Ostblockstaaten Massenprivatisierung verursachte Sterbewelle

Der Kommunismus verschwand, Betriebe wurden privatisiert - und die Männer starben schneller. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie über die Ostblockstaaten während der neunziger Jahre. Die Gründe für die stark erhöhte Sterberate waren vermutlich Arbeitslosigkeit und Alkohol.


Der eiserne Vorhang fiel, aber die Folgen waren für die Menschen in manchen ehemaligen Ostblockstaaten nicht unbedingt von Vorteil: Die rasante Privatisierung von Staatsbetrieben hat nach einer Studie bei Männern zu einem deutlichen Anstieg der Sterbezahlen geführt. Zwischen 1991 und 1994 seien die Todeszahlen unter Männern in Russland, Kasachstan, Lettland, Litauen und Estland um 42 Prozent nach oben gegangen, berichten britische Forscher in der Fachzeitschrift "The Lancet". Sie sehen einen Zusammenhang mit dem gleichzeitigen Anstieg der Arbeitslosigkeit um durchschnittlich über 300 Prozent in diesen Ländern.

Obdachloser in Moskau (Archivbild von 2000): Sterbezahlen unter Männern stiegen Anfang der neunziger Jahre
DPA

Obdachloser in Moskau (Archivbild von 2000): Sterbezahlen unter Männern stiegen Anfang der neunziger Jahre

Eine mögliche Ursache für die höheren Sterberaten sei womöglich ein stärkerer Alkoholkonsum bei Menschen, die arbeitslos geworden seien, heißt es in der Studie. Zudem hätten im Kommunismus vor allem die Arbeitgeber medizinische und soziale Versorgung ihrer Beschäftigten gewährleistet. Diese Dienstleistungen seien bei Privatisierungen meist verlorengegangen oder stark zurückgefahren worden.

In anderen Ostblockländern, die langsamer privatisiert oder über ein gutes soziales Netz außerhalb der Firmen verfügt hätten, sei die erhöhte Sterberate nicht zu beobachten, schreiben die Forscher um David Stuckler von der University of Oxford. Dies seien Albanien, Kroatien, die Tschechische Republik, Polen und Slowenien. Dort sei die Arbeitslosigkeit nur um zwei Prozent gestiegen und die Sterbezahlen bei Männern zwischen 1991 und 1994 um zehn Prozent zurückgegangen.

Die Studie über den Ostblock könne Schwellenländern wie Indien, China, Ägypten oder auch dem Irak eine Lehre sein, wo weite Teile des Staatssektors erst noch privatisiert werden müssten, so die Wissenschaftler. "Es sollte mit großer Vorsicht vorgegangen werden, wenn Wirtschaftspolitik versucht, eine Volkswirtschaft radikal zu verändern."

lub/AP



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