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Pandemie-Prävention: Experten gegen Wärmescanner auf Flughäfen

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Immer mehr Infektionen, immer mehr Verdachtsfälle - die Schweinegrippe breitet sich rasant aus. Den Einsatz von Wärmekameras auf Flughäfen zum Erkennen erkrankter Reisender lehnen Experten jedoch ab: Zu ungenau, lautet ihr Urteil. Ist das gefährliche Virus noch zu stoppen?

Als in Asien im Jahr 2003 der Erreger der Lungenkrankheit Sars wütete, waren auf Flughäfen in Taiwan und Singapur Wärmebildkameras zu sehen. Mit dem sogenannten Thermal Screening sollten fiebrige Einreisewillige frühzeitig erkannt, aussortiert und eingehend untersucht werden. Denn wer von dem Coronavirus befallen ist, bekommt in der Regel auch Fieber.

Seit wenigen Tagen stehen wieder Wärmescanner auf Flughäfen in Asien, zum Beispiel in Südkorea. Diesmal geht es um die Schweinegrippe, die sich rasant auf der Erde ausbreitet. Rund 150 Tote in Mexiko und Dutzende Verdachtsfälle weltweit schüren die Angst vor einer Pandemie mit vielen Tausend Opfern weltweit. Auf welchem Weg sich das Virus vom Typ A/H1N1 ausbreitet, ist bekannt: Es reist im Körper von Infizierten, die in Flugzeugen in Windeseile von Kontinent zu Kontinent reisen.

Warum aber setzen Flughäfen in Deutschland keine Wärmescanner ein? Im Bundesgesundheitsministerium hält man die Geräte, die die Hauttemperatur messen, für nicht brauchbar. "Wenn man die Screening-Methode anwendet, muss man auch eine hohe Entdeckungsquote haben", sagte der zuständige Staatssekretär Theo Schröder am Dienstag in Berlin. Experten hätten dem Ministerium mitgeteilt, dass die Fehlerquote einfach zu hoch sei. "Daher empfehlen wir ihren Einsatz nicht und setzen ihn im Augenblick auch nicht ein", so Schröder.

Er verwies ausdrücklich auch auf die WHO. Die Weltgesundheitsorganisation hatte Wärmescanner und Grenzkontrollen für untauglich im Kampf gegen die Schweinegrippe erklärt. Infizierte an Grenzübergängen oder Flughäfen hätten nicht unbedingt auch Grippesymptome, sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl am Dienstag in Genf. Mit einem Screening ließen sich keine Infizierten erfassen, bei denen die Inkubationszeit noch andauere und die deshalb noch keine Symptome zeigten. Forschungen nach der im Jahr 2003 in Asien ausgebrochenen Lungenkrankheit Sars hätten zudem ergeben, dass Grenzkontrollen zur Virus-Bekämpfung kaum hilfreich seien.

Millionen Menschen in Asien gescannt

Es gibt jedoch auch Forscher, die Wärmescanner durchaus für ein hilfreiches Mittel zum Erkennen erkrankter Reisender halten. So berichteten taiwanische Mediziner 2005 über ein in ihren Augen erfolgreiches Scan-Projekt am Wan Fang Hospital der Taipei Medical University. Vom 13. April bis zum 12. Mai 2003 habe man 72.327 Besucher und ambulante Patienten am Eingang des Krankenhauses mit Wärmescannern untersucht, schreiben die Forscher im Fachblatt "Asia Pacific Journal of Public Health". 305 Personen wurden als Fieberpatienten identifiziert, was einer Quote von 0,42 Prozent entspricht. Bei dreien bestand Verdacht auf Sars. Die Infrarot-Thermografie sei ein "effektives und zuverlässiges Werkzeug für das Massenscreening", schrieben die Mediziner.

In einer weiteren Studie aus Taiwan wurde untersucht, ob Wärmekameras zum Erkennen des Dengue-Fiebers geeignet sind. Seit dem 14. Juli 2003 wurden alle an den beiden Internationalen Flughäfen Taiwans ankommenden Fluggäste per Scanner untersucht. Wenn die Hauttemperatur über 37 Grad Celsius lag, schlug das Gerät Alarm, und die Körpertemperatur der Betroffenen wurde nochmals gemessen - per Hand im Ohr.

Zwischen Juli 2003 und Juni 2004 seien so rund acht Millionen Reisende gescannt worden, schreiben Pei-Yun Shu vom Center for Disease Control in Taipei und seine Kollegen im Fachblatt "Emerging Infectious Diseases". Davon habe man etwa 22.000 Personen als Fieberpatienten identifiziert.

Das Blut von 3011 Personen sei schließlich eingehend untersucht worden, dabei habe man 40 Dengue-Infektionen festgestellt. Die Forscher weisen jedoch auch daraufhin, dass es schwierig sei abzuschätzen, wie viele Träger des Dengue-Virus bei der Kontrolle unerkannt durchschlüpfen konnten, weil sie noch keine Krankheitssymptome gezeigt haben. Im Vergleich zu früher verwendeten Fragebögen für ankommende Reisende sei das Thermoscreening jedoch "effektiv".

Hände waschen!

Abgesehen davon kosten die Scanner eine Menge Geld. Die taiwanesischen Forscher kalkulieren die Ausgaben pro System, bestehend aus Wärmekamera, Computer und Monitor, auf über 40.000 Dollar. Hinzu kommen noch die Personalkosten, denn wenn das Gerät Alarm schlägt, muss die Körpertemperatur per Hand gemessen werden.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Deutsche Virologen wie Peter Wutzler, Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, empfehlen zur Prävention in erster Linie normale Hygienemaßnahmen. Die Grippeviren würden durch Tröpfcheninfektion übertragen. "Man sollte also ins Taschentuch niesen oder husten und es dann wegwerfen, und wenn man keines hat, notfalls in den Ärmel, aber keinesfalls in die Hand, um dem nächsten das Virus weiterzugeben."

Die Erreger hafteten auch an Türgriffen oder anderen Gegenständen, allerdings blieben sie hier nicht lange Zeit infektiös. Aus den genannten Gründen hält der Professor an der Jenaer Universität auch das gründliche Händewaschen mit Seife für äußerst wichtig. Eine Selbstverständlichkeit sollte es auch sein, zunächst nicht zu nahen Kontakt mit Rückkehrern aus den betroffenen Regionen zu haben.

"Die große Gefahr besteht darin, dass die Patienten bereits einen Tag vor der Erkrankung infektiös sind, aber noch nicht die Symptome zeigen", erklärt Wutzler. Die Viren würden aufgenommen und vermehrten sich im Körper des Betroffenen. Das könne bis zum plötzlichen Ausbruch Stunden, vielleicht einen Tag dauern. In dieser Zeit scheide der Betroffene, dem man noch nichts anmerke, bereits die neuen Viren aus und könne andere damit anstecken.

mit Material von AP

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Schweinegrippe-Prävention: Umstrittenes Thermoscreening


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