Von Markus Becker
Es war buchstäblich eine Welle des Verderbens, die im 14. Jahrhundert über Europa hereinbrach: Die Pest wälzte sich von Süden nach Norden über den Kontinent und tötete bis zu 25 Millionen Menschen. Ganze Landstriche waren anschließend verwaist, insgesamt starb rund ein Drittel der Bevölkerung Europas. Volle drei Jahre brauchte die Seuche, um sich in Form einer Welle von Sizilien bis nach Norwegen auszubreiten.
Zum Leidwesen von Medizinern und Gesundheitsbehörden sind Epidemien im Zeitalter von Auto, Bahn und globalem Flugverkehr weniger leicht vorherzusagen. Computermodelle sollen deshalb helfen, den Verlauf einer Pandemie so genau wie möglich vorherzusagen, damit die Bekämpfung effizient organisiert und die Zahl der Toten so klein wie möglich gehalten werden kann.
Die Rechenwerke sind angesichts der Bedrohung durch die Vogelgrippe derzeit heiß begehrt. Am morgigen Donnerstag etwa treffen sich Vertreter des Landesgesundheitsamts in Stuttgart mit Forschern der Universität Tübingen, um ein Programm namens "InfluSim" zu beurteilen. Martin Eichner und Markus Schwehm vom Tübinger Institut für Medizinische Biometrie behaupten von der Software, sie sei das weltweit einzige kostenlos im Internet verfügbare Werkzeug zur Seuchen-Simulation.
Ob auch Laien das Programm verstehen und benutzen können, wie das Tübinger Team glaubt, sei dahingestellt. Dutzende Parameter wie die Altersverteilung in der Bevölkerung, die Häufigkeit von Kontakten, die Schwere der Symptome und die Versorgung der Infizierten können variiert werden und sorgen für teils drastische Veränderungen der Ergebnisse.
Doch die Forscher sind überzeugt, dass ihr Programm den Seuchenbekämpfern eine wertvolle Hilfe sein wird, sollte es tatsächlich zu einer Pandemie durch ein mutiertes Vogelgrippe-Virus kommen. Die Daten, die in "InfluSim" voreingestellt sind, entsprächen neuesten wissenschaftlichen Studien oder stammten aus dem nationalen Pandemieplan.
"Wir haben versucht, so viel wie möglich von früheren Pandemien zu lernen", sagt Schwehm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Berechnungen aus dem Verlauf der Spanischen, der Asiatischen und der Hongkong-Grippe, die 1918, 1957 und 1968 um den Globus zogen, hätten Erstaunliches ergeben: Im Durchschnitt stecke ein Infizierter nur eine bis zwei weitere Personen an. "Natürlich gibt es auch die sogenannten Superspreader, die 20 oder 30 Menschen anstecken", erklärt Schwehm. "Ihr Einfluss wird aber von Menschen mit weniger Kontakten ausgeglichen." Wäre es anders gewesen, hätten die bisherigen Pandemien einen anderen Verlauf genommen.
Wir tödlich könnte das Virus sein?
Allerdings sind alle Rechenmodelle mit einer großen Unsicherheit behaftet: "Niemand weiß, wie ansteckend und tödlich ein Pandemie-Virus wäre, das aus dem H5N1-Virus hervorgeht", sagt Schwehms Kollege Eichner. Zudem ist es äußerst knifflig, die Bewegungen von Menschen in mobilen Gesellschaften mit mathematischen Modellen abzubilden. Erst kürzlich haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation dies anhand der Verfolgung von Geldscheinen versucht - und
bestechende Ergebnisse erzielt.
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