Organmangel Organspende-Stiftung fordert Reform des Transplantationsgesetzes

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation schlägt Alarm: Immer weniger Menschen spenden im Todesfall ihre Organe. Die Folge: 12.000 Menschen warten auf Rettung. Dabei könnte eine Veränderung der Gesetze Abhilfe schaffen - wie eine britische Studie jetzt zeigt.


Frankfurt am Main - Es herrscht Not in Sachen Organspende: Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Spender in Deutschland auf den tiefsten Stand seit 2004, berichtet die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Damit ging die Zahl der Spender pro einer Million Einwohner von 16 auf 14,6 zurück. Die Folgen: Bundesweit starben im vergangenen Jahr rund tausend Patienten, die auf der Warteliste für ein Organ standen. 12.000 Menschen warten derzeit noch.

Vorbereitung einer Herztransplantation: Widerspruchsregelung kann Spenderzahl erhöhen
DPA

Vorbereitung einer Herztransplantation: Widerspruchsregelung kann Spenderzahl erhöhen

Angesichts dieser Entwicklung forderte die DSO eine Reform des Transplantationsgesetzes. Auftrieb erhält sie von einer neuen Studie aus Großbritannien. Die Einführung der sogenannten Widerspruchsregelung kann die Zahl der Organspenden deutlich steigern, schreiben Forscher um Amanda Sowden von der Universität York im Fachmagazin " British Medical Journal". Dabei muss jeder Bürger zu Lebzeiten ausdrücklich Widerspruch gegen eine Organentnahme im Todesfall einlegen. Diese Regeln gelten in Ländern wie Spanien, Österreich oder Belgien.

In Großbritannien hingegen gilt - ähnlich wie in Deutschland - die Zustimmungsregelung: Die Bereitschaft zur Organentnahme muss in einem Spendeausweis extra dokumentiert werden. Doch obwohl 67 Prozent der Deutschen laut einer Forsa-Umfrage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung einer Entnahme ihrer Organe nach dem Tod zustimmen würden, besitzen nur zwölf Prozent einen Spendeausweis. Auch in Deutschland gibt es deswegen Bestrebungen vom Nationalen Ethikrat, die Widerspruchregelung einzuführen, doch die blieben bislang erfolglos.

Die britischen Wissenschaftler haben nun die Lage in verschiedenen Ländern untersucht und die Entwicklung in Staaten verfolgt, die die Widerspruchsregelung eingeführt hatten. Ihre Einführung bewirkte im Schnitt eine Erhöhung der Zahl der Spenderorgane um 25 bis 30 Prozent.

Während in Großbritannien auf eine Million Menschen etwa 13 Organspender kommen, liegt der Wert in Spanien deutlich über 34. In Deutschland sind es 14,6. Verlaufsstudien aus Österreich, Belgien und Singapur zeigen sogar, dass die Einführung der Widerspruchsregelung die Zahl der Spender im Lauf mehrerer Jahre um ein Mehrfaches gesteigert hat.

Allerdings lassen diese Studien außer Acht, dass sich dort neben dem Gesetz auch andere wichtige Einflussfaktoren verändert haben. Dazu zählen die Wissenschaftler vor allem die Organisation und Koordinierung des Spendewesens, die Zahl der Transplantationszentren und die Aufklärung der Bevölkerung.

Die DSO sieht in einer Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland keine Garantie für eine effektive Steigerung der Organspende. DSO-Chef Günter Kirste erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Die Widerspruchsregelung ist kein Allheilmittel, um den Organmangel zu beheben." Auch in den Ländern mit Widerspruchslösung würde keine Organspende ohne Zustimmung der Angehörigen des Verstorbenen vorgenommen, so Kirste. Die DSO sieht den dringendsten Verbesserungsbedarf in der Erkennung und Meldung möglicher Spender in den Krankenhäusern.

Kirste kritisiert vor allem, dass die Stiftung zwar einerseits bundesweit mit der Koordinierung der Organspende beauftragt sei, diese aber zugleich eine Gemeinschaftsaufgabe von Krankenhäusern, Ärztekammern, Gesundheitsverwaltungen und Ministerien sei. Das deutsche System sei schlecht strukturiert, deshalb würden viele Spender gar nicht erst erkannt. "Die Anzahl der Spenden lässt sich auch in Deutschland durch geeignete Strukturen verdoppeln", sagte Kirste. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) etwa will mit einer neuen Maßnahme die Anzahl der Spender vergrößern: Sie schlägt vor, die Spendebereitschaft in Zukunft auf der neuen Gesundheitskarte zu speichern.

Viele Menschen haben allerdings noch immer Angst davor, dass ihnen Organe entnommen werden könnten, weil sie fälschlicherweise für tot erklärt werden. Tatsächlich hat sich im vergangenen Jahr ein dramatischer Fall in einer französischen Klinik abgespielt: Damals begann das Herz eines Mannes plötzlich wieder zu schlagen, obwohl dieser bereits für tot erklärt worden war. In der Klinik durften zu jener Zeit im Rahmen eines Experiments Organe schon nach einem Herzstillstand und nicht erst nach dem Hirntod entnommen werden.

Ähnliches könnte sich in Deutschland allerdings nicht abspielen, beruhigten damals Experten: "Ein Herz- und Kreislaufstillstand von zehn Minuten ist kein sicheres Äquivalent zum Hirntod", sagte Hans-Jörg Freese von der Bundesärztekammer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das hat die Ärztekammer schon vor zehn Jahren festgelegt, und das gilt auch heute noch."

lub/AP/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
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H.Ehrenthal, 15.01.2009
1. Nein!
Zitat von sysopDie Deutsche Stiftung Organtransplantation schlägt Alarm: Immer weniger Menschen spenden im Todesfall ihre Organe. Die Folge: 12.000 Menschen warten auf Rettung. Dabei könnte eine Veränderung der Gesetze Abhilfe schaffen - wie eine britische Studie jetzt zeigt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,601499,00.html
Nun sollen auch noch Hartz IV Empfänger dazu animiert werden, ihre Organe gegen Geld »zu spenden«. Das meint jedenfalls der Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Bayreuth, Peter »Mußichmirnichtmerken«. Grundsätzlich spricht sich »Mußichmirnichtmerken« für eine Vermarktung von Organen aus. In Indien und anderen 3. Welt-Ländern gäbe es schon einen «grauen Markt«, doch die Organe würden leider zu 80 Prozent absterben. Ooooch! Das allein ist wohl für den gewissenlosen Professor ein Argument genug, daß nun auch in der Bundesrepublik Menschen, die von Armut betroffen sind, ihre Organe spenden. Er spricht damit eigentlich nur das aus, auf was viele schon warten. Ein Organspender-Markt mit HartzIV-Empfängern als Lieferanten! Man sollte vielleicht mal diesen Ar*** selbst zu einer umfassenden Spontanorganspende überreden? Dies aber zeigt, was generell von Organspenden zu halten ist Es ist Business, keine Ethik! Eine Möglichkeit: Im Paß schriftlich jeder Organspende zu widersprechen. Aber selbst dann ist noch nicht sicher gestellt, ob man von raffgierigen Ärzten nicht doch ausgeschlachtet wird. Besser ist es, immer eine gefälschte HIV-Positiv-Bescheinigung bei sich zu tragen. Das hilft todsicher! Denn wer möchte schon verseuchte Organe haben? Wer hat eine Vorlage?
emma, 15.01.2009
2. Keine Spende in einem gewinnorientierten System!
Prinzipiell halte ich Organspende für eine gute Sache, die ich auch unterstützen würde. Aber wenn man die fatalen personellen Zustände in den deutschen Kliniken sieht, würde ich derzeit schon aus Selbstschutzgründen davon absehen, einen Organspenderausweis mit mir herum zutragen. Insbesondere in privatisierten Häusern möchte ich nicht als Patient liegen, schon gar nicht als potentieller Organspender.
suum.cuique 15.01.2009
3. Mit Verlaub
Zitat von H.EhrenthalNun sollen auch noch Hartz IV Empfänger dazu animiert werden, ihre Organe gegen Geld »zu spenden«. Das meint jedenfalls der Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Bayreuth, Peter »Mußichmirnichtmerken«. Grundsätzlich spricht sich »Mußichmirnichtmerken« für eine Vermarktung von Organen aus. In Indien und anderen 3. Welt-Ländern gäbe es schon einen «grauen Markt«, doch die Organe würden leider zu 80 Prozent absterben. Ooooch! Das allein ist wohl für den gewissenlosen Professor ein Argument genug, daß nun auch in der Bundesrepublik Menschen, die von Armut betroffen sind, ihre Organe spenden. Er spricht damit eigentlich nur das aus, auf was viele schon warten. Ein Organspender-Markt mit HartzIV-Empfängern als Lieferanten! Man sollte vielleicht mal diesen Ar*** selbst zu einer umfassenden Spontanorganspende überreden? Dies aber zeigt, was generell von Organspenden zu halten ist Es ist Business, keine Ethik! Eine Möglichkeit: Im Paß schriftlich jeder Organspende zu widersprechen. Aber selbst dann ist noch nicht sicher gestellt, ob man von raffgierigen Ärzten nicht doch ausgeschlachtet wird. Besser ist es, immer eine gefälschte HIV-Positiv-Bescheinigung bei sich zu tragen. Das hilft todsicher! Denn wer möchte schon verseuchte Organe haben? Wer hat eine Vorlage?
Sie tun mir leid. Ich trage seit meiner Jugend einen Organspendeausweis mit mir herum. Nicht ist sinnloser, als seine Organe im Sarg verrotten zu lassen, waehrend andere Menschen dringend auf eine Transplantation warten. Gerne bin ich aber bereit, Ihren Namen auf einer Ausschlussliste von Personen aufzunehmen, die es nicht wuenscht, ein Fremdorgan implantiert zu bekommen, bzw. zu verfuegen dass Sie mein Organ dann nicht enthalten. Ich unterstuetze das oesterreichische System, dass alle Buerger automatisch zu Organspendern macht, wenn sie nicht widerrufen. Nur wuensche ich mir auch, dass Nichtspender dann auch keine Organe implantiert bekommen. Das Organspendesystem funktioniert wie eine Solidargemeinschaft, jeder muss auch was geben wollen, wenn jemand was bekommen moechte. Wie bei einer Feuerversicherung. Keine Beitraege (Mitgliedschaft), keine Leistung beim Schaden.
altruist 15.01.2009
4. aber bitte nicht auf krankenkassenkosten
das diese organhandelsorganisation nach mehr organen schreit, ist doch selbstredend.damit verdienen sie ihr geld. es sind üble lobbyisten im gesundheitswesen. zudem erzählen sie uns ständig den ganzen schmuß mit den hirntod. diese lobbyisten treiben doch die krankenkassenkosten hoch. es sollte keine organtranplantation mehr auf krankenkasenkosten stattfinden.wer sie aus eigener tasche gezahlt wird, o.k. grundätzlich ist es schicksalhaft, wenn man mit schlechten organen lebt,genauso wie es schicksalhaft ist, ob ich in ein armes oder reiches elternhaus, bei den pygmäen oder in monaco geboren wurde oder von natur mit suboptimalem gehirn oder iq 145 ausgestattet bin. nicht alles was machbar ist, sollte der allgemeinheit angelastet werden.viagra gibt es auch nicht auf krankenschein.
Jochen Kissly, 15.01.2009
5. Leichenfledderei
Die Lobby der Befürworter der Organspende hat es geschafft den ansonsten nicht steigerbaren Begriff tot zu steigern. tot Organentnahme richtig tot. Fakt ist doch dass der Mensch bei seiner Organentnahme noch lebt, das Herz schlägt noch, Er atmet (mit Maschinenunterstützung noch) er hat noch Körpertemperatur,produziert Urin, und und und. Und erst nach der Organentnahme "stirbt" der Mensch - also ist es die Organentnahme die ihn umbringt. Der Hirntod ist nicht das einzige Kriterium der Todesbestimmung. Hier werden Menschen ausgeweidet - mit Medizin hat das nichts zu tun. Ich spende nicht.
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