Päpstliche Evolutionskonferenz: "Es gab nie einen Krieg mit Darwin"

Evolution ja, Kreationismus nein: Auf der vom Vatikan veranstalteten Konferenz zur Evolution erteilten Theologen fundamentalistischen Evolutionsgegnern eine klare Absage. Der Philosoph Jürgen Mittelstraß erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wieso die Kirche mit Darwin kein Problem hat.

SPIEGEL ONLINE: Biologische Evolution - Fakten und Theorien, eine kritische Bewertung 150 Jahre nach "The Origin Of Species" hieß die vatikanische Konferenz, die nun in Rom zuende ging. Wie kritisch war sie denn?

Papst Benedikt XVI.: Kreationisten unerwünscht
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Papst Benedikt XVI.: Kreationisten unerwünscht

Jürgen Mittelstraß: Es ging sehr sachlich und professionell zu. Hier sprachen Gelehrte, nicht Institutionen. Und Wissenschaftler gehen mit sich untereinander sehr kritisch um.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die Hauptstreitpunkte?

Mittelstraß: Wenn es eine Kontroverse gab, dann um die Frage, ob die Evolution voraussagbar sei. Dazu gab es zwei Vorträge mit gegenteiliger Meinung. Aber auch daraus hat sich kein richtiger Disput entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit gab es widersprüchliche Aussagen der katholischen Kirche zur Evolution. Hat sie sich nun zur Evolutionslehre neu positioniert?

Mittelstraß: Papst Johannes Paul II. sagte, die Evolutionstheorie sei mehr als eine Hypothese. Die katholische Kirche erkennt die Evolution als Fakt an, die Evolutionslehre wird nicht in Frage gestellt. Den Kreationismus hingegen lehnt sie unisono ab - nicht nur auf der Tagung. Und Intelligent Design ist ja nur eine neuere Variante des Kreationismus.

SPIEGEL ONLINE: Wollte man sich mit der Konferenz also vom Kreationismus abgrenzen?

Mittelstraß: Ja. Die Ablehnung des Kreationismus - in welcher Variante auch immer - wurde von Anfang an durch theologische Repräsentanten klar gemacht. Deutlicher ging es eigentlich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass die Kirche den Kreationismus eher als US-amerikanisches Phänomen und Problem sieht, das von den US-Amerikanern und den US-amerikanischen Kirchen gelöst werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Sieht man sich dafür womöglich gar nicht zuständig, weil der Kreationismus von protestantischen Fundamentalisten vertreten wird?

Mittelstraß: Das glaube ich nicht, so fein kann man das nicht auseinander halten. Es wurde auf der Konferenz deutlich, dass auch der Katholizismus in den USA von kreationistischen Thesen nicht unberührt geblieben ist. Und das gilt wohl auch außerhalb Amerikas.

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
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Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
SPIEGEL ONLINE: Kreationisten waren jedenfalls unerwünscht . Das Discovery Institute, Bollwerk der US-amerikanischen Kreationisten, beschwerte sich, es sei vom Vatikan nicht eingeladen worden, und die Auswahl der Redner sei nicht unabhängig und unvoreingenommen gewesen.

Mittelstraß: Es ging ja auch nicht primär um die Auseinandersetzung mit dem Kreationismus auf der Tagung - sonst hätte man seine Vertreter wohl einladen müssen. Es ging um die Stellung der Kirche und der Philosophie gegenüber der Evolutionstheorie als einer wissenschaftlichen Theorie. Der Kreationismus ist ja keine wissenschaftliche Theorie, sondern Pseudowissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und was konnte man dahingehend aus der Konferenz mitnehmen?

Mittelstraß: Der biologische Teil war hervorragend, der Übergang in die Philosophie über die Anthropologie hoch interessant. Das wissenschaftliche Ergebnis der Konferenz ist sehr hoch einzuschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Und das theologische Ergebnis?

Mittelstraß: Wohl auch, wobei sich die Theologie mit guten Gründen bei der Beurteilung einer wissenschaftlichen Theorie zurückhält. Diese Beurteilung ist Sache der Wissenschaft selbst. Nicht so sehr einschätzen kann ich, was für einen Nachhall die Konferenz innerhalb der Kirche haben werden. Aber wie gesagt: Hier sprachen Personen, keine Institutionen.

SPIEGEL ONLINE: Die Konferenz dauerte fünf Tage, das Programm war vollgepackt. Konnte es da überhaupt Dialog geben?

Mittelstraß: In der Tat, das könnte man kritisieren. Wenn man mehr Dialog hätte haben wollen, hätte man die Konferenz womöglich ganz anders strukturieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist ihr Fazit?

Mittelstraß: Wer sich von dieser Konferenz einen Zusammenprall unterschiedlicher Fundamentalismen erwartet hat, der wurde enttäuscht. Weder wurden von evolutionsbiologischer Seite Allerklärungsthesen vertreten, noch propagierten die Theologen kreationistische Positionen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Kirche also 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins Evolutionslehre ihren Frieden mit Darwin gemacht?

Mittelstraß: Darwins Lehre wurde - anders als im Falle Galilei - nie als so bedrohlich empfunden, dass man aus dogmatischen Gründen gegen sie hätte vorgehen müssen. Die Kirche muss mit Darwin nicht ihren Frieden machen - sie hat sich nie im Kriegszustand mit ihm befunden. Und das ist ja auch vernünftig: Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Welt zu erklären - Aufgabe des Glaubens, das menschliche Leben zu stabilisieren und zu orientieren.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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