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27. April 2006, 13:59 Uhr

Pandemie-Simulation

Kranke isolieren, Grenzen schließen

Eine Grippepandemie unter Menschen ließe sich nur mit drastischen Maßnahmen eindämmen: Kranke und deren Familien isolieren, Grenzen und Schulen schließen. Die Berechnung von Seuchen-Forschern sind für globalisierte Industriestaaten ernüchternd.

Weder ist die Vogelgrippe auf den Menschen übergesprungen noch steht fest, ob sie das je tun wird. Spätestens aber seit sich die Tierseuche im vergangenen Winter auch in Europa ausgebreitet hat, spielen Seuchenexperten auch das Szenario einer Grippepandemie unter Menschen durch. Im letzten Jahrhundert hatten mehrere Grippewellen Millionen Menschenleben gefordert.

Grippe-Hospital 1918: Die Spanische Grippe tötete nach dem Ersten Weltkrieg Millionen Menschen
AP

Grippe-Hospital 1918: Die Spanische Grippe tötete nach dem Ersten Weltkrieg Millionen Menschen

"Es gibt kein Allheilmittel, um eine solche Pandemie zu stoppen", sagte Neil Ferguson, Epidemiologe am Imperial College London. Im Wissenschaftsmagazin "Nature" stellt er die Ergebnisse einer Computersimulation vor, in der Kombinationen von Abwehr- und Vorsorgemaßnahmen miteinander verglichen wurden. Ferguson bezeichnete seine Ergebnisse als "pessimistisch".

Die Modellrechnungen legen nahe, dass gegen eine mögliche Pandemie rasche Behandlung und Abschottung von Infizierten sowie deren Familien noch am wirksamsten wären, wenn gleichzeitig auch die Landesgrenzen geschlossen würden - ein extremes Szenario.

Bloße Beschränkungen der Einreise und des Verkehrs innerhalb eines Landes würden den Forschern zufolge die Ausbreitung eines Grippe-Erregers von Mensch zu Mensch um gut zwei bis drei Wochen hinauszögern. Bei einer 99,9-prozentigen Verminderung der Einreisen aus dem Ausland würden immerhin sechs Wochen gewonnen.

Sei der Erreger erst einmal im Umlauf, dann helfen den Simulationen zufolge vor allem strenge Quarantäne nicht nur für die Infizierten, sondern auch für deren Angehörige - in Verbindung mit einer Behandlung möglichst großer Teile der Bevölkerung mit antiviralen Medikamenten. Schulen sollten geschlossen werden, um die Grippewille einzudämmen.

Das US-amerikanisch-britische Forscherteam bewertete die Chancen der USA und Großbritanniens, eine Grippepandemie einzudämmen. Lehren für Kontinentaleuropäische Länder lassen sich daraus nur sehr bedingt ziehen: schon aufgrund der Geografie. Einzig dass der Versorgungsstand mit antiviralen Medikamenten laut Fergusons Simulation ein Schlüsselfaktor für die Eindämmung ist, könnte ein Beitrag zur Debatte sein.

Stabsübung in Frankreich

Wenn ein Staat für die Hälfte der Bevölkerung Mittel wie Relenza oder Tamiflu vorrätig habe, könnten Angehörige von Grippeopfern sehr aggressiv damit behandelt werden, sagte Ferguson. "Frankreich könnte das heute schon tun", sagte Ferguson, "das macht den Unterschied zwischen den USA und Europa deutlich." In den USA sind bislang nur für knapp 2 Prozent der Bevölkerung solche Medikamente eingelagert. Die deutschen Bundesländer hatten sich im Februar darauf geeinigt, für wenigstens 20 Prozent der Bevölkerung diese Medikamente einzulagern.

Frankreich sieht sich gegen eine mögliche Pandemie gewappnet. Am Montag und Dienstag hatten 300 Einsatzkräfte dort den Fall durchgespielt, dass ein aggressiver Erreger von Passagieren eines Flugzeugs aus dem fiktiven asiatischen Land Sicktschikien eingeschleppt wird.

"Im Großen und Ganzen funktioniert der Plan", sagte der Generalsekretär für die nationale Verteidigung, Francis Delon, nach der mehrtägigen Übung. Fortschritte seien allerdings noch bei der Zusammenarbeit auf internationaler und europäischer Ebene erforderlich. Vertreter Deutschlands, Großbritanniens, Australiens, der USA, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der EU-Kommission nahmen an der Übung teil.

Deutschland besser vorbereitet als 2005

Der Chef des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Kurth, sieht Deutschland besser auf eine Pandemie vorbereitet als noch vor einem halben Jahr. "Wenn wir noch zwei bis vier Jahre Zeit hätten, wäre es aber besser", sagte Kurth.

Ohne verfügbaren Impfstoff rechnet Kurth mit bis zu 30 Prozent Infizierten in der Bevölkerung, etwa 360.000 Einweisungen in Krankenhäuser und 96.000 Todesfällen. Ein Impfstoff gegen ein Pandemie-Virus für Menschen könne erst fertig gestellt werden, wenn sich ein derartiges Virus tatsächlich gebildet hat.

Vorsorgemaßnahmen seien der Verzicht auf Massenveranstaltungen, gute Handhygiene und die Einschränkung von sozialen Kontakten.

stx/AFP/dpa

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