der Wiener analysiert die Lautstärke-Schwankungen in den verschiedenen Frequenzbereichen der Musik und misst dabei auch Unterschiede etwa bei sehr hohen Frequenzen, die für den Menschen gerade noch wahrnehmbar sind. Die Auflösung kann in diesen Bereichen ohne weiteres bis 600 Schläge pro Minute reichen, erklärt Thomas Lidy, ein Mitglied des Forscherteams. "Damit sind auch sehr feine musikalische Unterscheidungen möglich."

Selbst innerhalb eines Musikgenres könne die Software auf diese Weise einzelne Werke unterscheiden - etwa anhand des Tempos der Notenabfolge in Pianostücken. Berücksichtigt wird auch die Tatsache, dass der Mensch Geräusche anders wahrnimmt als ein Mikrofon. "Das menschliche Ohr nimmt manche Frequenzbereiche lauter wahr als andere", sagt Lidy. "Solche psychoakustischen Eigenschaften wenden wir auf die Musikdaten an."

Landkarte statt Unterordner

In Ansätzen könne die Software bereits die Stimmung von Musikstücken bestimmen - etwa ob eine Komposition eher beschwingt ist oder düstere Stimmung verbreitet. Diese "Mood Detection" genannte Technik müsse allerdings noch optimiert werden, betont Lidy im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das gleiche gelte für die Benutzeroberfläche. Derzeit müsse man noch ein Experte sein, um das Programm bedienen zu können - auch wenn es schon einige praktische Dinge kann. So ist es nach Angaben des Wiener Teams möglich, mit der Maus einen Pfad über die musikalische Landkarte zu zeichnen und als Ergebnis eine Wiedergabeliste einzelner Stücke zu bekommen. Das zeit- und nervenraubende Durchforsten von zig Ordnern und Unterordnern - sofern man überhaupt ordentlich genug ist, sie anzulegen - könnte damit künftig entfallen. Die Forscher haben auch schon eine mobile Version ihrer Software erstellt, die auf Pocket-PCs, tragbaren Audiogeräten und Handys laufen soll.

"Die Programmierung von Benutzer-Schnittstellen ist aber nicht unsere Spezialität", meint Lidy. Deshalb gibt es bisher auch noch keine marktreife Version der Software. Auch ob sie anschließend gratis angeboten oder verkauft wird, ist derzeit noch offen - genauso offen wie die Frage, ob "PlaySOM" noch früh genug dran ist, um sich gegen ähnliche Software durchsetzen zu können. So hat das Fraunhofer-Institut in Ilmenau schon vor Jahren "AudioID" vorgestellt, das ähnlich funktionieren soll wie die Wiener Software. Kommerzielle Anwendungen wie "Pandora" werden schon längst verkauft, und aus einem Forschungsprojekt der Universität Marburg ist ein Programm namens "MusicMiner" hervorgegangen, das kostenlos zu haben ist.

Markus Becker



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.