Filmpreis Mathematiker sagte 20 von 21 Oscars richtig voraus

Ein Harvard-Absolvent berechnet seit Jahren die Siegchancen bei den Oscars. Diesmal lag er verblüffend nah am tatsächlichen Ergebnis. Wie macht er das?

Roter Teppich in Hollywood
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"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Das mal dem Physiker Niels Bohr, mal dem Schriftsteller Mark Twain zugeschriebene Zitat bringt die Probleme von Vorhersagen auf den Punkt.

Manchmal aber tritt eine Prognose wirklich genauso ein oder zumindest fast - so wie bei der diesjährigen Oscarverleihung. Und alle staunen. Ben Zauzmer, ein 25-jähriger Statistikspezialist, hat die Preisträger von 20 Oscars richtig vorhergesagt. Nur in der Kategorie "Dokumentarfilm" lag er mit seinem Tipp daneben. Und bei den zwei Kurzfilmpreisen - da hatte er mangels ausreichender Daten allerdings auch gar keine Prognose abgegeben.

Zauzmer hat angewandte Mathematik an der Harvard University studiert. Er arbeitet als Datenanalyst für den Baseballverein Los Angeles Dodgers - und erstellt Oscar-Prognosen für das Magazin "Hollywood Reporter".

"Seit sieben Jahren sage ich die Oscars voraus und nutze dabei ausschließlich Daten und Statistiken", schreibt Zauzmer. In sein mathematisches Modell fließen diverse Faktoren ein, darunter Preise bei vorausgegangenen Verleihungen wie den Golden Globes, Kritikerbewertungen, Besucherzahlen und die von Wettbüros ermittelten Siegquoten.

Die einzelnen Faktoren werden dann gewichtet - und am Ende spuckt das Modell für jeden Nominierten eine Siegwahrscheinlichkeit aus. Zauzmer behält die Details seiner Berechnungen geheim - er hat nur die von ihm ermittelten Gewinnquoten vor der Verleihung publiziert - auch via Twitter (siehe unten).

Besonders knapp beieinander lagen seine Vorhersagen in der Kategorie "Bester Film". Der tatsächliche Gewinner "The Shape of Water" lag auch in der Prognose des Mathematikers vorn - mit einer Siegwahrscheinlichkeit von 36 Prozent. Der Streifen "Three Billboards" kam laut Modell auf 31 Prozent.

Oscar-Prognosen von Ben Zauzmer

Dies sei "das knappste Rennen mindestens der vergangenen zwei Jahrzehnte" gewesen, sagte Zauzmer später dem "Telegraph". Der Analyst hat alle Oscargewinner der vergangenen Jahrzehnte in seiner Datenbank und daher einen sehr guten Überblick darüber, wann eine Entscheidung besonders eng war.

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Stars auf dem roten Teppich: Die Oscars sind bunt

Zugute kam dem Mathematiker wohl auch, dass es in diesem Jahr in den meisten Kategorien klare Favoriten gab. Dies dürfte sich auch in den Daten widergespiegelt haben, aus denen das Modell die Siegchancen errechnet hat.

Ein grundsätzlicher Vorteil bei einer Oscar-Prognose ist zudem, dass die möglichen Empfänger, von denen es jeweils fünf gibt, vorab feststehen. Das ist ein großer Unterschied etwa zur Vorhersage von Nobelpreisträgern. Das Nobelkomitee sammelt zwar zu Jahresbeginn Vorschläge ein, doch macht es nicht öffentlich, welche Kandidaten letztlich in die engere Auswahl kommen.

Drehen an der Gewichtung

Ein Problem bei mathematischen Modellen ist, dass sie kurzfristige neue Entwicklungen nur schwer abbilden können. Wird beispielsweise ein Filmstar kurz vor einer möglichen Verleihung in einen Skandal verwickelt, dann spiegelt sich das womöglich nur noch in den Quoten der Wettbüros wider, nicht jedoch in Statistiken, die aus Zeiten vor dem Skandal stammen.

Ähnlich wie auch bei Wahlprognosen kommt es auch auf das Geschick der Modellierer an, wie sie kurzfristige Entwicklungen etwa durch leicht veränderte Gewichtungen berücksichtigen. Zum Beispiel könnte man den Einfluss der Wettbürodaten erhöhen - und den der Besucherzahlen vor drei Monaten senken.

Auch im Sport werden immer wieder Prognosen auf Basis mathematischer Modelle erstellt. Zum Beispiel kann man ein WM-Turnier oder eine ganze Bundesligasaison tausendfach am Computer simulieren - und am Ende quasi den Mittelwert über alle Simulationen als Prognose dafür nutzen, wer mit welcher Wahrscheinlichkeit Meister wird oder absteigt. Andere Ballsportarten wie Tennis oder Basketball erlauben allerdings meist präzisere Vorhersagen, weil der Zufall dort insgesamt eine geringere Rolle spielt als beim Fußball. Das Glück einer Mannschaft lässt sich eben nur schwer prognostizieren.

Alle Preisträger im Überblick

Glück hatte wohl auch Ben Zauzmer mit seinen Vorhersagen für die Oscarverleihung 2018. In den beiden Kategorien "Bester Film" und "Bester ausländischer Film" hatte sein Modell ein Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Nominierter vorhergesagt - und in beiden Fällen auch den tatsächlichen Sieger getippt.

Insbesondere der besonders renommierte Oscar für den besten Film hatte den Mathematiker stark beschäftigt: "Ich war sehr nervös bis zu dem Moment, als der Briefumschlag geöffnet wurde", bekannte er hinterher.



insgesamt 8 Beiträge
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Le Commissaire 05.03.2018
1. Wie ist die Trefferquote der letzten sieben Jahre?
Wie hoch liegt den die Trefferquote des Mathematikers über die gesamten letzen sieben Jahre, also seit Beginn seiner Prognosetätigkeit? Ohne diese Informatin kann man sich über die Güte seiner Prognosen keinen Eindruck verschaffen. Seine jetzigen Treffer können so zufällig sein wie die der Krake Paul, der 2006 den Ausgang aller Spiele mit deutscher Beteiligung und das Endspiel der FIFA-WM korrekt „voraussagte“.
Herbert Deichselmann 05.03.2018
2. @le commissaire
Bitte beachten Sie, dass es sich bei Kraken Paul um ein Orakel handelte. Das ist was anderes als Statistik.
stefan.martens.75 05.03.2018
3. ähm
Weil dieses Jahr fast ausschließlich Favoriten gewannen? Weil die Gewinner so gut wie keine Überraschungen boten? Jeder Buchmacher wäre dieses Jahr genauso erfolgreich gewesen.
lachender lemur 05.03.2018
4. Kleine Aufgabe...
Wieviel ehemalige Harvard-Mathematikstudenten, die unabhängig voneinander rein zufällse Oskarprognosen machen, braucht man, um so einen Goldjungen darunter zu habe? Und ist diese Anzahl höher oder geringer als die Anzahl tatsächlich existierender Harvard-Mathematikabsolventen?
zaldarie 05.03.2018
5. Harvard, ich komme!
Ich tippe seit Jahren auf die Oscars und erziele regelmäßig 18-23 von 24 (dieses Jahr 20) und kenne einige andere Tipper die das auch jedes Jahr schaffen. Die Oscars sind in weiten Teilen halt auch einfach vorhersehbar. Beeindruckt wäre ich von 23-24/24 über mehrere Jahre hinweg.
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