Paläontologe: Ältester Urahn des Menschen entdeckt

Forscher wollen in Äthiopien die bislang ältesten Überreste eines Hominiden ausgegraben haben. Doch die neuen Funde lassen die frühe Menschheitsgeschichte eher rätselhafter erscheinen.

Der Stammbaum des Menschen muss vermutlich erneut umgeschrieben werden. Der Paläontologe Yohannes Haile-Selassie hat in Äthiopien in der Gegend des Awash-Flusses Knochen gefunden, die seiner Meinung nach zum ältesten bislang entdeckten Urmenschen gehören. Wie der Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" schreibt, sind die Überreste etwa 5,2 bis 5,8 Millionen Jahre alt.

Zu den elf Fundstücken, die der Wissenschaftler von der University of California in Berkeley seit 1997 zu Tage förderte, gehören ein Kieferknochen, diverse Hand- und Fußknochen und weitere Fragmente. Besonders wichtig für Paläontologen sind die Zähne: So argumentiert Haile-Selassie, dass der untere Eckzahn in seiner Form eher an die Zähne späterer Menschen als an die von Affen erinnert. Die Fußknochen deuten auf einen aufrechten Gang hin.

Die von mindestens fünf verschiedenen Individuen stammenden Überreste gehören laut Haile-Selassie zu einer frühen Unterart des Ardipithecus ramidus, von dem in Äthiopien bereits rund 4,4 Millionen Jahre alte Knochen gefunden worden waren. Seine Entdeckung taufte der Wissenschaftler auf den Namen Ardipithecus ramidus kadabba.

Die neuen Funde dürften den Expertenstreit um die Evolution des Menschen weiter anheizen. Im Kern der Debatte steht die Frage, zu welchem Zeitpunkt sich die Vorläufer von Menschen und Schimpansen getrennt weiterentwickelten. Eine Zuordnung der oft nur in Fragmenten vorhandenen Fossilien zu einer der beiden Linien ist meist umstritten. So meinen zum Beispiel manche Forscher, dass neben den Hominiden auch später ausgestorbene Affenarten aufrecht gegangen sein könnten.

Haile-Selassie ist jedoch vom Hominiden-Status des Ardipithecus ramidus kadabba überzeugt: "Diese Fossilien sind ein guter Beleg dafür, dass die beiden Entwicklungslinien, aus denen Schimpansen und Menschen hervorgingen, schon vor mehr als fünf Millionen Jahren getrennt waren."

Allerdings ist der Forscher nicht der Einzige, der den ältesten Hominiden entdeckt haben will. Im vergangenen Jahr präsentierte ein Team in Kenia gefundene, rund sechs Millionen Jahre alte Knochenfragmente. Die Wissenschaftler erklärten den "Millennium-Mann", wissenschaftlich Orrorin tugenensis, zum direkten Vorfahren des Menschen. Doch daran gab es bald Zweifel. Wie nun auch Haile-Selassie in seiner Studie schreibt, könnte es sich beim "Millennium-Mann" genauso gut um einen Urahnen der heutigen Schimpansen oder eine frühe Affenart ohne lebende Nachkommen handeln.

Falls Haile-Selassie Recht behält und sich der Ardipithecus ramidus kadabba als ältester Hominide erweist, würde der Fund eine gängige Evolutionstheorie über den Haufen werfen. Forscher um Giday WoldeGabriel vom Los Alamos National Laboratory konnten mit Sedimentanalysen zeigen, dass Ardipithecus in einer feuchten und waldigen Landschaft lebte. Diese Erkenntnis widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung, der zufolge sich der Mensch erst entwickelte, als Waldgebiete durch einen Klimawandel einer Steppenlandschaft wichen.

Zudem war die Gegend um den Awash-Fluss vor sechs Millionen Jahren geologisch äußerst aktiv. Regelmäßig brachen Vulkane aus, die heiße Asche über die Region regnen ließen. "Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Leben in dieser feindlichen Umgebung weiterentwickeln konnte", sagt WoldeGabriel. "Ardipithecus und die dort lebenden Tiere müssen wahre Überlebenskünstler gewesen sein."

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